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Synchronizing Healthcare

Weil jeder Tag zählt

Im VinziDorf-Hospiz der Elisabethinen in Graz finden unheilbar kranke obdachlose Menschen Ruhe und Frieden in ihren letzten Tagen.

17. Januar 2020
Gabriele Vasak
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 11
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ClipDealer / belchonock

Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / belchonock

Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende“, schrieb Oscar Wilde, und das mag vielleicht auch für die Bewohnerinnen und Bewohner des VinziDorf-Hospizes der Elisabethinen in Graz gelten. Seit dem Jahr 2017 gibt es das Hospiz, das für jene offen ist, denen das Leben nicht gut mitgespielt hat. Männer und Frauen, die eine stationäre Hospizversorgung benötigen und wohnungslos sind oder eine prekäre Wohnsituation haben, können dort gut versorgt ihre letzten Tage verbringen. Und das Angebot gilt auch, wenn die Betroffenen keinen Versicherungsschutz haben.

Perspektive am Lebensende

Am.Ende.Leben lautet die Marke, die das Ziel des VinziDorf-Hospizes beschreibt. Sie gilt für alle Palliativ- und Hospizangebote der Elisabethinen in Graz. „Wir wollen diesen Menschen an ihrem Lebensende eine Perspektive bieten. Sie dürfen Vertrauen fassen, Geborgenheit erfahren und die Dinge, die ihnen Freude bereiten, genießen. All das ist möglich, weil sie fachlich bestens betreut sind. Sie wissen, dass sie im letzten Atemzug nicht allein sein werden und keine Schmerzen empfinden müssen“, sagt Christian Lagger, einer der beiden Geschäftsführer des christlich-katholischen Ordenskrankenhauses, das das Wirken der heiligen Elisabeth vor Augen hat.

Der Konvent der Elisabethinen ist heute 329 Jahre alt, und die Schwestern kümmern sich seit jeher um Arme und Kranke. Anlässlich des 325-jährigen Jubiläums im Jahr 2015 haben sie die Frage, wie sie ihren Auftrag im Hier und Jetzt erfüllen wollen, intensiv in ihr Gebet aufgenommen. Zur selben Zeit hatte Christian Lagger ein Gespräch mit Eva Czermak, der Leiterin der Caritas-Marienambulanz in Graz. Dort bietet man medizinische Erst- und Grundversorgung für unversicherte Menschen an. „Ich habe Frau Czermak gefragt: Wo sterben eure Patienten? Und sie meinte, das weiß niemand“, berichtet Christian Lagger, der wenig später der Generaloberin des Konvents von dieser Lücke erzählte. „Sie spürte: Das ist es, was der Orden der Elisabethinen heute in Angriff nehmen muss.“

Europaweit einzigartig

So wurde am 5. April 2017 das VinziDorf-Hospiz der Elisabethinen eröffnet. Es ist europaweit einzigartig, denn nirgends sonst gibt es ein stationäres Hospizangebot für obdachlose Menschen – bestenfalls mobile Palliativteams, die sie versorgen. Im VinziDorf-Hospiz aber kümmert sich ein interdisziplinäres Team um die unheilbar kranken obdachlosen Bewohner. 24-Stunden-Betreuerinnen übernehmen die Grundversorgung. Vier diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerinnen sowie zwei Ärzte der Palliativstation sind für die Palliativ-Fachpflege zuständig und fahren mehrmals pro Woche in das Hospiz. Wenn nötig, kommen auch Sozialarbeiter, Physiotherapeuten und Psychologen zur Unterstützung. Bei Wunsch ist die seelsorgerische Begleitung selbstverständlich. „Bei der Palliative Care geht es darum, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Der Fokus liegt nicht auf der manchmal krampfhaften Verlängerung des Lebens, sondern darauf, belastenden Beschwerden entgegenzusteuern“, sagt Christian Lagger.

Leben im VinziDorf-Hospiz

Für Notfälle außerhalb der Regeldienstzeit gibt es ein Team von ehrenamtlichen Medizinern, die in das Hospiz fahren. Auf Wunsch besuchen Seelsorger die Gäste. Und nicht zuletzt gibt es ein Team von Ehrenamtlichen des Hospizvereins Steiermark, die die Bewohner regelmäßig besuchen und ihnen ihre Zeit schenken. „Dann geht es um Aktivitäten, die ihnen besondere Freude machen, zum Beispiel einen Spaziergang, malen, musizieren oder gemeinsam in der Sonne sitzen“, erzählt der Geschäftsführer des Hospizes der anderen Art.

Solche Angebote schätzt auch Manfred. Er ist um die 60 und lebt seit Anfang Juni im VinziDorf-Hospiz in Graz. Dort landete er, nachdem ein Thrombus in der Hauptarterie, die von der Lunge zum Hals führt, ihm schwerste Atemnot bereitete. Im Zuge der Untersuchungen stellte sich heraus, dass er auch einen Tumor in der Lunge hat. „Man hat versucht, diesen Tumor zu behandeln, aber leider Gottes ging es immer weiter bergab mit mir. Es bildeten sich Metastasen in meinem Gehirn, und man hat mir keine allzu großen Hoffnungen mehr gemacht. So kam ich nach einiger Zeit auf der Palliativstation hierher ins VinziDorf-Hospiz“, berichtet er. Dort geht es ihm – bis auf die Schmerzen, die er nach wie vor hat – verhältnismäßig gut. Manfred schätzt vor allem die familiäre Atmosphäre des Hospizes und die Gespräche mit den Betreuerinnen und Betreuern. Ab und zu kocht er im Hospiz auch für alle, die das möchten. „Man kann hier – anders als in einem Krankenhaus – auf gewisse Weise aktiv sein. Dann fühlt man sich auch nicht mehr so nutzlos und bloß zum Sterben hier“, sagt er, der das VinziDorf-Hospiz als eine „sehr, sehr wertvolle Einrichtung“ bezeichnet. Hier habe man ihm geholfen, nach seiner Diagnose und Prognose wieder Lebensmut zu finden: „Ich denke, das ist auch der Grund dafür, dass ich noch lebe, denn im Juni gab man mir nur mehr fünf bis sechs Wochen; heute sind es doch schon ein paar Monate.“

Als Ort der Begegnung sieht auch Christian Lagger das VinziDorf-Hospiz. „Die vielen und vielfältigen Menschen hier – und damit meine ich nicht nur die Bewohner, sondern auch haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter und Besucher – machen das Haus zu einem Begegnungsort. Dieses Gefühl von ‚Zuhause‘ zu schaffen, also Geborgenheit, Vertrauen, Sicherheit, ist meiner Ansicht nach sehr gut gelungen, eine sich sorgende Gemeinschaft ist entstanden.“

Herausforderung: Finanzierung

Was eine Herausforderung bleibt, ist – man erahnt es – die finanzielle Lage des Hauses. Zwar hat den Umbau des Gebäudes zum Hospiz zur Gänze ein Unternehmen für Labormessgeräte und Prozessinstrumente gesponsert, und das Land Steiermark unterstützt das Hospiz in den ersten Jahren mit einer Anstoßfinanzierung durch den Gesundheitsfonds Steiermark. Ebenso unterstützt auch die Diözese Graz-Seckau finanziell, und mehrere Firmen gewähren Nachlässe oder stellen ihre Leistungen kostenlos zur Verfügung, aber: „Für den laufenden Betrieb – Ausgaben wie Miete, Lebensmittel, 24-Stunden-Betreuung, Fachpflege, medizinische Betreuung und vieles mehr – sind wir auf Spenden angewiesen“, sagt Christian Lagger, und: „Wir sind ein sehr junges Projekt und müssen noch viele Menschen dafür gewinnen, unser Hospiz finanziell zu unterstützen, damit wir den Betrieb auf lange Sicht absichern können. Aktuell sind wir auf der Suche nach ehrenamtlichen Ärztinnen und Ärzten, damit wir die ärztliche Rufbereitschaft weiterhin rund um die Uhr besetzen können.“

Akzeptanz der Bevölkerung

Direkt gegenüber dem VinziDorf-Hospiz liegt übrigens das VinziDorf, eine Dauerherberge für obdachlose, alkoholkranke Männer. Diese Einrichtung gibt es schon fast 26 Jahre, und Christian Lagger sieht darin auch den Grund dafür, dass es für die Bevölkerung schon Gewohnheit ist, dass Menschen in ihrer Nachbarschaft wohnen, die nicht dem Mainstream entsprechen. „Soweit wir wissen, gibt es niemanden, der die Idee des VinziDorf-Hospizes für nicht gut befindet. Wir haben sehr viel Zuspruch aus der Bevölkerung bekommen, von Menschen des öffentlichen Lebens, der Politik, der Kirche und von Privatpersonen, und in der Pfarre St. Leonhard, auf deren Gelände das VinziDorf-Hospiz errichtet wurde, wurden schon mehrfach Benefizveranstaltungen für das Hospiz organisiert.“

Der Geschäftsführer des Hospizes der anderen Art wünscht sich noch, dass in Zukunft auch andere dem Beispiel des VinziDorfHospizes folgen. „Wir halten es für notwendig, dass eine Regelfinanzierung für Hospizplätze eingeführt wird. Das würde bedeuten, dass Hospizbetten öffentlich finanziert sind, ähnlich wie es bei Krankenhausbetten geregelt ist. Aktuell ist es so, dass Hospizpatienten einen finanziellen Beitrag in Höhe von 80 Prozent ihres Einkommens und des Pflegegeldes leisten müssten. Unsere Gäste im VinziDorf-Hospiz haben üblicherweise kein oder nur ein sehr geringes Einkommen bzw. oft auch kein Pflegegeld.“

So geht es auch Manfred. Er hat nur mehr wenig Zeit auf dieser Erde, aber er sagt: „Wir sind nicht hier, um zu sterben, sondern um zu leben. Jeder Tag zählt.“

Spendenkonto für das Vinzidorf-Hospiz

Krankenhaus der Elisabethinen GmbH, Hospiz/Palliativ
IBAN: AT85 2081 5000 4236 0834
BIC: STSPAT2GXXX

Schaffler Verlag

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
11/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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