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Synchronizing Healthcare

Vom Monolog zum Dialog

Der weite Weg von der paternalistisch orientierten Gesundheitserziehung zur Gesundheitskommunikation, die sich am Patienten orientiert.

14. November 2019
Christian F. Freisleben
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 10
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Bildinhalt: Patientengespräch

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Für Friedrich von Tischendorf waren die Rollen recht klar verteilt: Der Arzt klärt den Patienten darüber auf, was dieser zu tun oder zu lassen hat. „Ist der Genesende selbst wenig einsichtig, wird man zweckmäßigerweise verantwortungsbewusste Angehörige bitten, für die Einhaltung des Genesungsprogramms Sorge zu tragen“, schrieb der Bad-Godesberger Arzt im Beitrag Gesundheitserziehung im Krankenhaus aus der Krankenhaus-Umschau 1958, der 1960 in der Österreichischen Krankenhaus-Zeitung nachgedruckt wurde.

„Ein Wendepunkt von der Haltung und Herangehensweise der Gesundheitserziehung hin zu Gesundheitsförderung war sicher die Ottawa Charta 1986, die einen Bewusstseinswandel eingeleitet hat sowie ein weiterer wichtiger Meilenstein in der Förderung einer partnerschaftlicheren Kultur im Gesundheitssystem und darüber hinaus ist“, sagt Christina Dietscher, geschäftsführende Leiterin der Abteilung für Gesundheitsförderung und Prävention am Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz und Vorsitzende des Kernteams der Österreichischen Plattform Gesundheitskompetenz, 60 Jahre später. Wenngleich die International Union for Health Promotion and Education, eine der größten internationalen Fachvereinigungen in diesem Feld, im Namen noch immer „Erziehung“ anführt.

Denn vielfach herrscht noch immer der Glaube: Werden Bürger und Patienten entsprechend informiert und erzogen, werden sie ihr (Gesundheits-)Verhalten schon ändern. „Im öffentlichen Diskurs ist nach wie vor oft zu hören, dass es reichen würde, jemandem zu sagen, wie gesundes Leben auszusehen hat“, betont Dietscher. Dabei weiß man aufgrund von Forschungen schon lange, dass es bei Verhaltensänderungen nicht nur um Wissen und Fähigkeiten der einzelnen Person geht, sondern dass auch die Rahmenbedingungen – die Verhältnisse – eine zentrale Rolle spielen, sowohl das Arbeitsumfeld als auch die Art und Weise, wie jemand lebt, aber auch die Rahmenbedingungen im Gesundheitssystem.

Wissen, was zu tun ist

Gesundheitskompetenz „umfasst das Wissen, die Motivation und die Fähigkeiten von Menschen, relevante Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um im Alltag in den Bereichen Gesundheitsförderung (zur Erhaltung und Stärkung der Gesundheit), Prävention (zur Vorbeugung von Beschwerden oder Erkrankungen) und Krankenversorgung (bei bestehenden Beschwerden oder Erkrankungen) Entscheidungen treffen zu können, die zur Erhaltung oder Verbesserung der Lebensqualität und Gesundheit während des gesamten Lebensverlaufs beitragen“, heißt es etwas sperrig auf der Website der Plattform Gesundheitskompetenz.1 In Österreich wurde das Thema ab 2012 im Rahmen der Gesundheitsziele und in der Zielsteuerung-Gesundheit aufgegriffen und es wird, so Dietscher, „seither von Bund, Ländern, Sozialversicherung, aber auch von Akteuren außerhalb des Gesundheitssystems vorangetrieben“.

Eine wichtige Voraussetzung für Gesundheitskompetenz ist die Qualität von gesundheitsbezogener Kommunikation und Information. Gesundheitskommunikation ist, wie Dietscher betont, in einem Krankenhaus oder einer anderen Gesundheitseinrichtung umso wirksamer, je stärker die Organisation insgesamt eine gute Kommunikationskultur pflegt, unterstützt durch Qualitäts- und Organisationsentwicklung. „Dabei muss es immer um die Patienten und die Mitarbeiter gehen!“, so Dietscher. Denn je mehr sich die Mitarbeitenden in ihrer eigenen Gesundheitskompetenz unterstützt und gefördert fühlen, desto eher können sie dies auch weitergeben.

Im Blick müssten also auch Fortbildungsangebote für Mitarbeiter sowie die Arbeitsbedingungen sein, die Verhältnisse vor Ort, die dann sowohl für Mitarbeitende ein gesundes Arbeiten in jeder Hinsicht ermöglichen als auch für Patienten eine umfassende Begleitung sicherstellen. „Wie gut Patienten an ihrer Genesung mitarbeiten, ob sie beispielsweise Medikamente korrekt einnehmen oder Reha-Übungen durchführen, hängt auch von ihrem Verständnis ihrer Situation ab. Darüber hinaus kann Gesundheitskommunikation dazu anregen, das eigene Leben gesundheitsförderlich zu gestalten“, so Dietscher. Der Erfolg derartiger Lebensstil-Interventionen könne durch entsprechende Follow-Up-Angebote im niedergelassenen Bereich wesentlich gesteigert werden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Kommunikation zwischen intra- und extramuralem Bereich. Ebenso wichtig kann es sein, Bezugspersonen eines Menschen mitzudenken.

Intensiver Dialog

Kommunikation zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz braucht einen intensiven Dialog, der Patienten dort abholt, wo sie aktuell im Leben stehen: „Eine wichtige Frage ist: Was brauchen Sie? Was ist Ihr Anliegen?“ Eine zielführende Technik guter Gesprächsqualität ist, wie Dietscher weiter betont, das intensive, unterbrechungsfreie Zuhören auf Augenhöhe zumindest während der ersten Minute des Gesprächs. „Die Haltung ist: Ich weiß nicht, was das allerbeste für mein Gegenüber ist, ich finde es gemeinsam mit ihr oder ihm heraus und beziehe so intensiv wie möglich individuelles Wissen, Lebens-, Krankheits- und Genesungserfahrungen ein.“ In einem interdisziplinären Miteinander werden Personen mit Anregungen dabei unterstützt, Gesundheitsziele umzusetzen. Ein selbstverständlicher Schritt muss dabei sein, nachzufragen, ob Empfehlungen oder Therapiehinweise für den persönlichen Alltag verstanden worden sind, also etwa mit der Frage: Wie werden Sie das nun in Ihrem Alltag konkret schrittweise umsetzen?

Dieses Verfahren ist auch als Teach-Back-Methode bekannt. Gute Gesundheitskommunikation in diesem Sinne ist, „wie viele Menschen aus eigener leidvoller Erfahrung wissen, nicht selbstverständlich – sie ist aber lehr- und lernbar“. Hierzulande wurde, wie Dietscher berichtet, mit Unterstützung der Sozialversicherung, in Kooperation mit den medizinischen Ausbildungszentren und aufbauend auf die Nationale Strategie zur Verbesserung der Gesprächsqualität in der Krankenversorgung in den letzten Jahren ein Trainingsprogramm für Gesundheitsberufe auf den Weg gebracht.

Kriterien für gute Kommunikation

Neben der Bereitstellung guter Gesprächsqualität ist eine weitere Aufgabe des Gesundheitssystems, Patienten dabei zu unterstützen, die Qualität und Vertrauenswürdigkeit von medial vermittelten Gesundheitsinformationen einzuschätzen. Egal ob diese von wohlmeinenden Nachbarn kommen, die plötzlich zu Ernährungsexperten mutieren, aus Büchern, die von sich behaupten, lebensverändernde Botschaften zu beinhalten, oder aus diversen Online-Quellen. Die Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz (ÖPG) hat einen Kriterienkatalog für gute Gesundheitsinformationen herausgegeben. Derzeit wird an einer Checkliste gearbeitet, die es auch Laien auf einfache Weise ermöglicht, die Seriosität und Qualität einer Information einzuschätzen.

In Gesundheitseinrichtungen wie Spitälern oder Primärversorgungseinheiten geht es auch um die Weiterentwicklung von Abläufen und Leitlinien. Dies bedeutet ebenfalls ein Handeln auf zwei Ebenen: Für das Personal geht es um Arbeitsqualität, für Patienten um Behandlungsqualität, wobei die Qualität von Kommunikation und Information immer wieder im Fokus der Aufmerksamkeit und der kontinuierlichen Weiterentwicklung steht. Unterstützung bieten dabei ein Selbstbewertungs-Instrument und ein Leitfaden, die auf Basis des Wiener Konzepts Gesundheitskompetenter Krankenbehandlungsorganisationen2 von der ÖPG bereitgestellt werden. Einrichtungen, die systematisch an der Verbesserung von Kommunikations- und Informationsqualität arbeiten, können dafür eine Anerkennung als Gesundheitsförderndes Krankenhaus oder eine Mitgliedschaft in der ÖPG erhalten.

Videos und Gruppenseminare

„Unverzichtbar ist, dass die Leitung einer Einrichtung die Bemühungen rund um Gesundheitskompetenz aktiv fördert und begleitet“, meint Dietscher. Es brauche ein entsprechendes Team im Haus, am ehesten im Bereich des Qualitätsmanagements angesiedelt. Ausgangspunkt der Entwicklungen ist immer ein Mapping dessen, was schon gemacht wird – denn fast jede Gesundheitseinrichtung führt bereits einschlägige Aktivitäten durch, ohne sie der Überschrift Gesundheitskompetenz zuzuordnen. Dazu können auch Angebote gehören, die regionale Stakeholder mit an Bord holen, wie das Durchführen von Gesundheitsmessen. Ein Beispiel, wie Gesundheitskommunikation gestaltet werden kann, ist das Projekt Herzensbildung des Wiener Krankenanstaltenverbundes. Es umfasst zwei Interventionen im Rahmen des stationären Aufenthalts in den kardiologischen Abteilungen am AKH Wien, am Krankenhaus Hietzing und am Kaiser-Franz-Josef-Spital: ein mehrsprachiges Aufklärungsvideo und Gruppenseminare für Patientinnen und Patienten und deren Angehörige. Das Aufklärungsvideo gibt Informationen zur Herz-Kreislauf-Erkrankung. Im Gruppenseminar werden diese dann mit der Seminarleitung diskutiert, es besteht die Möglichkeit, Fragen zu beantworten.

An einen wichtigen Aspekt erinnerte schon Friedrich von Tischendorf 1960: „Der Arzt muss auch bedenken, dass ein echtes gesundheitserzieherisches Gespräch, welches die Tiefenpersönlichkeit des Patienten berührt, weder bei einer schnellen Visite, noch in Gegenwart neugieriger Mitpatienten möglich ist.“

Literatur:

2

ONGKG (Hg) (2015): Die Gesundheitskompetenz von Gesundheitseinrichtungen entwickeln. Strategien und Beispiele. Internet: http://www.ongkg.at/konferenzen/konferenzarchiv.html Zugriff: 9.9.2019.

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