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Synchronizing Healthcare

Unendliche Einsatzgebiete

Warum Roboter auch in der Gesundheitsversorgung vieles können, aber keinen Menschen ersetzen werden.

13. November 2019
Michaela Endemann
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 10
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ClipDealer / YorkBerlin

Bildinhalt: Roboter

Bildrechte: ClipDealer / YorkBerlin

Um ihre nicht ganz einfache Mutter zu Hause pflegen zu können, schafft sich die berufstätige Vera im Theaterstück Robocare einen Roboter an. Der agiert ziemlich eigenständig. Auf die Bitte, ein Glas Wasser zu bringen, antwortet er: „Holen Sie sich das Glas Wasser selber, Sie müssen jeden Tag 10.000 Schritte gehen.“ Das Stück wirft ernste Fragen auf. Werden Roboter die Pflege übernehmen? Sollen sie dem Menschen zum Verwechseln ähnlich sein? Welche Bereiche in der Betreuung und Pflege können überhaupt von Robotik durchdrungen werden?

Pflegeroboter

Manche Experten sind der Meinung, dass die zunehmende Technisierung zu einer Zweiklassenpflege führen wird. Wer es sich leisten kann, wird von Menschen betreut, wer nicht, von einem Roboter. Die Philosophin Jeanne Kreis, die sich mit ethischen Auswirkungen von Pflegerobotern beschäftigt hat1 , hält diese Bedenken für berechtigt, glaubt aber, „dass wir sie umgehen können, wenn Roboter von Beginn an für den mit Pflegekräften kollaborierenden Einsatz entwickelt werden“. Adelheid von Stösser, Pflegeexpertin und Begründerin der Pflegeethik Initiative Deutschland e.V., sieht das anders: „Diese Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen. Jedoch kann ich mir gut vorstellen, dass irgendwann auch Androiden an den Pflegebetten stehen. Wenn auch nur ein sehr kleiner, wohlhabender Teil der Bevölkerung sich diese Hilfe wird leisten können. Insofern sehe ich eher eine umgekehrte Entwicklung.“ Dass Roboter ab einem gewissen Grad an Menschenähnlichkeit eher unheimlich als vertrauenserweckend wirken, wurde bereits 1970 beschrieben. Jeanne Kreis sagt deshalb: „Dem Menschen sollte zu jeder Zeit klar sein, dass er es mit einer Maschine und nicht mit einem Lebewesen zu tun hat.“

Das Einsatzgebiet „intelligenter“ Maschinen scheint unendlich, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Forschung und Entwicklung von Robotern, die spezielle Aufgaben durchführen können, boomt. Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger, sieht darin durchaus Potenzial: „Pflege ist auch heute schon eine Tätigkeit, die ohne technologische Unterstützung undenkbar ist. Im Idealfall bleibt mehr Zeit für menschliche Zuwendung.“ Die Apparaturen reichen von Hebehilfen bis zu automatisierten Duschsystemen, die zudem zu mehr Eigenständigkeit der Pflegebedürftigen beitragen sollen. In Pflegeheimen und Krankenhäusern können Roboter automatisch die Wäsche oder das Essen transportieren, ja sogar Patienten könnten in von robotergesteuerten Betten von einem Ort zum anderen gebracht werden. Der Serviceroboter Hobbit etwa löst bei Stürzen von Heimbewohnern Alarm aus, kann aber auch Holund Bringdienste sowie zur Unterhaltung Spiele ausführen2 . Für die Hilfe zu Hause könnte bald schon ein Roboter, der beim Kochen oder Transport von Gegenständen hilft, eingesetzt werden3 . Viele dieser Ideen sind allerdings derzeit erst Prototypen und in Pilotprojekten im Einsatz. Etwas weiter gediehen sind Roboter in der Rehabilitation, wie Esshilfen für cerebral Gelähmte oder diverse Geh- und Handbewegungstrainer, bis hin zu Exoskeletten zur Erlangung der Gehfähigkeit nach Schlaganfällen.

Mensch bleibt Mensch

„Ich glaube, es ist wichtig, einen gesellschaftlichen Konsens zu entwickeln, in welchem Rahmen wir Pflegeroboter und Roboter im Allgemeinen einsetzen wollen. Insbesondere die Aufgaben, die sie übernehmen sollen, müssen definiert werden“, meint Jeanne Kreis. Für Birgit Meinhard-Schiebel steht der Faktor Mensch immer noch im Vordergrund: „Wer weiß, dass eine körperliche Berührung neben der pflegerischen Handlung auch eine zwischenmenschliche Beziehung darstellt, weiß auch, dass ein Roboter – selbst wenn er noch so nett aussieht und kuschelig ist, ein technologisches Gerät ohne Gefühl und Empathie ist. Menschen brauchen Menschen. Immer noch.“

GEEKSPEAK

Roboter: Als Vorläufer heutiger Roboter können mechanische bewegliche Geräte angesehen werden. Hinweise dazu gibt es sogar schon aus Ägypten und Griechenland. Das Wort „Roboter“ geht auf das Altslawische „rabota“ (Knechtschaft) sowie „robota“, tschechisch für Frondienst oder Zwangsarbeit zurück. Eine erste Verwendung fand das Wort 1920 im Theaterstück Rossum's Universal Robots von Josef Capek, der in Tanks menschenähnliche künstliche Arbeiter züchtet, die geschaffen wurden, um Arbeit zu übernehmen, jedoch revoltieren.

Mitte des 20. Jahrhunderts wurden erste Roboter mit speziellen Eigenschaften wie dem Ausweichen von Hindernissen entwickelt. Die Definition von Robotern geht heute weit auseinander, am meisten Verwendung finden die Definitionen der Robotic Industries Association, der VDI-Richtlinie 2860 sowie der Japan Robot Association.

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
10/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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