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Synchronizing Healthcare

Umwelt- und genetische Faktoren können Suizidrisiko beeinflussen

Menschen mit affektiven Störungen - speziell mit Depres­sionen oder bipolaren Zustands­bildern - haben ein erhöhtes Suizid­risiko. Eine Wiener Wissen­schafter­gruppe unter Alexandra Schosser von der Universi­täts­klinik für Psychia­trie und Psycho­therapie (MedUni Wien/AKH) hat in einem Projekt ver­schie­dene Einfluss­größen von Genetik und Umwelt­ein­flüssen auf die Suizid­gefährdung identifiziert.

07. Oktober 2019
Philipp Streinz
CGM / APAMED
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Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / Feverpitch

Die Wissenschafter stützten sich unter anderem auf die Daten von 846 Patien­ten mit Depres­sionen oder bipo­laren Störungen, die einer­seits genetisch unter­sucht wurden, anderer­seits auch bezüg­lich ihrer Lebens- und Krank­heits­geschichte ("Umwelt­ein­flüsse") unter­sucht wurden. Eine der gewon­nenen Erkennt­nisse: Bestimmte Verän­derungen im Gen für das COMT-Enzym, das Nerven­boten­stoffe wie Adre­nalin, Noradre­nalin und Dopamin abbaut, gehen offen­bar mit einem erhöhten Suizid­risiko einher. Die Korre­lation war statis­tisch signi­fikant, wie die Wissen­schafter­gruppe in einer Publi­kation vom Jänner 2018 in Scien­tific Reports darstellte.

"Wir haben sowohl einzelne Genotypen gefunden, die in Zusammen­hang mit Suizid­versuchen stehen als auch epigene­tische Verän­derungen. So ergaben Gen­analysen, dass das COMT-Gen das unter anderem den Neuro­trans­mitter Dopamin beein­flusst, in Zusammen­hang mit Suizid­versuchen steht und sich nach­weis­lich auf das Ausmaß von Suizid­risiko aus­wirkt. Bei Frauen mit Suizid­gedanken vermin­derte sich die Akti­vität von COMT, während der Oxytocin-Level anstieg" erklärte die Wissen­schaf­terin. Noch ist aller­dings ungeklärt, wie COMT-Akti­vität und Suizi­dalität ursäch­lich zusammen­hängen. Medika­mente, welche COMT hemmen, werden in der Therapie des Morbus Parkinson eingesetzt.

In eine anderen Studie mit 258 Patienten, welche unter Depres­sionen oder an einer bipo­laren Erkran­kung litten, belegten Schosser und die Co-Autoren bereits im Jahr 2015 einen Zusammen­hang zwischen trauma­tischen Erleb­nissen in der Kind­heit und späterem suizi­dalen Ver­halten. Das gilt aber offenbar vor allem für Frauen. Trauma­tische Kind­heits­erleb­nisse sind demnach bei Frauen mit einem statis­tisch signi­fikant höheren Risiko für Suizi­dalität und selbst­ver­letzenden Ver­halten ver­bunden, nicht aber bei Männern. Die ent­sprechende Studie ist in Plos One erschienen.

In einer dritten Studie wurde von den Wissen­schaftern ein möglicher Zusammen­hang zwischen Muta­tionen im Gen für den Cortico­tropin-Releasing Hormon-Rezeptor 1 (CRHR1), Miss­brauchs­erfah­rungen in der Kind­heit und Suizid­versuchen unter­sucht. Hier konnte kein statis­tisch signi­fikanter Zusammen­hang fest­gestellt werden. Möglicher­weise war dafür das Sample von 258 unter­suchten Patienten zu klein.

Simple ursächliche Zusammenhänge zwischen gene­tischen Faktoren und psychi­schen Erkran­kungen gibt es kaum. Es handelt sich um genetisch komplexe Erkran­kungen, die in einem Zusammen­spiel mit psycho­sozialen Ein­flüssen ent­stehen. "Der Vorteil unserer Studie ist, dass wir die Patienten­gruppe extrem gut definiert haben. Das kann eine Hilfe für zukünf­tige wissen­schaft­liche Unter­suchungen sein", sagte Schosser. Das Projekt wurde vom FWF finanziert.

Weltweit nehmen sich rund 800.000 Menschen pro Jahr das Leben. In Öster­reich kommt es jähr­lich trotz eines deut­lichen Rück­gangs in den vergan­genen Jahr­zehnten noch immer zu rund 1.200 Suiziden. Die Zahl der Versuche wird mit dem Zehn- bis 30-Fachen ange­geben. Psychische Störungen, vor allem Depres­sionen, stehen zu 90 Prozent im Hinter­grund von Selbsttötungen.

Hinweis: Sie sind in einer verzwei­felten Lebens­situation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hilfs­angebote für Personen mit Suizid­gedanken und deren Ange­hörige bietet das Suizid­präven­tions­portal des Gesund­heits­minis­teriums. Unter www.suizid-praevention.gv.at finden sich Kontakt­daten von Hilfs­einrichtungen in Österreich.

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