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Synchronizing Healthcare

Rohrposttransport:
Arzneimittel auf der Überholspur

Eine Rohrpostanlage stellt innerhalb eines weit­läufigen Kranken­haus­geländeseine rasche und wenig personal­intensive Alter­native zum herkömmlichen Transport dar. Im Universi­täts­klinikum St. Pölten steht ein Rohr­post­system zur Verfügung, das von der Apotheke zur Versorgung der Abtei­lungen mit akut benötigten Arznei­mitteln verwendet werden kann.

21. Februar 2019
Claudia Wunder
Schaffler Verlag, Qualitas: 04/2018
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Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / kirbyzz

Diese High-Speed-Anlage überwindet in kurzer Zeit große Distanzen. Ein Vorteil bei dringendem Bedarf, jedoch mit dem Risiko behaftet, dass das trans­por­tierte Gut beim Beschleu­nigen und Bremsen starken Belas­tungen ausgesetzt wird. Daher muss im Vorfeld sicher­gestellt sein, dass die trans­portierten Behält­nisse dieser mecha­nischen Bean­spruchung auch stand­halten. Sind die Primär­packm­ittel nicht geeignet, können aus­tretende Substanzen zu einer Kreuz­konta­mination von Arznei­mitteln führen oder die Mitar­beiter gefährden, die beim Aus­packen der Rohr­post­hülse unbeab­sichtigt über Haut oder Atemwege in direkten Kontakt mit CMR-Substanzen (carcinogen, mutagen, repro­duk­tions­toxisch) kommen. Nicht außer Acht lassen sollte man auch, dass bereits ein unsicht­barer Haar­riss in einer sterilen Zube­reitung eine Eintritts­pforte für Keime sein kann und somit eine massive Gesund­heits­gefährdung für Patienten darstellt.

Doch über die Verpackung hinaus stellte sich den Kranken­haus­apo­thekern im Uni­versi­täts­klinikum St. Pölten auch die Frage nach der Stabi­lität der Wirk­stoffe und der gale­nischen Zube­rei­tungen unter diesen speziellen Trans­port­bedin­gungen. Die Produkt­palette der Anstalts­apotheke umfasst eine Vielzahl von Dar­reichungs­formen wie Tabletten, Kapseln, Salben, Emul­sionen, Suspen­sionen, Pulver, Ampullen, Durch­stech­flaschen, Fertig­spritzen, Wirk­stoff­pflaster, Aerosole, Druck­gas­packungen etc. Die Über­legung war, dass durch starkes Schütteln flüssige Zube­rei­tungen auf­schäumen oder mehr­phasige Systeme eine Phasen­trennung erfahren können, was eine sach­gemäße Appli­kation unmöglich macht. Komplexe Wirk­stoff­moleküle können sich verändern und somit ihre Wirkung verlieren. Vor diesem Hinter­grund wurde eine Quali­fi­zierung der Rohr­post­anlage für den Medi­kamenten­versand durch die Apotheker durchgeführt.

Zwischen der Apotheke und der anfor­dernden Station befindet sich im UK St. Pölten eine Zwischen­station zur Umlenkung, was zur Folge hat, dass jede Rohr­post­hülse samt Inhalt mehrmals beschleu­nigt, abge­bremst und auf den Kopf gestellt wird. Bei 60 Test­fahrten wurden mittels Sensoren die Beschleu­nigung in Form der g-Kraft und die Trans­port­temperatur gemessen. Die Daten­aus­wertung zeigte eine Einhaltung der Temperatur­vorgabe von 15-25°C während des Transports und eine maximal Belastung von 16g bei Abfahrt und Ankunft einer Hülse. Im Vergleich dazu sind die Astro­nauten im US-Space­Shuttle einer Belastung von ca. 1,5g und in den russischen Sojus-Kapseln von bis zu 10g ausgesetzt, in Achter­bahnen können kurz­fristig bis zu 6g erreicht werden.

Im Rahmen der Quali­fi­zierung wurden spezielle Ver­packungs­mate­rialien getestet, die ein Ver­rutschen der Arznei­mittel inner­halb der Hülse verhindern, flüssig­keits­dicht sind und durch Polsterung den Aufprall mildern. Dennoch zeigte sich im Testb­etrieb, dass es ins­besondere bei Kunst­stoff­ver­packungen wie Flaschen oder Salben­tiegel durch die unter­schied­liche Druck­stabi­lität von Deckel und Unter­teil zum Austritt von Inhalt kommt, selbst bei perfekter Verschrau­bung und Ver­packung. Als unge­eignet erwiesen sich auch pulver­förmige Wirk­stoffe in Ampullen, denn das Pulver wurde irre­ver­sibel in den Ampullen­kopf gepresst, was bei Appli­kation eine gravierende Unter­dosierung des Wirk­stoffs nach sich zöge.

Kritisch zeigte sich der Versand von Emul­sionen, wie sie bei­spiels­weise in der paren­teralen Ernährung einge­setzt werden. Durch Luft­ein­schlüsse änderte sich die Visko­sität, es kam zu einer Verfes­tigung des Inhalts ähnlich wie beim Auf­schlagen von Schlag­obers. Das Arznei­mittel wird dadurch unbrauch­bar und muss verworfen werden.

Bei mehrphasigen Salben konnte teilweise eine Phasen­trennung beob­achtet werden, wobei sich wie bereits erwähnt Salben­tiegel ohnehin als begrenzt geeignet für einen Rohr­post­versand erwiesen. Salben­tuben sollten dies­bezüglich unproble­matisch sein, hin­sichtl­ich der Stabi­lität unter­schied­licher Mischungen werden weitere Tests von der Apotheke durchgeführt werden.

Alle Arten von Glasbehältern konnten problemlos verschickt werden. Im Reihen­versuch durch das apotheken­eigene Kontroll­labor konnten selbst nach mehreren Fahrten keine Hinweise auf Haarrisse in Ampullen gefunden werden.

Ebenso wurde vom Kontroll­labor analysiert, ob der Rohr­post­transport einen negativen Einfluss auf die Infusions­geschwin­digkeit von Elastomer­pumpen ausübt. Die durch­geführten Tests lassen darauf schließen, dass hier keine Beein­trächtigung stattfindet.

Aufgrund der empfind­lichen Molekül­struktur wurden Proteine, wie beispiels­weise die bei Karzinomen indi­zierten mono­klonalen Antik­örper, grund­sätzlich vom Rohr­post­transport ausge­schlossen. Sie können bereits durch einfaches Schütteln zerstört werden, ent­sprechende Hinweise finden sich in den jewei­ligen Fach­infor­mationen. Es kann nicht abge­schätzt werden, inwieweit die inno­vativen Wirk­stoffe diesen extremen Belas­tungen stand­halten. Dies­bezüglich stehen der Apotheke auch keine geeig­neten Analyse­verfahren zur Verfügung. Aus Sicherheits­gründen wurden auch alle Druck­gas­behälter und jene Artikel, die als Gefahren­gut deklariert sind, ausgenommen.

Die durchgeführte Qualifizierung diente nicht nur der Ermittlung der für einen Rohr­post­transport geeig­neten bzw. unge­eigneten Arznei­mittel, sondern auch der Fest­legung der optimalen Verpackung für den jeweiligen Artikel in Abhän­gig­keit vom Beladungs­zustand der Hülse. Die gesammelten Erkennt­nisse wurden in Form einer Arbeits­anweisung zusammen­gefasst, die nun die Grund­lage für den Rohr­post­versand von Arznei­mitteln aus der Apotheke darstellt. So kann sicher­gestellt werden, dass alle von der Apotheke im Uni­versi­täts­klinikum St. Pölten ausge­gebenen Arznei­mittel unbe­schadet und quali­tativ einwand­frei den Patienten erreichen.

Qualitas 04/2018

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04/2018

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