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Psychische Erkrankungen: Stigmatisierung trifft auf Versorgungsmängel

In Österreich ist jeder fünfte Erwachsene von einer psychischen Erkrankung betroffen. Für eine Unzahl von Menschen bedeutet daher Stigmatisierung solcher Leiden in der Gesellschaft eine schwere Verletzung. Vollends potenziert wird das durch teilweise krasse Versorgungsmängel im Gesundheitswesen, hieß es bei einem Expertengespräch der Kampagne "#darüberredenwir".

18. Februar 2020
Philipp Streinz (CGM)
APAMED
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Im Rahmen der Wiener Kampagne soll auf möglichst vielen Ebenen dem Faktum entgegengetreten werden, dass in der Gesellschaft psychisch krank immer "nur" die Anderen sind und Abschätzigkeit und Benachteiligung die Betroffenen Zeit ihres Lebens schädigen. Christa Rados, ehemalige Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik: "Für Menschen mit psychischen Erkrankungen kommen Stigmata und Versorgungsmängel zusammen."

Für Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien - in der Bundeshauptstadt versucht man seit Jahren ein integriertes Versorgungsmodell für Betroffene zu etablieren - ist neben gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen das Tabuisieren psychischer Erkrankungen eines der Hauptprobleme: "Wenn darüber nicht gesprochen wird, werden Krankheiten nicht entdeckt und nicht behandelt." Das verschlechtere die Chancen der Betroffenen. Mitgeschädigt werden auch die Partner und Angehörigen der Patienten.

Völlig falsch ist die Ansicht, dass psychische Erkrankungen selten seien, ging aus der Stellungnahme des Wiener Ärztekammerpräsidenten Thomas Szekeres hervor, der die Häufigkeit von 20 Prozent bei Erwachsenen zitierte und sagte: "24 Prozent aller Jugendlichen und Kinder leiden punktuell an psychischen Erkrankungen. Es gibt 300 Millionen Menschen mit Depressionen weltweit. 20 Millionen Menschen sind von Schizophrenie betroffen." Christa Rados fügte hinzu: "Die Hälfte aller gewaltsamen Tode sind Suizide." Hier fokussiere die Gesellschaft eindeutig zu sehr auf Kriminalität und andere Ursachen gewaltsamen Todes.

Über Jahrzehnte hinweg - bis der aktuelle Ärztemangel die Chancen auf Verbesserung nun automatisch zusätzlich mindern muss - wurden in Österreich Versorgungsdefizite aufrechterhalten. Die Psychiaterin: "Wir haben in Österreich 1.200 bis 1.300 Fachärzte für Psychiatrie. Bei den Fachärzten mit Kassenvertrag sind es 128. Das Wiener Staatsopernorchester hat 146 Musiker." Szekeres verwies darauf, dass die Ärztekammer seit langem mehr Kassenverträge insgesamt und auch mehr Kassenstellen für Psychiater fordere. In Wien gebe es derzeit sechs Kassenstellen für Kinder- und Jugendpsychiatrie, fünf weitere sollen folgen, betonte Lochner. An sich sollten es für eine Stadt wie Wien 25 bis 30 sein.

In der Erwachsenenpsychiatrie geht man für Länder wie Österreich von statistisch notwendigen 2,4 niedergelassenen Psychiatern pro 100.000 Einwohner aus. Derzeit sind es rund 1,5 pro 100.000 Einwohner. In Wien finden sich derzeit 29 niedergelassene Psychiater mit Kassenpraxis und 424 niedergelassene Fachärzte mit Wahlarztpraxis. Die Misere hat eine hoch politische Komponente. Lochner: "Als Stadt fehlen uns die Ansprechpartner, sei es bei der Krankenkasse oder bei der PVA. Seit zwei Jahren geht uns die Sozialversicherung abhanden."

Gottfried Endel, von der Abteilung für evidenzbasierte wirtschaftliche Gesundheitsversorgung im Dachverband der österreichischen Sozialversicherungen verwies auf Defizite im Management chronischer Erkrankungen insgesamt, die über die Stigmatisierung psychischer Leiden in diesen Fällen für die Betroffenen auf allen Ebenen ihres Lebens negative Auswirkungen hätten: "Wir haben im Jahr 2008 gesagt, wir wollen für Diabetes ein Disease-Management-Programm. Was haben wir? Wir haben derzeit 80.000 Patienten von rund 400.000 in diesem Programm."

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