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Plädoyer für eine rationale Impfpolitik

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, der Impfskepsis der Menschen zu begegnen und die Durchimpfungsrate zu erhöhen.

20. November 2019
Martin Sprenger
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 10
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Bildinhalt: Symbolbild Impfung

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Gemäß dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) erkrankten in Österreich zwischen August 2018 und Juli 2019 151 Personen an Masern.1 Im gleichen Zeitraum waren es in ganz Europa 13.113 Personen, von denen sieben verstarben. Ohne Impfregister kann die Durchimpfungsrate in Österreich nur geschätzt werden. Es ist aber anzunehmen, dass noch immer viele Personen über keinen kompletten Impfschutz verfügen.2 Gemäß dem Europäischen Impfaktionsplan 2015–20203 müssen jedoch mindestens 95 Prozent einer Bevölkerung immun sein, damit alle Mitglieder der Gemeinschaft geschützt sind. Also auch Säuglinge, die zu jung für Impfungen sind, und andere Personen, die aufgrund von gesundheitlichen Problemen nicht geimpft werden können. Aufgrund der vermehrten Masernfälle fordern verschiedene Institutionen in Österreich eine generelle oder eingeschränkte Impfpflicht.

Auch der scheidende EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis plädierte zuletzt für eine Impfpflicht in Ländern mit sinkenden Impfraten. In dieser Debatte sind die zahlreichen alternativen Maßnahmen zur Steigerung von Durchimpfungsraten bisher untergegangen. Umso wichtiger ist es darauf hinzuweisen, dass eine gesetzliche Verpflichtung für einzelne essenzielle Immunisierungen, wie die Masernimpfung, nur die letzte Option eines mehrstufigen Maßnahmenmodells sein kann.4

Ehrliche Aufklärung

Am Beginn einer rationalen Impfpolitik steht immer die ehrliche Aufklärung der Bevölkerung.5 Nur wenige Impfbroschüren erfüllen derzeit die von der österreichischen Gesundheitspolitik geforderten 15 Qualitätskriterien für gute Gesundheitsinformation.6 Gemäß einer aktuellen Studie gehört Österreich zu den Top 10 der impfkritischsten Länder der Welt. 21 Prozent der befragten Österreicher stimmten der Aussage zu, dass Impfungen gefährlich seien. Zwölf Prozent sind der Meinung, dass es nicht wichtig ist, Kinder zu impfen.7 Deshalb müsste rasch mittels qualitativer Studien geklärt werden, welche Faktoren dieser vergleichsweise hohen Impfskepsis zugrunde liegen, um dann die zielgruppenspezifischen Maßnahmen zu planen.

Auch Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt und Beraterin der WHO, kam auf Basis einer experimentellen Studie zu dem Ergebnis, „dass eine sinnvolle und gute Impfaufklärung der Bevölkerung effektiver wäre als die Einführung der Impfpflicht“.8 Vertreter der Gesundheitsberufe haben bei der Aufklärung eine Schlüsselrolle. Umso wichtiger ist es, dass sie über ausreichend Wissen und Kommunikations-Skills verfügen, um bei Impffragen korrekt zu beraten und aufzuklären.

Die Verabreichung von wichtigen Impfungen sollte bei allen Ärzten möglich sein und ohne Einschränkungen abgerechnet werden können. So wie in der Schweiz sollten bestimmte Impfungen auch in Apotheken erhältlich sein.9 Die im Rahmen des Mutter-Kind-Passes empfohlenen Impfungen sollten in ganz Österreich mit einem positiven Anreiz („Impfbonus“) wie in Oberösterreich kombiniert werden. In Regionen mit einer niedrigen Durchimpfungsrate sollte es aufsuchende Angebote geben.

Impflücken erkennen

Absolut verbesserungswürdig ist die Dokumentation von Impfungen. Die Durchimpfungsraten in Österreich wären deutlich höher, wenn wir ein qualitativ hochwertiges Impfregister, digitale Impfpässe und darauf basierende Erinnerungssysteme wie die skandinavischen Länder hätten. Nur damit können Impflücken zeitnah erkannt und evidenzbasierte zielgruppenorientierte Strategien konzipiert werden.10 Bleibt zu hoffen, dass die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) die diesbezüglichen Erwartungen erfüllt.

Literatur:

1

European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) (2019): Surveillance Report: Monthly measles and rubella monitoring report. Period covered: 1 August 2018–30 July 2019

2

BMASGK. Impfplan 2019.

3

WHO Europe (2014): Europäischer Impfaktionsplan (2015-2020). Kopenhagen.

4

Giubilini A (2019) The Ethics of Vaccination. Chapter 3: Vaccination Policies and the Principle of Least Restrictive Alternative: An Intervention Ladder. Palgrave Studies in Ethics and Public Policy. Internet: www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK538383/ Zugriff: 18.9.2019.

5

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (2019: Impfpflicht versus informierte Entscheidung – Perspektive der Evidenzbasierten Medizin. Internet: www.ebm-netzwerk.de/pdf/stellungnahmen/stn-impfen-20190502.pdf. Zugriff: 18.9.2019

6

BMASGK und ÖPGK (2018): Gute Gesundheitsinformation Österreich.

7

Wellcome Global Monitor 2018. Chapter 5: Attitudes to vaccines. Internet: https://wellcome.ac.uk/sites/default/files/wellcome-global-monitor-2018.pdf Zugriff: 18.9.2019

8

Cicero (2019): Zwang wirkt kontraproduktiv. Interview mit Cornelia Betsch. Internet: www.cicero.de/wirtschaft/impfen-impfgegner-masern-who-impfpflichtcornelia-betsch Zugriff: 18.9.2019

9

PharmaSuisse. Impfapotheken. Internet: https://impfapotheke.ch Zugriff: 18.9.2019

10

WHO Europe (2013): European Vaccine Action Plan 2015-2020. EVAP Objective 3. The benefits of vaccination are equitably extended to all people through tailored, innovative strategies.

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