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Synchronizing Healthcare

Missing Link

Als 1990 die Entzifferung des menschlichen Erbguts gestartet wurde, waren die Verheißungen groß. Nichts weniger als der Sieg über Krebs und andere Geißeln der Menschheit wurde versprochen, sobald wir die Sprache gelernt hätten, „mit der Gott das Leben erschuf“, wie es der amerikanische Präsident Bill Clinton blumig ausdrückte. Ob das Human Genome Project (kurz „Hugo“ genannt) 2000, 2001 oder 2003 abgeschlossen war, darüber scheiden sich die Geister. Recht bald machte sich jedenfalls Ernüchterung breit. Und auch heute, fast 20 Jahre später, dreht sich die Ursachenforschung so mancher Krankheit im Kreis, von Heilung ganz zu schweigen. Und bei vielen Krankheitsbildern hat sich gezeigt, dass ihre Entstehung von weit mehr Faktoren abhängt als von ein paar Basenpaaren.

15. Dezember 2019
Elisabeth Tschachler
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 11
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Bildinhalt: Pumpbrunnen

Bildrechte: ClipDealer / digidreamgrafix

Freilich war die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ein Meilenstein in vielerlei Hinsicht. Erbkrankheiten können frühzeitig erkannt werden, Gentests werden eingesetzt, um Tumortypen festzustellen oder herauszufinden, wie viel Neandertaler in den Menschen des 21. Jahrhunderts steckt. All das in kürzester Zeit und zu überschaubaren Kosten. Doch wirklich ergründet ist der Sinn der drei Millionen biochemischer Buchstaben bis heute nicht.

Wer lange genug auf der Welt ist, um sich an den Hype um die Genom-Entzifferung zu erinnern, blickt mit Skepsis auf den Medienrummel über Big Data, Künstliche Intelligenz und Digitalisierung. Ende Oktober verkündete der Unternehmensberater Roland Berger, dass der digitale Gesundheitsmarkt in Europa bis 2025 voraussichtlich auf rund 155 Milliarden Euro wachsen wird. Der größte Wachstumsschub wird durch digitale Krankheitsprävention und KI-Diagnostik erwartet. Immerhin ein Fünftel aller ärztlichen Aufgaben könnten Algorithmen übernehmen. Allein das Marktvolumen für Gesundheits-, Diagnose- und Selbstüberwachungs-Apps soll bis 2025 auf 16 Milliarden Euro steigen. Klingt nach besserer Gesundheitsversorgung? Eher nach besseren Gewinnmöglichkeiten für Technikunternehmen und Start-ups aller Art.

Die Investitionen in Datenverarbeitung und E-Health-Anwendungen sind enorm. Goldgräberstimmung allerorten. Ein Dämpfer kommt von John Quackenbush, Bioinformatik-Professor an der Harvard School of Public Health und eigentlich Digital-Aficionado: „Überraschend ist nicht das, was wir getan haben, sondern das, was wir nicht getan haben. Wir haben nicht gleichzeitig in Werkzeuge investiert, wie aus den gewonnenen Informationen sinnvolle Schlüsse zu ziehen sind.“

Weniger professoral ausgedrückt: Die Patienten haben nichts davon. Denn von blinkenden Gadgets und Smartphone-Apps mal abgesehen, kommen Big Data ebenso wie Künstliche Intelligenz und Genomsequenzierung kaum in der Gesundheitsversorgung an. Was fehlt, ist das Bindeglied zwischen technologischen Möglichkeiten und dem Krankenbett. Und das ist in einem Wust von Daten nicht zwangsläufig einfacher zu finden. Im Gegenteil: Je mehr Daten miteinander verknüpft werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit von falsch positiven Resultaten und sinnwidrigen Korrelationen.

Epidemiologen – die für gewöhnlich mit großen Datensätzen hantieren – erzählen gern die Geschichte des Beginns ihrer Zunft. Sie spielt im Jahr 1854, als die Cholera in London wütete. Hauptperson ist der Chirurg John Snow, der nichts von der Theorie hielt, die Durchfallerkrankung würde durch die Luft verbreitet. In minutiöser Kleinarbeit und anhand einer Straßenkarte stellte er fest, dass die Erkrankten ihr Wasser aus einem Brunnen in der Broad Street bezogen. Kurzerhand montierte er den Hebel der Brunnenpumpe ab – die Epidemie war gestoppt.

Was bei Big Data und der Digitalisierung des Gesundheitswesens noch fehlt, ist der Pumpenhebel – und jemand, der ihn abmontiert.

Schaffler Verlag

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
11/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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