Close

Synchronizing Healthcare

Minimal: "Mindestsicherung neu"

Die Neuregelung der Mindestsicherung kann sich negativ auf den Gesund­heits­zustand von Bezie­henden aus­wirken. Ende November beschloss der Minister­rat die „Mindest­sicherung neu“. Sie wird verein­heitlicht und maximal 863,04 Euro monatlich für Einzel­personen betragen, allerdings nur für jene, die über einen Pflicht­schul­abschluss bzw. ein B1-Deutsch­zertifikat verfügen, sonst sind es noch einmal 300 Euro weniger. Paare und Familien mit Kindern steigen schlechter aus als bisher (siehe Infobox), wodurch viele Menschen schneller in prekäre Situationen geraten könnten.

14. Februar 2019
Christian F. Freisleben
Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 12
Dieser Artkel wurde 36 mal gelesen.

Bildinhalt: Spardose

Bildrechte: ClipDealer / richterfoto

„Gesundheit ist mehr als nur ein körper­liches oder mentales Einzel­ereignis. Armuts­gefährdung oder Armuts­erfahrungen wirken sich in vieler Hinsicht negativ auf die Gesundheit aus“, erklärt der Sozial­pädagoge und Soziologe Alban Knecht, der an der Johannes-Kepler-Uni­versität Linz, am Institut für Sozio­logie und als Lehr­beauf­tragter am FH Campus Wien arbeitet. Er engagiert sich bei der Armuts­kon­ferenz, einem seit 1995 beste­henden Netzwerk von mehr als 40 sozialen Orga­nisa­tionen, Bildungs- und Forschungs­einrichtungen.

Gesichert sind nicht alle

Derzeit beziehen mehr als 307.000 Menschen in Österreich Mindest­sicherung. Nach Abzug der Fixkosten fürs Wohnen bleiben rund einem Drittel der Menschen, die sich hilfe­suchend an die Caritas-Sozial­beratung wenden, weniger als vier Euro pro Tag und Person im Haushalt, um alle Bedürfnisse abzudecken.

Sozialexperte Martin Schenk betont, dass die Neu­regelung der Mindest­sicherung die Situation vieler Familien, die in sozial prekären Situa­tionen leben, deutlich ver­schlechtert: Ein kinder­loses Paar in Wien bekommt etwa bis zu 1000 Euro im Jahr weniger – bzw. ohne Schul­abschluss rund 8200 Euro weniger. Ein Eltern­paar mit einem Kind bekommt bis zu ca. 1700 Euro weniger bzw. bis zu 8900. Bei zwei Kindern sind es bis zu 2490 Euro weniger im Jahr bzw. fast 9700. Und der in ganz­seitigen Inseraten beworbene Familien­bonus – also bis zu 1500 Euro im Jahr – hilft nicht allen: Denn eine Familie muss erst einmal genügend verdienen bzw. Lohn­steuer zahlen, um von diesem Bonus überhaupt zu profi­tieren – etwa zehn Prozent der öster­rei­chischen Haushalte haben nichts davon, weitere 26 Prozent können die Gut­schrift nicht völlig ausschöpfen.

Zudem kann es bis zu drei Monaten dauern, bis der Bescheid über die Mindest­sicherung vorliegt – nötig wären laut Schenk Rege­lungen für einen gere­gelten Anspruch auf Sofortleistungen.

Mindestsicherung zu beziehen, sei oft ein soziales Stigma – im Projekt Gesund­heits­förderung zwischen Wert­schätzung und Beschämung wird sich die Armuts­konferenz noch inten­siver mit gesund­heit­lichen Folgen von fehlender Aner­kennung, Abwertung, Beschämung und Benach­tei­ligung im Kontext von Armut aus­einan­der­setzen.5 Ein wichtiges Element ist dabei, die betroffenen Menschen zu Wort kommen zu lassen. Sehr belastend würden sich etwa aktuelle Hinweise auf angeb­lichen massen­haften Miss­brauch bei Mindest­sicherung auswirken: Die Behörden haben sich einiges einfallen lassen, um Miss­brauch zu verhindern. Die Beziehenden von Mindest­sicherung sind in vielen Aspekten gläserne Menschen.

Vielsagende Zahlen

Das zeigen Daten deutlich, die die Statistik Austria für das Sozial­minis­terium im Rahmen einer Sonder­auswertung der EU-Sozial­studie SILC erhoben hat1: 58 Prozent der befragten Bezieher von Mindest­sicherung bezeichnen sich als chronisch krank. Zum Vergleich: Bei Personen, die keine Mindest­sicherung benötigen, liegt dieser Wert bei etwa einem Drittel. Mindest­sicherungs­empfänger geben zudem eine mehrfache gesund­heitliche Beein­träch­tigung oder Behin­derung an, und zwar vier Mal so oft wie der Durch­schnitt der Gesamtbevölkerung.

Dazu passen auch Analysen des Robert Koch Instituts2: Je höher das Einkommen einer Person ist, je besser das Bildungs­niveau und die berufliche Stellung, desto seltener werden gesund­heitliche Probleme angegeben. In Regionen mit hoher Arbeits­losig­keit sind chronische Erkran­kungen häufiger, dazu kommt eine höhere Wahr­schein­lich­keit für Über­gewicht, Herz-Kreis­lauf-Erkran­kungen und Depressionen – insgesamt ist die Lebenserwartung geringer.

Armut macht krank

Armutsgefährdet bzw. von Einkommens­armut betroffen waren im Jahr 2015 in Öster­reich rund 1,2 Millionen Menschen bzw. 14 Prozent der Bevöl­kerung. Als armuts­gefährdet gilt, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamt­gesell­schaft verfügt – also in einem Einzel­haus­halt weniger als 1185 Euro netto zur Verfügung hat. 592 Euro werden für jeden weiteren Erwach­senen im Haushalt addiert und 355 Euro für jedes Kind unter 14 Jahren.

Aktuelle Daten einer Studie der Caritas der Erz­diözese Salzburg4 sagen, dass 15 Prozent der Salzburger Bevölkerung von Armuts- oder Aus­grenzungs­gefähr­dung betroffen sind (82.000 Per­sonen in Privat­haus­halten). Acht Prozent der Salzburger geben in der SILC-Umfrage1 an, in einem „schlechten“ bzw. „sehr schlechten“ Gesund­heits­zustand zu sein (32.000 Per­sonen). Armuts­gefähr­dete Personen sind mit 13 Prozent über­reprä­sen­tiert. 7,1 Prozent der Salzburger Bevöl­kerung (6000 Personen) berichten, sich einen eigent­lich not­wendigen Arzt­besuch nicht leisten zu können bzw. zahn­ärzt­liche Unter­suchungen auf den Sankt-Nimmer­leins­tag zu verschieben. Armut­sgefähr­dete sind hier mit sechs Prozent deutlich über­reprä­sen­tiert. Dabei zeigt sich auch hier, dass nicht nur gilt „Armut macht krank“, sondern auch „Krankheit macht arm“ – ein Grund ist die Bilanz aus gesund­heit­licher Belastung einer­seits und Bewälti­gungs­ressourcen und Erholungs­mög­lich­keiten anderer­seits. Belastende Lebens­situa­tionen beschränken deutlich Möglich­keiten und Moti­vation, – in einem umfassenden Sinn – gesund zu leben.

Werner Schöny, Facharzt für Psychiatrie und Präsident des Dach­verbandes pro mente Austria, weist dazu auch darauf hin, dass armuts­gefähr­dete Menschen durch Selbst­behalte, Kosten­ersätze, Finan­zierungs­schwierig­keiten bei Medika­menten und Therapien einen erschwerten Zugang zu Gesund­heits­leistungen haben. Therapien oder Behand­lungen müssen oft selbst vor­finan­ziert werden. Wer sich dies nicht leisten kann, verzichtet dann lieber gleich ganz auf die eigent­lich nötigen Maßnahmen. Ebenso sind Brillen, Schuh­einlagen oder Hör­geräte meist nicht finanzierbar.

Arme Kinder – kranke Erwachsene

„Ein gutes Sozialsystem mit einer Mindest­sicherung, die auch wirklich zum Leben reicht und die Existenz sichert, ist die beste Prävention psychischer Erkran­kungen“, ergänzt Psychiater Schöny. „Armut kann psychisch krank machen, und psychische Erkran­kungen münden oft in Armut. In Öster­reich leben zwei von drei psychisch kranken Menschen unter der Armutsgrenze.“

Betroffen sind bereits Kinder und Jugend­liche, wie der aktuelle Bericht zur Lage der Kinder- und Jugend­gesund­heit3 in Österreich zeigt. „Es ist hin­reichend bekannt, dass in Armut lebende Kinder von heute die chronisch kranken und nicht selten sozial abge­hängten Erwach­senen von morgen sind“, kritisiert Christoph Hackspiel, Kinder­psychologe und Präsident der Öster­rei­chischen Liga für Kinder- und Jugend­gesund­heit. Bei Kindern, die in Armuts­ver­hält­nissen leben, würden über­propor­tional oft Angst­zustände, Verhal­tens­probleme, Nervosität, Aggre­sionen, Depres­sionen und Schlaf­störungen auftreten. Auch Hackspiel kriti­siert daher die Neu­regelung der Mindestsicherung.

Erhöhter Druck

Durch die neue Mindestsicherung wird sich auch der Druck auf viele Menschen mit Behin­derung erhöhen, die in Privat­haus­halten leben, kritisiert Sozial­experte Martin Schenk, stell­ver­tretender Direktor der Diakonie Öster­reich und Mit­begründer der Armuts­konferenz: Zwar kann für sie ein Bonus von 18 Prozent gewährt werden, doch „für die not­wendige Unter­stützung bei der Besorgung von Einkäufen, der Reinigung der Wohnung, bei Körper­pflege und Ernährung etc. werden soziale Dienste benötigt, ebenso für die persön­liche Beglei­tung und Hilfe­stellung“. Und das kann teuer kommen.

Dazu kommen laut Schenk Probleme rund um das Pensions­ver­fahren: Diese seien oft sehr lang­wierig und belastend, es gäbe trotz nach­gewiesener schwerer gesund­heit­licher Ein­schränkung einen starken Druck zur Rein­te­gration in den Arbeits­markt. Vorhandene Befunde würden dabei oft ignoriert. Oft seien Begleit­dienste notwendig, wenn es um die Einholung von Gutachten, die Inan­spruch­nahme von Leistungen bei Gesund­heits­diensten und um Behörden­gänge geht. Schenk stimmt mit Schöny überein, dass der Zugang zu kosten­loser Psycho­therapie sowie zu präven­tiven Gesund­heits­maß­nahmen wie der Kur neu sowie zur Reha­bili­tation deutlich erleich­tert werden müsste. Menschen in prekären Lebens­situa­tionen würden zudem weniger Möglich­keit zur Mobilität haben, umso wichtiger seien wohn­ort­nahe Angebote und mobile Dienste.

Literatur:

1

Heuberger R et al (2018): Lebensbedingungen von Mindestsicherungsbeziehenden. Statistische Nachrichten 10/18, S. 846-852.

2

Robert Koch Institut (Hg.) (2015): Gesundheit in Deutschland. Zugang: https://www.rki.de/ DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GesInDtld/GesInDtld_ node.html. Zugriff: 6.11.2018.

3

Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit (Hg.) (2017): Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich.

4

Caritas der Erzdiözese Salzburg (Hg.) (2018): Soziale und gesundheitliche Ungleichheit im Bundesland Salzburg.

5

Armutskonferenz (Hg.) (2018): Beschämung und Gesundheit – Forschungsstand und Erfahrungen von armutsbetroffenen Menschen. Zugang: www.armutskonferenz.at/files/ zwischenbericht_projekt_gesundheit_beschaemung.pdf. Zugriff: 30.10.2018.

ÖKZ 12/2018

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
12/2018 (Jahrgang 59)

Verlag
Schaffler Verlag

Diese Website verwendet Cookies.
Mehr erfahrenOK