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Synchronizing Healthcare

Masernpartys:
Kinderfasching oder Straf-Tatbestand?

„Kontrollierte Masern“ sollen Kinder immun gegen die Krank­heit machen und ihnen befürch­tete Risiken oder Neben­wirkungen einer Impfung ersparen. Auf „Masern­partys“ wird die – immer­hin anzeige­pflichtige – Krank­heit herum­gereicht. Die absichts­volle Ansteckung mit einer schweren und even­tuell kompli­ziert ver­laufenden „Kinder­krank­heit“ kann auch aus recht­licher Sicht betrachtet werden.

23. Mai 2019
Philipp Streinz
CGM / OÖGKK
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Bildinhalt: Mag. Dr. Andrea Wesenauer, Dr. Lisa Cohen, Mag. Werner Bencic, Univ.-Prof. Dr. Alois Birklbauer

Bildrechte: OÖGKK

Diese sowie medizi­nisch-epi­demio­logische Fragen rund um´s Impfen standen im Mittel­punkt des OÖGKK-Expertengesprächs.

Ob Masernpartys den juristischen Begriff der Körper­verletzung und der Gefähr­dung der Volks­gesund­heit erfüllen und damit gericht­lich straf­bar sind, unter­suchte Dr. Lisa Cohen im Rahmen ihrer Disser­tation, die sie beim Experten­gespräch prägnant vor­stellte. Landes­sanitäts­direktor Dr. Georg Palmisano, Univ. Prof. Alois Birklbauer, Vorstand des Insti­tuts für Straf­rechts­wissen­schaften der Johannes Kepler Uni­versität Linz, Mag. Werner Bencic, Referats­leiter Gesund­heits­stra­tegie und Wissen­schafts­koopera­tion der OÖGKK ergänzten mit ihren Vor­trägen medi­zi­nisch-epi­demio­lo­gische, juris­tische und gesund­heits­wissen­schaft­liche Aspekte des Themas.

Impfen zum Wohle der Allgemeinheit

Das öffentliche Impfprogramm gegen Masern wird von den Kranken­kassen gemein­sam mit dem Bund und Ländern getragen und stellt eine wesent­liche Säule der Volks­gesund­heit dar. „Dieses Impf­programm ist uner­läss­lich für den gesund­heit­lichen Schutz der Bevöl­kerung. Nur die besten und sichersten Impf­stoffe kommen zum Einsatz. Die Aus­wir­kungen von unter­lassenen Impfungen sind fatal und schaden der ganzen Gesell­schaft. Mit unserem Experten­gespräch zum Thema Impfen wollen wir zum einen zu einer dringend nötigen Versach­lichung der Diskus­sion bei­tragen und zum anderen neue Blick­winkel der wissen­schaft­lichen Sicht ein­fließen lassen“, betont Mag. Dr. Andrea Wesenauer, Direk­torin der OÖGKK in ihrer Begrüßung.

Hoher Nutzen – minimale Risiken

Im Jahr 2019 traten in Österreich bisher über 70 Masern­fälle auf. In der gesamten EU waren das in den ver­gangen 12 Monaten 12.000 Erkran­kungen mit 35 Todes­fällen. Von 10.000 nicht geimpften Per­sonen erkranken nach Masern-Kontakt mehr als 9.000 Men­schen und davon sterben bis zu 28. Von 10.000 Geimpften erkran­ken weniger als 1.000 und für maximal zwei Erkrankte endet die Krank­heit tödlich. Jedoch, und das ist ein häufiges Argu­ment der Impf­gegner, können Impfun­gen auch zu Neben­wir­kungen führen. Aller­dings: Von 10.000 geimpften Kindern zeigt im Schnitt ein Kind durch die Impfung einen Blut­plätt­chen­mangel und zwei bis 16 Kinder erlei­den Fieber­krämpfe (alle Zahlen Haupt­ver­band der öster­rei­chischen Sozial­ver­sicherungsträger 2017).

Wer als Kind weder geimpft noch durch eine Ansteckung immu­nisiert wurde, trägt somit das Risiko, die Kinder­krank­heiten als Erwach­sener mit ernsten Folgen nach­holen zu müssen. Weil die Erkran­kung bei Erwach­senen schwieriger zu diagnos­ti­zieren ist, setzt die Behand­lung der Krank­heit später ein und es kommt zu mehr Kompli­kationen als dies bei Kindern der Fall ist. Lungen­ent­zün­dung oder Menin­gitis treten des­halb bei Erwach­senen im Zuge der Masern-Erkran­kung wesent­lich häufiger auf. Damit das nicht passiert, sorgen gut ver­träg­liche und getes­tete Impf­stoffe dafür, Kinder­krank­heiten wie zum Bei­spiel Masern, Mumps oder Röteln (MMR-Impfung) so weit wie möglich zu eliminieren.

Herdenimmunität

Auch wenn Impfungen eine der wirksamsten Präven­tions­maß­nahmen im Rahmen der Public Health Praxis dar­stellen, ist der öffent­liche Dis­kurs über eine poten­tielle Impf­pflicht sowie über radi­kale Impf­gegner­schaft weit­gehend polari­siert und emotio­nalisiert.

Dennoch überwiegen die Vorteile für die Bevöl­kerung: Die Durch­impfungs­rate trägt zur soge­nannten Herden­immu­nität bei und nützt so auch den Impf­gegnern. Die hohe Durch­impfungs­rate ist ver­ant­wort­lich, dass sich das Virus inner­halb einer Popu­lation weniger aus­breitet, auch wenn Nicht-Geimpfte darunter sind. Das ist vor allem für Per­sonen wichtig, die etwa auf­grund von Vor­er­kran­kungen oder wegen zu geringem Alter nicht geimpft werden können. Darüber hinaus erklär­ten mehrere am Gespräch teil­nehmende Exper­ten, dass bis zu einem Drittel der Bevöl­kerung in irgend­einer Weise ein beein­träch­tigtes Immun­system hat, wie zum Bei­spiel auf­grund einer Leukämie-Erkran­kung. Diese Gruppen bedürfen ganz beson­ders des Schutzes vor Infek­tionen, wozu eine hohe Durch­impfungs­rate und die damit verbun­dene Herden­immunität einer Bevölkerung gehört.

Landessanitätsdirektor Dr. Georg Palmisano wies bei der Veran­staltung darauf hin, dass eine durch­lebte Masern­infek­tion im Gegen­satz zu anderen Krank­heiten das Immun­system nicht stärkt, sondern ganz im Gegen­teil über lange Zeit schädigt. Dadurch sind Masern­patienten in der Folge weit anfälliger für andere Infek­tions­erkran­kungen. Steckt sich eine Person trotz Impfung mit Masern an, so ver­läuft die Erkran­kung weit harm­loser und heilt in der Folge ohne nennens­werten Komplikationen aus.

Strafrechtliche Relevanz

Eine aktuelle Dissertation an der Johannes Kepler Uni­versi­tät Linz wurde bei der Ver­anstal­tung vor­ge­stellt. Sie beschäf­tigt sich mit der Frage, inwie­weit die Veran­stal­tung und Teil­nahme an „Masern­partys“ straf­recht­lich rele­vant ist. Die Verfasserin Dr. Lisa Cohen kommt in ihrer Arbeit „Die Straf­bar­keit von Masern­partys“ zum Ergeb­nis, „dass die Ver­anstal­tung und Teil­nahme an einer Masern­party, ebenso wie der ärzt­liche Rat zur ‚natür­lichen Immuni­sierung‘ durch Provo­kation einer Wild­virus­infektion anstelle der Impfung den Tat­bestand der (allen­falls ver­suchten) schweren Körper­ver­letzung erfüllen, und damit nach StGB strafbar sind. Nicht nur würde die (eigent­lich ver­hinder­bare) Krank­heit bewusst herbei­geführt, sodass das Kind diese mit all ihren Konse­quenzen und ohne spezi­fische Thera­pie­mög­lich­keit durch­machen müsse, es wird mit der bewussten Ansteckung auch das ‚öffent­liche Gut‘ des Herden­schutzes konter­kariert und die Volks­gesund­heit gefähr­det, was ein eigener Straf­tat­bestand des StGB ist“, so Cohen.

Der Betreuer ihrer Doktor­arbeit, Univ.-Prof. Dr. Alois Birklbauer, sieht im Straf­recht immer die recht­liche „ultima ratio“, ganz beson­ders im Gesund­heits­bereich. Dieses Rechts­instru­ment sollte der Staat nur dort ein­setzen, wo andere Mittel nicht aus­reichen um die Gesell­schaft und den sozialen Frieden zu schützen. Wohl aber steht es Organi­sationen, die mit der Betreu­ung von Kindern oder der Gesund­heits­ver­sorgung befasst sind, frei, von ihren Bediens­teten im Sinne des Kindes- oder Patien­ten­wohles zu ver­langen, dass sie gegen Masern geimpft sein müssen. Eltern, die an Masern erkrankte Kinder wissent­lich in die Schule schicken, sind jeden­falls straf­fällig – auch wenn von einer Straf­ver­folgung bislang kaum Gebrauch gemacht wird.

Jedenfalls plädierten alle Teil­nehmer der Veran­staltung für eine sach­liche Diskus­sion der Impf­frage, die aus­schließ­lich auf Fakten basiert und auf Emotio­nalisierung verzichtet.

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