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Synchronizing Healthcare

„Man kann Kommunikation nicht in zwei Stunden lernen“

Neue Weiterbildungsprogramme zielen darauf ab, das theoretische Wissen über Patientenkommunikation in die Praxis der Gesundheitsberufe hineinzutragen. Eine Alternative speziell für Ärzte ist die Selbstreflexion in Balintgruppen.

07. Dezember 2019
Erika Pichler
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 11
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Bildinhalt: Patientengespräch

Bildrechte: ClipDealer / CandyBoxImages

Noch gibt es keine statistischen Daten dazu, ob Patienten heute tatsächlich wesentlich häufiger Gewalt gegen Ärzte, Sanitäter und Spitalsmitarbeiter ausüben als früher. Dass dies zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung der Fall ist, mag auch am medialen Hochkochen von Einzelfällen liegen, wie etwa im Juli dieses Jahres, als ein Flüchtling in der Herzambulanz des Sozialmedizinischen Zentrums Süd in Wien einen Oberarzt lebensbedrohlich mit einem Messer verletzte. Inzwischen berichten etliche Krankenhäuser von Problemen mit aggressiven Patienten und reagieren darauf vor allem mit vermehrten Sicherheitsmaßnahmen, wie Kameraüberwachung, Streifendienst und Deeskalationstrainings.

Häufig übersehen wird dabei – heute wie auch früher schon –, dass zur Sicherheit im Spitalsbereich und zur Deeskalation in schwierigen Situationen entscheidend das Gelingen der Kommunikation mit Patienten beiträgt. Österreich hat in diesem Bereich durchaus Nachholbedarf. So zeigt der European Health Literacy Survey 20121 auf, dass die Qualität der Gespräche zwischen Gesundheitsfachkräften und Patienten in Österreich dem EU-Durchschnitt hinterher hinkt. „Aus Österreich haben wir gute Daten dazu, dass die Patienten schlicht oft nicht verstehen, was ihnen gesagt wird“, sagt Marlene Sator von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG). „Wir sehen, dass 22 Prozent der Befragten Schwierigkeiten haben, aufgrund der Informationen, die sie von Ärzten bekommen, Entscheidungen zu treffen. 23 Prozent haben Schwierigkeiten, zu beurteilen, wie weit die Informationen des Arztes auf sie persönlich zutreffen. Und 23 Prozent haben Schwierigkeiten, überhaupt zu verstehen, was ihr Arzt ihnen sagt.“ Dabei geht es ausdrücklich nicht um Sprachbarrieren. Nichtdeutsch-muttersprachliche Patienten sind in die Studie gar nicht einbezogen. „Das bedeutet, dass auch muttersprachlichen Patienten viele Informationen nicht so vermittelt werden, dass sie verstanden und erinnert und vor allem auch umgesetzt werden.“

Patienten kommen nicht zu Wort

Erhebungen für den gesamten deutschsprachigen Raum zeigen zudem Kommunikationsprobleme auf, die zu den bekannten Problemen der Non-Adhärenz und Non-Compliance führen. „Die Anliegen von Patienten kommen häufig nicht zur Sprache, ihre Alltagsperspektive wird zu wenig berücksichtigt. Das führt dazu, dass sie häufig bei Therapien nicht mitmachen“, sagt Sator. Man wisse aus großen Studien, dass Patienten nach ca. 22 Sekunden in ihrem Eröffnungs-Statement unterbrochen werden, obwohl sie ohnedies nach ca. 90 Sekunden von selbst ihr Statement beenden würden. „In diesen Studien ist auch geschaut worden, was sozusagen in der Restzeit nach den 22 Sekunden noch käme, wenn man sie weiterreden ließe. Und Ärzte haben festgestellt, dass das eigentlich noch klinisch wichtige Informationen wären.“

Aus anderen Studien gehe hervor, dass Patienten häufig Hinweise auf Aspekte gäben, die ihnen wichtig seien, die jedoch von Ärzten und Vertretern der Gesundheitsberufe nicht aufgegriffen würden – in der Meinung, dass dies das Gespräch verlängern könnte. „Sie denken sich unter dem Druck, unter dem sie stehen, ,Ich habe die Zeit dafür nicht‘. Dabei würde ein Eingehen auf diese Hinweise die Gesprächsdauer um zehn bis zwölf Prozent reduzieren, da das Übergehen der Hinweise zu Gesprächsschleifen führt. Denn bei den Patienten entsteht das Bedürfnis, immer wieder auf diese Themen zurückzukommen, um wahrgenommen zu werden.“

Anfang letzten Jahres hat Sator in der ÖKZ bereits gemeinsam mit dem Leiter ihrer Abteilung Gesundheit und Gesellschaft Peter Nowak über ein Maßnahmenpaket zu patientenzentrierter Kommunikationskultur berichtet, das von den Partnern der bundesweiten Zielsteuerung Gesundheit beschlossen wurde, um in Österreich eine bessere Gesprächsqualität in der Krankenversorgung und dementsprechend bessere Gesundheits-Outcomes zu erreichen.2

Die Hauptaufgabe patientenzentrierter Gesprächsführung ist unabhängig von der Zielgruppe – ob Kinder, ältere Menschen, Patienten mit Migrationshintergrund, Höreinschränkung oder geringer Gesundheitskompetenz – laut Sator immer die gleiche: „Sich darauf einzustellen und ein Bild davon zu machen, wer diese Person ist, die mir gegenübersitzt; welche Informationen hat sie bereits und welche braucht sie noch und in welcher Form kann ich dieser Person Informationen geben.“ Die Information sozusagen auf die konkrete Person zuzuschneiden, sei ein interaktiver Prozess, den man lernen könne. Der Gold-Standard dafür sei das Training mit Schauspielpatienten.

Ausbildungsprogramme

In neu designten Kommunikationsausbildungen, die Teil der von der Zielsteuerungskommission beschlossenen Strategie sind, wird dieser Gold-Standard umgesetzt. Das vielleicht grundlegendste Programm dafür ist eine eineinhalbjährige zertifizierte Ausbildung von Kommunikationstrainern für Gesundheitsberufe. Mit finanziellen Mitteln der Bundesgesundheitsagentur sowie des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger wurden 2018/19 die ersten 19 Kommunikationstrainer nach dem evidenzbasierten Standard der International Association for Communication in Healthcare (EACH – Arbeitsgruppe für Trainings tEACH) und der Österreichischen Plattform Gesundheitskompetenz (ÖPGK) ausgebildet. Der Trainerlehrgang steht allen Gesundheitsfachkräften offen, die direkten Patientenkontakt haben oder in der Aus- und Weiterbildung tätig sind, aber auch bereits erfahrenen Kommunikationstrainern im Gesundheitsbereich. Den ersten Lehrgang hätten sowohl Ärzte als auch Pflegekräfte, Psychologen, Psychotherapeuten und Diätologen absolviert, aber auch Lehrende an den MedUnis und freiberufliche Kommunikationstrainer, sagt Sator.

Der Lehrgang basiert auf dem vor allem im anglosächsischen Raum, aber auch in etlichen westeuropäischen Staaten verbreiteten Calgary-Cambridge-Guide. Dieses evidenzbasierte Kommunikationsmodell setzt auf praktisches Üben, vorzugsweise mit Schaulspielpatienten und unter Anleitung mit Feedback. Der Guide kann den Bedarfen jeweiliger Zielgruppen spezifisch angepasst werden und soll vor allem ermöglichen, ein Gespräch – über isolierte Gesprächstechniken hinaus – in seiner Gesamtheit zu erfassen. Interessenten haben im Vorfeld ein Propädeutikum zu absolvieren, für das einige Termine im Gesamtumfang von 24 Stunden einzuplanen sind. Das Propädeutikumsmodul ist nötig, um zum einen selbst die Erfahrung eines Kommunikationstrainings zu machen, zum anderen aber auch, um dort bereits das Didaktik-Modell des Trainer-Lehrgangs kennenzulernen, insbesondere die Arbeit mit Schauspielpatienten.

Training für Gesundheitsberufe

Nach dem Multiplikatorenprinzip bieten ausgebildete Trainer wiederum ihrerseits für Mitarbeiter in Gesundheitsberufen Kommunikationstrainings nach ÖPGK-tEACH-Standards an. Das Ziel dieser Trainings, die immer in Kleingruppen von maximal acht Teilnehmern abgehalten werden, ist die nachhaltige Unterstützung von Gesundheitsfachkräften für herausfordernde Patientengespräche. Dafür werden verschiedene Pakete angeboten, etwa im Umfang von zwölf, 16 oder 20 Stunden. Die Kosten dafür basieren auf ÖPGK-Standardsätzen für Kommunikationstrainer in Gesundheitsberufen sowie auf den Honorarsätzen der Schauspielpatienten aus dem ÖPGK-Schaupielpatienten-Pool.

Impulsworkshops für Gesundheitsberufe

Eine Art Schnupperkursangebot für Personen, die nur die Arbeitsweise in Kommunikationstrainings (nach ÖPGK-tEACHStandard) kennenlernen wollen, sind zweistündige Impulsworkshops zum herausfordernden Patientengespräch, auf Wunsch mit oder ohne Schauspielpatienten. Die Impulsworkshops werden entweder am Beispiel verärgerter Patienten gestaltet oder zu einem Thema nach Wahl der Kursteilnehmer.

Wer allerdings hoffe, sich durch einen Impulsworkshop den Besuch eines wirklichen Kommunikationstrainings ersparen zu können, irre, sagt Sator. Ein Impulsworkshop könne für bestimmte Kommunikationsprobleme sensibilisieren. Etliche Teilnehmer zeigten sich dabei auch begeistert von der Möglichkeit, einmal mit Schauspielpatienten arbeiten zu können. Für ein wirklich effizientes Kommunikationstraining brauche man – auch laut internationalen Studien – jedoch mindestens acht Stunden und zudem Auffrischungen. „Man kann Kommunikation nicht in zwei Stunden lernen. Das Wichtigste am Kommunikationstraining ist ja, eine Änderung des Verhaltens zu erreichen.“

Balintgruppen

Ein gänzlich unterschiedliches Angebot, das ebenso patientenzentrierte Kommunikation in den Vordergrund rückt, wenn auch auf ganz anderer Basis und speziell für Ärzte, ist die auf Selbstreflexion beruhende Arbeit in Balintgruppen, benannt nach dem ungarischen Psychoanalytiker Michael Balint. „Ziel ist es, das krankheitszentrierte Denken in der Medizin durch patienten- und beziehungszentriertes Denken zu ergänzen“, heißt es dazu auf der Homepage der Österreichischen Balintgesellschaft (ÖBG).

Auch in dieser Fortbildung wird in Kleingruppen gearbeitet. Acht bis zwölf Ärzte treffen sich unter der Leitung eines klinisch erfahrenen und von der Österreichischen Balintgesellschaft anerkannten Gruppenleiters regelmäßig, um über Problemsituationen aus ihrer Praxis zu sprechen. Wichtigstes methodisches Element ist der freie Bericht über ein Fallbeispiel, das von der Gruppe im kollegialen Gespräch untersucht wird. Ziel ist, eine verbesserte Arzt-Patienten-Beziehung, ein verbessertes Verständnis und eine verbesserte Behandlung des Patienten zu erreichen.

„Balintgruppenarbeit ist eine leicht zugängliche und niederschwellige, dennoch hoch wirksame Möglichkeit der Supervision, Selbstreflexion, des Kommunikations- und Gesprächstrainings sowie der Burnout-Prophylaxe in der medizinischen Ausbildung und im ärztlichen Alltag, besonders in der Psychosomatischen Medizin“, sagt der Präsident der Österreichischen Balintgesellschaft Hans-Peter Edlhaimb, der selbst als Arzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapie und fachspezifische Psychosomatische Medizin tätig ist. Balintgruppen sind als praxisnahe Fortbildung seit mehr als 15 Jahren im Rahmen des Diplom-Fortbildungs-Programmes (DFP) der Österreichischen Ärztekammer anrechenbar. Auch in der Ärzteausbildung sind Balintstunden vorgeschrieben, zum Beispiel 40 Einheiten in der Psychiatrieausbildung und insgesamt 200 Einheiten in den ÖÄK-Psy-Diplomen für Psychosoziale-Psychosomatische-Psychotherapeutische Medizin.

Gruppenleiter-Ausbildung

Auf die Frage, worin für ihn der hauptsächliche Profit aus der Balintarbeit für das Arzt-Patienten-Verhältnis bestehe, führt Edlhaimb unter anderem das Zentrieren auf Interaktionsszenen, das Verstehen der unbewussten Bedeutungen von Inszenierungen, das Erkennen eigener blinder Flecken und der „déformation professionelle“ sowie die emotionale Entlastung durch „Sharing“ an. Ärzte, die selbst Balintgruppenleiter werden möchten, brauchen eine zertifizierte Ausbildung, die in Kooperation mit der Schweizerischen und Deutschen Balintgesellschaft organisiert und von der ÖBG vermittelt wird. Mit beiden Gesellschaften pflegt die ÖGB eine direkte Zusammenarbeit bei wechselseitiger Anrechenbarkeit.

1

The international Consortium of the HLS-EU Project (2012): Comparative Report on Health Literacy in Eight EU Member States. The European Health Literacy Survey.

2

Sator M, Nowak P (2018): Gute Gesprächsführung ist lehr- und lernbar. Das österreichische Gesundheitswesen – ÖKZ 01-02.

Schaffler Verlag

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ÖKZ EXTRA:

Ausgabe
Bildung & Karriere 2019 (Jahrgang 60)

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