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Synchronizing Healthcare

Landschaft mit weißen Flecken

Die ambulante Rehabilitationsform liegt im Trend. Sie hat zahlreiche konzeptionelle Vorteile und ist kostengünstiger als stationäre Reha. Patienten schätzen sie, aber noch ist sie zu wenig bekannt und nicht jeder hat Zugang dazu.

14. Juni 2020
Gabriele Vasak
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 61. JG (2020) 03-04
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ClipDealer / bialasiewicz

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Bildrechte: ClipDealer / bialasiewicz

Gründe, die für eine ambulante Rehabilitation sprechen, gibt es genug: Neben dem für die Volkswirtschaft positiven Aspekt der Kostenreduktion, die sich durch den Ersatz einer stationären Rehabilitation ergibt, werden auch die individuelle und flexible Gestaltung des Reha-Prozesses, die erleichterte Integration in das gewohnte soziale Umfeld, die stärkere Aktivierung des Selbsthilfepotenzials, die verbesserte Kooperation in der Nachsorge oder die bessere Vereinbarkeit der Reha mit dem Beruf sowie die Verkürzung von Arbeitsunfähigkeit – insbesondere durch gleichzeitige stufenweise Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess – als Vorteile genannt.

Tatsächlich entscheiden sich auch immer mehr Menschen für eine ambulante Rehabilitation. Zwischen 2014 und 2019 haben sich etwa die Bewilligungen von ambulanten Rehabilitationsmaßnahmen in der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) von 10.760 auf 18.573 erhöht. Das bedeutet, dass mittlerweile rund 15 Prozent der bewilligten Rehabilitationen der PVA ambulant sind.

Grundsätzlich gibt es ambulante Rehabilitation in Österreich in allen Indikationen. Allerdings besteht laut Rehabilitationsplan 2016 für mehrere Indikationen noch Bedarf an Kapazitäten. Die PVA führt derzeit in den eigenen Einrichtungen Rehabilitationen in den Bereichen Stütz- und Bewegungsapparat, periphere arterielle Verschlusskrankheiten, Atemwegserkrankungen, neurologische Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, koronare Herzerkrankungen und Kardiomyopathie durch. Dass immer wieder neue Krankheitsbilder dazukommen, wird von Seiten der PVA betont. „Im Zentrum für ambulante Rehabilitation in Graz wird erstmals in Österreich eine ambulante Rehabilitation für Patienten, die an Multipler Sklerose erkrankt sind, angeboten. Und in den Vertragseinrichtungen wird unter anderem für psychiatrische Erkrankungen ambulante Rehabilitation durchgeführt“, sagt der Pressesprecher der PVA, Markus Stradner. Er betont andererseits aber auch, dass die Möglichkeit der ambulanten Rehabilitation vielen Menschen noch nicht geläufig ist und dass es in Zukunft auch darum gehen wird, die Bekanntheit dieses Angebots zu erhöhen.

Weitere Rahmenvereinbarungen

Hinzu kommt auch, dass diese Form der Rehabilitation oft nur Patienten im Zentralraum zur Verfügung steht. Denn es ist festgeschrieben, dass der Patient nicht weiter als 50 Kilometer von einer Einrichtung mit entsprechendem Angebot entfernt wohnen darf bzw. dass diese für ihn innerhalb von 45 Minuten öffentlich oder mit dem PKW erreichbar sein muss. „Durch die Einschränkung auf den Umkreis von 50 Kilometern haben sich Herausforderungen in einigen Gebieten Österreichs ergeben. Die PVA hat daher kürzlich weitere Rahmenvereinbarungen mit Vertragspartnern abgeschlossen, um die bestehenden weißen Flecken zu schließen“, sagt Stradner dazu, und er weist darauf hin, dass viele neue oder bereits bestehende ambulante Zentren im heurigen Jahr erstmals Patienten von der PVA zugewiesen bekommen.

Dort, wo es sie gibt, macht man in der Praxis sehr gute Erfahrungen mit diesem Modell. Das sagt auch Daniela Gattringer, Leiterin des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation am Ordensklinikum Linz, wo seit 2013 orthopädische Rehabilitation und seit 2015 auch ambulante onkologische Rehabilitation angeboten wird: „Die ambulante Rehabilitation ist ein hochgradig strukturiertes Programm, das den Patienten innerhalb von sechs Wochen 60 Therapieeinheiten bietet. Das Angebot ist sehr vielfältig und reicht von Physio- und Ergotherapie, Training, psychologischer Betreuung über physikalische Maßnahmen bis hin zu edukativen Elementen zur Lebensstilmodifikation. Dabei arbeitet ein multidisziplinäres und -professionelles Team Hand in Hand. Die Planung ist daher zwar komplex und aufwendig, bringt für die Patienten jedoch einen maximalen Erfolg.“ Gattringer berichtet auch, dass das Angebot von den Patienten sehr gerne genutzt wird. „Seit dem Bestehen haben über 1300 Personen diese neue Möglichkeit der ambulanten orthopädischen Reha bei uns in Anspruch genommen. Bei der onkologischen Reha waren es bisher über 550 Patienten, die das sechswöchige Programm absolviert haben. Die Zufriedenheit der Patienten ist sehr hoch, und einige Patienten durften wir bereits mehrmals betreuen.“

Hohe Patientenzufriedenheit

Die hohe Zufriedenheit der Patienten mag auch darauf zurückzuführen sein, dass ihre Kontextfaktoren und Alltagsbedingungen leichter berücksichtigt werden können, da sie bei der ambulanten Rehabilitation in ihrem sozialen Umfeld bleiben. Zudem besteht prinzipiell die Möglichkeit der begleitenden Berufstätigkeit, der zeitliche Therapieumfang ist geringer und die Wohnortnähe bietet Optionen zur besseren Vernetzung mit weiteren Angeboten des Gesundheits- und Sozialsystems sowie ein unkompliziertes Miteinbeziehen von Angehörigen oder betreuenden Ärzten. „Auch die Tatsache, dass durch die tägliche Rückkehr ins gewohnte Umfeld das Gelernte zeitnah im Alltag umgesetzt werden kann, trägt positiv zur Zielerreichung bei“, sagt Daniela Gattringer.

Was die Effizienz der ambulanten Rehabilitation betrifft, so sieht die Medizinerin sie der stationären Maßnahme als „sicherlich ebenbürtig. Die Evaluation der Therapieergebnisse zeigt, dass sich durch die ambulante Reha die körperliche und psychische Befindlichkeit der Rehabilitanden deutlich bessert und der Krankheitsverlauf günstig beeinflusst wird. Es kommt beispielsweise zu einer signifikanten Reduktion von Schmerzen und Funktionseinschränkungen“, sagt Gattringer, die auch resümiert: „Möglicherweise ist die ambulante Reha sogar nachhaltiger wirksam als die stationäre. Langzeituntersuchungen dazu fehlen jedoch bislang.“

Die ambulante rehabilitative Angebotsform hat also viele konzeptionelle Vorteile. In Zeiten, da Einsparungen im Gesundheitswesen angesagt und Kosten in jeder Hinsicht diskutiert werden, ist auch der Kostenreduktionsfaktor ein Argument. „Studien konnten nachweisen, dass mit ambulanten Rehabilitationsmaßnahmen Kostenvorteile verbunden sind. Der Wegfall der ‚Hotelkomponente‘ bei ambulanten Angeboten sowie die meist geringeren Therapiesätze und der Umstand, dass behandlungsfreie Tage nicht vergütet werden, hat eine Kosteneinsparung im Größenbereich von ca. 40 Prozent zur Folge“, sagt Daniela Gattringer.

Fragt sich, für welche Patienten diese Form der Rehabilitation nicht unbedingt geeignet ist. Markus Stradner meint, dass die Patienten sich im Klaren darüber sein müssen, dass man bei einer ambulanten Reha neben der ausreichenden Mobilität auch viel Eigenverantwortung braucht, und dass die Sache mit einem hohen Aufwand verbunden ist. „Eine hohe Motivation ist notwendig. Entscheidend ist die aktive Mitarbeit der Rehabilitanden.“ Auch Daniela Gattringer glaubt, dass es wichtig und zielführend ist, wenn sich Patient und Arzt beim Stellen des Reha-Ansuchens die Frage stellen, welche rehabilitative Versorgungsform im individuellen Fall angemessen und erfolgversprechend ist.

Was noch fehlt

Was sich die Medizinerin noch wünschen würde, wäre die Möglichkeit, bestimmte Patienten bei noch vorhandenem Therapiebedarf im Rahmen einer Phase-III-Reha über einen längeren Zeitraum weiter zu betreuen, denn dies fördere die Nachhaltigkeit und sei vor allem für komplexe Fälle sinnvoll. Nun ist diese Möglichkeit zwar etwa im Bereich der orthopädischen Rehabilitation gegeben, nicht aber bei Krebspatienten. „Auch bei diesen Patienten orten wir einen hohen Bedarf für eine Phase-III-Reha. Diese Option fehlt uns aber bisher.“ Eine weitere hinsichtlich ambulanter Betreuungsprogramme unterversorgte Patientengruppe sieht sie auch in der Gruppe der chronischen Schmerzpatienten. „Derzeit gibt es in Österreich kaum entsprechende Therapieeinrichtungen zur Behandlung komplexer, chronifizierter Schmerzbilder. Es wäre diesbezüglich zu wünschen, dass rezente wissenschaftliche Erkenntnisse zur multimodalen Schmerztherapie Eingang in unser Rehabilitationssystem finden.“

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
03-04/2020 (Jahrgang 61)

Verlag
Schaffler Verlag

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