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Synchronizing Healthcare

Kein Zugang

Eigentlich wäre es ein Wahlkampfthema: Für Familien mit chronisch kranken Kindern und für Menschen mit psychischen Krankheiten ist Ergotherapie in großen Teilen Österreichs immer noch ein nicht leistbarer Luxus.

27. Oktober 2019
Christian F. Freisleben
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 08-09
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Im Dezember des Vorjahres kündigte der Hauptverband der Sozialversicherungsträger eine Leistungsharmonisierung im Bereich Ergotherapie an. 2020 würde es dann einen Gesamtvertrag mit allen freiberuflichen Ergotherapeuten geben, verbunden mit einem bundesweit einheitlichen Kostenzuschuss sowie einem akkordierten Bewilligungsvorgehen. „Leider ist es bei der Ankündigung geblieben: In der Steiermark und in Vorarlberg gibt es nach wie vor keine direkten Verträge mit freiberuflichen Ergotherapeuten“, bedauert Marion Hackl, Präsidentin des Berufsverbandes Ergotherapie Austria. In Wien und im Burgenland existieren nach wie vor nur Poolverträge, die keine optimale Versorgung zulassen.

„Die Konsequenz ist, dass viel zu viele Menschen in Österreich keinen Zugang zu der so wichtigen ergotherapeutischen Versorgung haben“, ergänzt Sonja Gobara, ärztliche Leiterin des Ambulatoriums Sonnenschein, in dem Kinder und Jugendliche mit Behinderung unterstützt sowie behandelt werden. „In Österreich gibt es gerade für Kinder und Jugendliche einen beschämend niedrigen Versorgungsgrad von durchschnittlich 0,7 Prozent sowie Regionen, wo gar kein kostenfreier Zugang möglich ist“, heißt es im Newsletter des Vereins Politische Kindermedizin. Gobara sieht die Chance, dass es durch die aktuelle Zusammenlegung verschiedener Krankenkassen auch zu einer Vereinheitlichung von Qualitätsrichtlinien und ergotherapeutischen Leistungen kommen kann, die eine möglichst kostenfreie Versorgung sicherstellen.

Handlungsfähigkeit und Teilhabe

In Österreich gibt es rund 3500 Ergotherapeuten. Davon ist etwa ein Drittel in öffentlichen Einrichtungen wie Spitälern oder Rehabilitationszentren angestellt, ein Drittel arbeitet freiberuflich und ein Drittel macht beides. 2017 wurden von der Sozialversicherung für Leistungen durch Vertragsergotherapeuten 8,6 Millionen und für Wahlergotherapeuten 8,2 Millionen Euro ausgegeben.

Ergotherapie ist für Menschen, die aufgrund einer Krankheit, Verletzung oder Behinderung in ihrem täglichen Leben Schwierigkeiten haben. Hierbei geht es um Aktivitäten aus den Bereichen Arbeit oder Freizeit sowie um alle Tätigkeiten, die benötigt werden, um sich selbst zu versorgen. Ziel ist es, die Handlungsfähigkeit und Teilhabe im Alltag wiederherzustellen oder zu verbessern.

Bei der Begleitung von Kindern und Jugendlichen geht es auch um Spielverhalten, soziale Interaktion, Erlernen basaler Tätigkeiten wie etwa An- und Ausziehen bzw. Balance halten können, Schreiben, Konzentration oder Graphomotorik. „Viele Kinder bräuchten Ergotherapie, ohne die aufgrund der Unselbstständigkeit die Wahrscheinlichkeit für ein hohes Maß an Abhängigkeit von Eltern steigt oder für mangelhafte Partizipation in Kindergarten und Schule, für frustrierende Erlebnisse, aus denen sich sekundäre Verhaltensauffälligkeiten ergeben können“, so Gobara. Ein wichtiges Element ist dabei ebenso die Beratung der Eltern, gleichzeitig Schulungen für Kindergartenpädagogen und Lehrer.

Keine Hausbesuche möglich

In der Steiermark hat die Gebietskrankenkasse nur Verträge mit physikalischen Instituten abgeschlossen, bei denen dann Ergotherapeuten angestellt sind. „Faktisch unmöglich sind mit dieser Lösung die so wichtigen Hausbesuche sowie die flächendeckende Versorgung zum Beispiel im Fachbereich Psychiatrie“, kritisiert Hackl, es sei eine Versorgung für eine sehr selektierte Gruppe an Menschen. Schwierig kann es auch für eine Person in Wien werden, wenn sie ergotherapeutische Versorgung benötigt: Die Poolverträge sind gedeckelt, es kann also nur eine gewisse Zahl an Stunden geleistet werden, für die die Wiener Gebietskrankenkasse die Kosten übernimmt. „Im Wartezimmer einer ergotherapeutischen Praxis in Wien sitzen dann also Menschen nebeneinander, denen keine Kosten entstehen und solche, die die Ergotherapie vorfinanzieren müssen und dann einen geringen Prozentsatz refundiert bekommen“, aus Hackls Sicht auch aus sozialpolitischer Sicht ein sehr bedenklicher Zustand. Dass es auch anders geht, zeigt die Kärntner Gebietskrankenkasse mit ihrem Vertrag, der mit Jänner dieses Jahres in Kraft getreten ist und eine Versorgung der Kärntner Patienten mit Ergotherapie ermöglicht.

Löchriges Versorgungsnetz

Für viele Familien mit chronisch kranken Kindern sowie für Menschen mit psychischen Krankheiten ist Ergotherapie in Österreich ein nicht leistbarer Luxus – „also für Personen, bei denen es nicht nur um eine einmalige ergotherapeutische Intervention, sondern eine langfristige Betreuung geht“, so Gobara. Beiden Gruppen gemeinsam ist oft eine eingeschränkte Mobilität, Hausbesuche wären aus verschiedenen Gründen wichtig, die sind durch die Kasse aber nur sehr bedingt finanziell abgedeckt. Ebenso schwierig bis unmöglich ist es für viele Menschen, eine Wahlergotherapeutin zunächst zu zahlen und dann wochenlang auf eine Refundierung von der Kasse warten zu müssen, die noch dazu die Kosten nur zum Teil deckt. „Ähnliche Schwierigkeiten haben zudem Patienten mit Schlaganfall – wo Ergotherapie bei der Rehabilitation eine sehr wichtige Rolle spielt – oder mit demenziellen Symptomen“, kritisiert Hackl.

Ein weiteres sehr löchriges Versorgungsnetz mit Ergotherapie gibt es auf Ebene der nur sehr langsam wachsenden Zahl der Primärversorgungszentren. Hier sei, wie Hackl beschreibt, das Problem, dass für angestellte Ergotherapeuten nur sehr wenige Stunden vorgesehen sind. „Dabei wäre gerade dort eine große Chance, die Potenziale ergotherapeutischer Versorgung viel intensiver zu nutzen.“ Im Rahmen einer ergotherapeutischen Behandlung sollen auch die Ressourcen von Patienten gestärkt werden, das Gelernte in den persönlichen Alltag zu integrieren. Denn viele Probleme zeigen sich eben bei der Bewältigung von alltäglichen Handlungen wie Kochen, Körperhygiene, An- und Ausziehen, Versorgung des Alltags, bei kleineren Wegen wie Einkaufen.

Den Alltag bewältigen

Ergotherapeutische Interventionen können auch dazu beitragen, den eigenen Tagesablauf besser zu strukturieren. „Insgesamt geht es also sowohl darum, Menschen dabei zu unterstützen, im gewohnten Lebensumfeld verbleiben zu können. Gleichzeitig ist ein Fokus, den Alltag wieder stärker selbstbestimmt zu bewältigen, ein ganz essenzieller Faktor in Bezug auf eine ganzheitlich verstandene Definition von Gesundheit“, so Hackl. Dazu werden Patienten im Umgang mit Hilfsmitteln geschult. Erarbeitet wird auch, das Wohnumfeld gemeinsam bewusst wahrzunehmen und möglichst einfache Schritte zu entwickeln, um dieses in jeder Hinsicht bewohnbar zu halten, trotz temporärer oder andauernder körperlicher Einschränkungen. Für Gobara ist klar: „Ergotherapie trägt eben ganz wesentlich dazu bei, dass Menschen so lange wie möglich im eigenen Lebensumfeld verbleiben können.“ Gefördert werde Selbst- und Eigenständigkeit, die im Idealfall auch eine Rückkehr ins Erwerbsleben ermöglicht, die Lebensqualität im Alltag deutlich verbessert und jedenfalls zur Partizipation am gesellschaftlichen Leben ertüchtigt. Das bedeutet in der Folge weniger Kosten im Sozial- und Gesundheitsbereich. „Ganz wichtig ist dabei die mobile Therapie und Beratung durch Ergotherapeuten“, fordert Gobara.

Weiterentwicklungsmöglichkeiten in der Ergotherapie – auch in Hinblick auf die aktuellen Finanzierungsmodelle – ortet Hackl in der Nutzung von digitaler Kommunikation: „Patienten, die wir betreuen, könnten z. B. via Video ihre Handübungen vorzeigen und auf eventuelle Fehler kontrollieren lassen.“ Es könnten auch mittels Video gewisse Vorinformationen zu einem Hausbesuch gesammelt sowie erste Eindrücke zur Einrichtung und zu möglichen Stolperfallen im Haushalt gewonnen werden. „Sicherlich vorteilhaft wäre das für die Sturzprophylaxe, ein zunehmend wichtiger Bereich.“ Sowohl Patienten als auch Therapeuten könnten sich viele Wege ersparen. Doch dazu braucht es zum einen entsprechend abrechenbare Tarifposten sowie die Abklärung rechtlicher Fragestellungen und zum anderen weitere Forschung zur Weiterentwicklung digitaler Tools. „Forschung zu Ergotherapie erfolgt in Österreich maximal an Fachhochschulen und dort am ehesten im Rahmen von Masterarbeiten – auch hier müssten die Strukturen dringend weiterentwickelt werden.“

Freilich sind dazu auch ausreichend Ergotherapeutinnen und -therapeuten nötig. Ende Juni ist die Frist zur Eintragung ins Gesundheitsberuferegister für alle Personen, die vor dem Juli 2018 zu arbeiten begonnen haben, abgelaufen. „Es liegen demnächst also exakte Zahlen vor, die etwa Auswirkungen auf die Planungen der Studienplätze an Fachhochschulen sowie für Praktikumsstellen haben müssten.“ Denn immer wieder seien Forderungen nach Aufstockungen von den zuständigen Stellen auch mit Verweisen auf fehlende Zahlen hintangestellt worden, bedauert Hackl. Dasselbe gelte für die Zahl der freiberuflichen Ergotherapeuten. Diese Ausrede ist bald nicht mehr möglich.

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
08-09/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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