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Synchronizing Healthcare

Kein ausreichender Zugang

Gesunde Ernährung ist wichtig, darüber sind sich alle einig. Allerdings müssen die meisten, die sie brauchen, diätologische Leistungen aus eigener Tasche bezahlen.

29. Mai 2020
Christian F. Freisleben
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 61. JG (2020) 03-04
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Bildinhalt: Älterer Mann isst Suppe

Bildrechte: ClipDealer / bialasiewicz

Es gibt eine große Kluft zwischen dem, welche Bedeutung der Ernährung in sämtlichen gesundheitspolitischen Grundsatzpapieren und Strategien zugesprochen wird, und vorhandenen Versorgungsstrukturen für diätologische Leistungen – obwohl der Nutzen einer weitreichenden Ernährungstherapie unter anderem in einer aktuellen Studie belegt wird“, analysiert Gabriele Karner, Leiterin des Studiengangs Diätologie an der FH St. Pölten. Sie spielt dabei auf eine Schweizer Untersuchung an, nach der durch entsprechende diätetische Maßnahmen während eines stationären Aufenthalts und auch danach eine Lebenszeitverlängerung bei den Patienten erreicht werden konnte.1 Doch aufgrund der aktuellen Finanzierungslogik in Österreich können Diätologen und Diätologinnen in vielen Bereichen nur sehr eingeschränkt oder gar nicht tätig werden, außer der Patient zahlt selbst.

Hohe Rehospitalisierungsrate

Das bestätigt auch Gerhard Wirnsberger, Internist und Geriater an der Klinischen Abteilung für Nephrologie der Universitätsklinik für Innere Medizin Graz. Er ist in der KAGes auch als Leiter des Ernährungsbeirates für die Umsetzung ernährungsmedizinischer Richtlinien federführend verantwortlich. „Überwiegend werden diätologische Leistungen leider nur für den stationären Bereich refundiert, in den Spitalsambulanzen werden sie mitgetragen, wenn sich Diätologen und Diätologinnen besonders engagieren.“

„Insgesamt fehlt in Österreich eine kontinuierliche und durchgängige ernährungsmedizinische Versorgung“, kritisiert Wirnsberger. Es werde zwar im Spital eine diätologische Betreuung begonnen, die könnte aber im extramuralen Bereich nur in Ausnahmefällen weitergeführt werden – was angesichts immer kürzerer Verweildauern in den Spitälern besonders fatal sei.2 Eine der Folgen sei etwa die Mangelernährung – insbesondere eine chronische Eiweißmalnutrition bei älteren Patienten. Die Wahrscheinlichkeit, dass multimorbide Personen auch Ernährungsprobleme haben, ist sehr groß. Viele leiden an Appetitlosigkeit, einer deutlichen Gewichtsabnahme und einem Verlust an Muskelmasse. Bis zu 80 Prozent der stationär betreuten onkologischen Patienten sind in Österreich von einer Mangelernährung betroffen, auf chirurgischen Abteilungen sind es bis zu 60 Prozent. Bei diesen Patienten sei die Rehospitalisierungsrate besonders hoch, was gesundheits- und sozialpolitisch zu hohen Folgekosten führt. Würden hier frühzeitig ernährungstherapeutische Maßnahmen gesetzt, ließen sich schnell Effekte sowohl in Hinblick auf Kostenersparnisse für die öffentliche Hand als auch auf eine höhere Lebenserwartung und bessere Lebensqualität der Betroffenen erzielen.

Gebrechlichkeit und Ernährungszustand

Karner verweist auf das häufig bei alten Menschen auftretende Phänomen der Frailty, einer Kombination aus Abnahme der Körperkraft, subjektiv empfundener Erschöpfung, bedingt durch Antriebslosigkeit und verminderte Aktivität, reduzierter Ganggeschwindigkeit und unbeabsichtigter Gewichtsreduktion von etwa fünf Kilo im Jahr. Diese Gebrechlichkeit hängt sehr eng mit dem Ernährungszustand zusammen und erhöht die Wahrscheinlichkeit von weiteren Defiziten bei Auftreten von Bagatell-Ereignissen, wie Stürzen oder akuten Erkrankungen. Wobei Wirnsberger daran erinnert, dass bekanntlich der Sturz mit seinen mittelbaren und unmittelbaren Folgen für ältere Menschen der größte Risikofaktor ist, zu sterben. „Insgesamt könnte ein deutlich besserer Zugang zu Diätologie viele Pflegefälle verhindern“, meint Wirnsberger.

Gerade in der Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen wie z.B. Diabetes, Wunden oder bei onkologischen Erkrankungen, wo Mangelernährung ein zunehmendes Problem darstellt, wird deutlich, „dass Diätologie auch in den Ambulanzen, in wohnortnahen Einrichtungen oder einer mobilen Therapie ganz stark gefragt ist. So lange wie möglich im gewohnten Lebensumfeld zu sein, ist für Betroffene enorm wichtig und außerdem kostengünstig“, betont Karner. Die Österreichische Diabetesstrategie betont zwar die Bedeutung der Diätologie, aber trotz Disease-Management-Programm hat nur eine Minderheit der Menschen mit Diabetes Zugang zu diätologischer Betreuung. So wird einzig im Rahmen des sogenannten Gesundheitshunderters der Sozialversicherungsanstalt der Selbstständigen eine Diätberatung zum Teil finanziert. Weiters gibt es in der Steiermark das Projekt herz.leben, durch das eine sehr kleine Zahl von Patienten Zugang zu Diätologie im extramuralen Bereich bekommt. Und Personen, die sich eine spezielle Zusatzversicherung leisten können oder die Leistung aus der eigenen Tasche bezahlen.

Multidisziplinäres Vorgehen

Karner wünscht sich deshalb die schnelle Schaffung von diätologischen Planstellen, besonders in geriatrischen Einrichtungen und im extramuralen Bereich. Sich alleine auf die Primärversorgungszentren zu verlassen – zumindest auf dem Papier ist die Diätologie dort ein integraler Bestandteil –, sei viel zu wenig. „Diese Zentren sind in vielen Fällen im besten Fall Ärztegemeinschaften, aber keine multidisziplinären Versorgungseinheiten, wie es das Konzept eigentlich vorsehen würde“, meint auch Wirnsberger.

Dringend notwendig sei weiters eine Ausweitung der Diätologie-Ausbildung um Masterstudienplätze mit einer Vertiefung der Ausbildung in Themen wie künstlicher Ernährung, aber auch Pädiatrie, Geriatrie und Gerontologie. Auch ein solches Masterstudium müsse durch die öffentliche Hand finanziert werden. Sinnvoll wäre für Wirnsberger auch, der klinischen Ernährungsmedizin endlich einen höheren Stellenwert in der Ausbildung an österreichischen Medizinischen Universitäten zu verschaffen, um die Awareness der Mediziner für die Wichtigkeit einer konsequenten ernährungsmedizinischen Versorgung zu steigern. „Ernährungsmedizin erfordert multidisziplinäres Vorgehen. Dafür braucht es auch von Seiten der Medizin ein Basiswissen. Genauso wichtig ist auch die Zusammenarbeit unter anderen mit der Physiotherapie, weil es unmittelbare Zusammenhänge zwischen Ernährung und Bewegung gibt.“

In allen Spitälern der KAGes gebe es schon seit Jahren interdisziplinäre Ernährungsteams, in anderen Regionen Österreichs aber bestehe vor allem in kleineren Krankenhäusern ein dringender Nachholbedarf, obwohl viele wissenschaftliche Studien auf die Bedeutung solcher interdisziplinärer Netzwerktreffen hinweisen. „Schon bei der Spitalsaufnahme muss die Anamnese in Richtung adäquater Ernährungstherapie gehen“, unterstreicht Wirnsberger. So positiv die Situation in steirischen Spitälern ist, ändere das auch in der Steiermark nichts daran, dass danach die Versorgung nicht weitergeht. „So ist leider noch immer zu beobachten, dass in vielen Arztbriefen bei der Entlassung von Patienten aus dem Spital ernährungsmedizinische Therapievorschläge nicht fachgerecht abgebildet werden.“

Mehr Ernährungswissen

Und: „Über eine Million überwiegend ältere Menschen in Österreich leben unter der Armutsgrenze. Für diese Personen ist eine gesunde Ernährung in vieler Hinsicht einfach nicht finanzierbar.“ Umso wichtiger sei eine intensive Zusammenarbeit mit der Sozialarbeit.

Aber eigentlich mangelt es überall an Ernährungswissen: Das vor mittlerweile acht Jahren definierte Gesundheitsziel 7 sieht zwar vor, das Bewusstsein, wie man die eigene Gesundheit durch Ernährung unterstützen kann, bei allen Menschen zu fördern. Und so gibt es vereinzelte Projekte in diesem Bereich, finanziert etwa vom Fonds Gesundes Österreich. Aber trotz aktuellsten Studien, die Adipositas als gravierendes Problem von Kindern und Jugendlichen betrachten, fehlt es an koordinierten Vorgangsweisen. „Im aktuellen Regierungsprogramm hat Health Literacy einen wichtigen Stellenwert. Diätologie kann in diesem Zusammenhang zu Food Literacy wichtige Impulse liefern – Voraussetzung ist der entsprechende politische Willen“, sagt Diätologin Karner.

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
03-04/2020 (Jahrgang 61)

Verlag
Schaffler Verlag

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