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Synchronizing Healthcare

Impulse für die seelische Gesundheit

Ausgehend von einem Pilotprojekt zu stationärer psychokardiologischer Rehabilitation stellt sich die Frage, ob in der Rehabilitation nicht mehr auf die Psyche geachtet werden sollte.

21. Juni 2020
Christian F. Freisleben
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 61. JG (2020) 03-04
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Johann Mikl, ärztlicher Leiter des PVA-Rehabilitationszentrums Felbring in Niederösterreich, erinnert daran, dass psychische Ursachen inzwischen an erster Stelle dafür stehen, dass Menschen frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden müssen1 , abgesehen von negativen Auswirkungen auf Partnerschaften und insgesamt auf die Lebensqualität. „Rehabilitation ist daran orientiert, Menschen wieder zu ermöglichen, an allen Aspekten des Lebens teilzuhaben.“ Grundsätzlich habe psychische Gesundheit in den 15 stationären Einrichtungen der PVA seit Jahrzehnten immer eine wichtige Rolle gespielt und sei im medizinischen Leistungsprofil mit einem definierten Personalschlüssel verankert. „Im neuen Programm RehaJET – JET steht für Job, Erwerbstätigkeit, Teilhabe – wird während der stationären Rehabilitation auch ein besonderer Vortrag über psychische Gesundheit angeboten“, so Mikl. Daraus würden bei etlichen Patienten – nach Maßgabe der Personalressourcen – auch psychologische Einzelgespräche folgen.

Den Lebensstil reflektieren

Auch wenn es durchaus indikationsspezifische Unterschiede gebe, würden, sagt Christian Köck, Geschäftsführer der Klinikum Austria Gesundheitsgruppe mit fünf Reha-Kliniken in Österreich, grundsätzlich bei allen Erkrankungen neben dem Lebensstil auch psychische Faktoren eine Rolle spielen. Ein Beispiel dafür ist etwa extremer Bluthochdruck. So lassen sich auch Zusammenhänge zwischen übertriebenem körperlichen Training und Anorexie herstellen, womit wiederum die Wahrscheinlichkeit von Ermüdungsbrüchen steige, beschreibt er. „Rehabilitation hat immer etwas mit eingeschränkter Funktionalität zu tun und wie sich diese auf die Gestaltung des persönlichen Lebens auswirkt bzw. wie diese Auswirkungen bewältigbar sind.“ Die drei bis fünf Wochen Rehabilitation seien eine Chance, den bisherigen Lebensstil zu reflektieren und im Optimalfall in dieser Zeit in eine positive Richtung zu entwickeln. Rehabilitation müsse personen- und beziehungszentriert ausgerichtet sein und daher ebenso die Psyche und den Umgang mit Krankheiten und dem Gesundungsprozess berücksichtigen. Denn so würde, wie Köck meint, aus einer intensiveren Auseinandersetzung auch die Möglichkeit entstehen, sich mit der eigenen psychischen Gesundheit auseinanderzusetzen.

In Felbring wird seit vergangenem Herbst ein Pilotprojekt umgesetzt und damit erstmals in Österreich eine stationäre psychokardiologische Rehabilitation geboten. „Besonders bei Patienten, die einen Herzinfarkt erlitten haben, ist die Wahrscheinlichkeit des Auftauchens depressiver Symptome relativ hoch“, sagt Johann Mikl. Aber auch andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen können sich auf diese Weise auswirken, was sich negativ auf den Genesungsprozess niederschlägt und im schlimmsten Fall die Mortalitätsrate erhöht.2

Zielgruppe des aktuellen Projekts, das ausgehend von Vorbildern etwa in Deutschland3 entwickelt wurde, sind berufsfähige Menschen, die bei der Rückkehr in die Arbeitswelt unterstützt werden sollen. Mikl weiter: „Die ersten Rückmeldungen der Patienten sind jedenfalls sehr positiv. Das Projekt wird drei Jahre lang laufen und dann evaluiert, auch in Hinblick auf die anfallenden Kosten für die Pensionsversicherungsanstalt.“

Von den 120 Betten in Felbring sind 25 für das Projekt gewidmet, das momentan auf Versicherte der Österreichischen Gesundheitskasse beschränkt ist. Angesprochen werden Personen, die neben einer kardiologischen Symptomatik über Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Traurigkeit, Ängste und Sorgen, Panikgefühle, Konzentrationsschwierigkeiten, sozialen Rückzug, wiederkehrende Brustschmerzen oder Atemnot klagen, die nach medizinischer Abklärung nicht auf die bestehende Herzerkrankung zurückzuführen sind.

Zwei Phasen

Im Bereich der Bewegungstherapien unterscheidet sich das Angebot kaum von jenem einer konventionellen kardiologischen Rehabilitation, wobei das Programm weniger dicht ist. Dafür beginnt es mit einer umfassenden psychiatrischen Diagnostik und es ist Zeit für Einzel- und Gruppenpsychotherapie vorgesehen. „Dazu haben wir das Personal aufgestockt, statt 1,5 Vollzeitäquivalente stehen nun vier zur Verfügung, so haben wir zwei Ergotherapeuten und einen Facharzt für Psychiatrie eingestellt“, berichtet Mikl. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Rehabilitation in zwei Phasen aufgeteilt ist: Sie dauert zunächst vier Wochen, dann wird vier Monate pausiert und anschließend folgen zwei weitere Wochen.

Reagierten Patienten auf psychotherapeutische oder psychologische Angebote noch vor drei oder vier Jahrzehnten oft mit einem abwehrenden „Ich bin ja nicht verrückt“, habe sich die Einstellung deutlich verändert. „Im Gegenteil: Diese Aspekte werden immer wieder aktiv nachgefragt und es gibt sogar Beschwerden, wenn sie nicht angeboten werden“, analysiert Mikl. Zuweilen fragen Patienten, die nicht im psychokardiologischen Programm sind, warum sie nicht Zugang zu diesen Angeboten haben.

Krankheitsmechanismen verstehen

Patienten seien motiviert, sich auf das Programm einzulassen, und würden sich das Erlernen von Entspannungstechniken erwarten, „und dass sie besser mit depressiven Symptomen oder Angststörungen umgehen können, auch indem sie entsprechende Trigger im Alltag rechtzeitig erkennen“, beschreibt Mikl. Auch Angehörigengespräche werden im Rahmen der Rehabilitation angeboten ebenso wie spezifische Vorträge. Bei Bedarf wird der Zugang zu Kunst- und Tanztherapie ermöglicht. Ein wichtiger Teil sind interdisziplinäre Teamvisiten mit Fachärzten für Psychiatrie sowie Kardiologie und den betreuenden Bezugstherapeuten. „Die Patienten sollen durch intensive Selbstwahrnehmung und Reflexion Krankheitsmechanismen sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene verstehen“, so Mikl. Personen, die für die zweite Phase der Rehabilitation wiederkommen, würden berichten, dass sie sowohl mit körperlichen als auch psychischen Beschwerden deutlich besser, angstfreier und selbstbewusster umgehen können.

Durch das Programm ließe sich die messbare sogenannte Herzangst, also die Befürchtung, eine weitere Episode einer schweren Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleben, senken, „damit vermindert sich das Vermeidungsverhalten sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich“, erklärt Mikl. So ergibt sich etwa wieder die Motivation, Sport zu betreiben und ebenso, sich beruflichen Herausforderungen zu stellen. Mikl ist davon überzeugt, dass psychosomatische Aspekte insgesamt stärker in der Rehabilitation berücksichtigt werden sollten und könnten. „Dies würde aber eine Änderung des Personalschlüssels und Dienstpostenplans erfordern“, wie es ihn in Felbring bereits gibt. Klinikum-Austria-Geschäftsführer Christian Köck sieht die Chance, etwa im Rahmen des ärztlichen Aufnahmegesprächs einer Rehabilitation, verstärkt psychische Themen anzusprechen und die Angebote darauf abzustimmen. Im Laufe einer konventionellen Reha sei dies eher schwierig, auch aufgrund der engen Taktung der Therapien. In der Kinder- und Jugendrehabilitation ist die psychische Gesundheit jedenfalls eine fixe Größe. Dies könne eine gewisse Inspiration ebenso für den Erwachsenenbereich sein, hier gäbe es noch viel Potenzial. Auch da Rehabilitation in vieler Hinsicht auch für die Prävention bedeutsam sei. Eine wichtige Dimension sei dabei der Umgang mit Druck am Arbeitsplatz und wie es einzelnen Personen möglich ist, trotzdem arbeitsfähig und -freudig zu bleiben.

Literatur:

1

Czypionka T et al (2016): Invaliditätspension aufgrund psychischer Erkrankungen, Institut für Höhere Studien. Internet: https://irihs.ihs.ac.at/id/eprint/3886/ Zugriff: 6.3.2020

2

Vaccarino V et al (2019): Depression and coronary heart disease: 2018 ESC position paper of the working group of coronary pathophysiology and microcirculation developed under the auspices of the ESC Committee for Practice Guidelines. European Heart Journal 0, 1–15. Internet: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehy913 Zugriff: 6.3.2020

3

Köllner V et al (2017): Psychokardiologische Rehabilitation. Ein Fächer-integrierendes Behandlungsmodell. Ärztliche Psychotherapie 12: 219–226.

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