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Synchronizing Healthcare

Hand in Hand mit dem digitalen Doppelgänger

Spätestens seit dem 2009 erschienen Science-Fiction-Hit Avatar wächst der Wunsch, sich einen Zwilling maßschneidern zu lassen. Auch in der Medizin. Und dieser Wunsch wird erfüllt. Avatare könnten uns bald nicht nur im Film in andere Welten bringen, sondern auch im ganz realen Krankenhausalltag.

15. Oktober 2019
Bettina Benesch
Schaffler Verlag, ÖKZ: 60. JG (2019) 08-09
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ClipDealer / SeanPrior

Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / SeanPrior

Es sind nur wenige Schritte zum digitalen Doppelgänger: Es braucht einen leistungsfähigen Computer, eine Virtual-Reality-Brille, zwei Steuerungselemente und einen Bewegungsmelder. Dazu eine Firma, die den Avatar schafft und ihn in die virtuelle Welt einbindet. Die Kosten sind überschaubar: Ab 500 Euro ist man mit von der Partie. Wie geht es dann weiter? Man trifft sich im (zuvor geschaffenen) virtuellen Raum – ganz so, als würde man einander gegenüberstehen oder -sitzen.

Nicht nur Chefs internationaler Konzerne können sich auf diese Weise einfach und sozusagen im Pyjama mit ihren Mitarbeitern treffen, ohne tausende Kilometer hinter sich zu legen: Auch in der Medizin erwarten sich Experten künftig große Fortschritte durch diese Technologie. „In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird alles, was in der realen Welt möglich ist, auch in der virtuellen Welt umgesetzt“, sagt der Soziologe Thomas Druyen, Leiter des Instituts für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien: „In einem virtuellen Krankenhaus gibt es Patienten, die sich aus aller Welt auf dieser Plattform einfinden können. Sie sitzen in Indien und sprechen mit ihrem Arzt in Wien. Ohne zu reisen und damit ohne die Umwelt zu belasten und vor allem ohne die Kosten dafür tragen zu müssen. Jede Diagnose, jedes Arztgespräch kann mithilfe dieser virtuellen Erweiterung umgesetzt werden.“

Ausbildung weltweit kostengünstig möglich

Eine wichtige Rolle dürfte die Avatar-Technologie künftig in der Ausbildung junger Mediziner spielen. So könnten Leichen digital seziert werden und der Avatar mal schnell eine Vorlesung in Abu Dhabi oder New York besuchen. Auch in Altersheimen sehen Experten viel Potenzial, um den Heimbewohnern soziale Kontakte in die ganze Welt zu ermöglichen. Wer nicht mehr mobil ist, für den geht der Avatar auf Reisen.

Durch die Dreidimensionalität innerhalb des virtuellen Raums, in dem man sich trifft, entsteht ein Gefühl von echtem Zusammensitzen. Die Avatar-Technologie kann also mehr als ein Videotelefonat. Das erklärt vermutlich auch den Effekt, den der Aufenthalt im virtuellen Raum auf die Psyche hat. David Matusiewicz, Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule in Essen, erzählt von der körperlichen Reaktion auf einen virtuellen Strandbesuch: „Es gibt Studien, die zeigen, dass das Gehirn von Rheuma-Patienten auf die simulierte warme Umgebung am Strand positiv reagiert: Die Simulation stärkt das Immunsystem und aktiviert die Selbstheilungskräfte. Man nennt das den digitalen Placeboeffekt.“

Kein Medizinprodukt

Rechtlich gesehen gelten im Hinblick auf die Avatar-Technologie die allgemeinen datenschutz-, datensicherheits- und medizinrechtlichen Regelungen, erklärt Nikolaus Forgó vom Institut für Innovation und Digitalisierung im Recht in Wien. Spezielle Normen, die sich nur mit Avataren beschäftigen, gebe es nicht. Als Medizinprodukt gilt der Avatar nicht – solange man sich mit ihm nur auf dem Boden der Aufklärung und Information bewegt. Wichtig sei, so Forgó, dass der Patient im Vorfeld ausreichend informiert werde und wisse, was der Avatar warum tut oder empfiehlt. Die Avatar-Technologie entwickelt sich – wie auch andere Innovationen im Gesundheitswesen – in großen Schritten weiter. Alte Normstrukturen kommen da schwer mit. Nikolaus Forgó sieht es daher als notwendig an, dass sich die Gesetzgeber in Europa für Innovationskultur einsetzen. Erste Versuche seien nur ansatzweise vorhanden, „sodass europäische Anbieter, die europäischen Standards verpflichtet sind, schon jetzt erneut ins Hintertreffen geraten“. Es brauche eine mutige, zukunftsorientierte Gesetzgebung, die den Änderungen nicht mehr hinterherhinke, sondern sie aktiv mitgestalte.

Schaffler Verlag

Zeitschrift
ÖKZ EXTRA

Ausgabe
MedTech & MEDICA 2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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