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Synchronizing Healthcare

Garantie

Das wirklich Besorgniserregende lag in einem Nebensatz: „Dramatisch ist der Pflegemangel.“ Das sagte MedUni-Wien-Rektor Markus Müller anlässlich einer Pressekonferenz, in der es darum ging, das politische Ansinnen einer Verdopplung der Medizin-Studienplätze zurechtzurücken.

09. November 2019
Elisabeth Tschachler
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 10
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Schon jetzt können zwei von zwölf Operationssälen im Wiener Krankenhaus Nord nicht bespielt werden, weil es nicht ausreichend Operationsschwestern gibt. Im AKH Wien wurden vier Intensivbetten für Frühgeborene gesperrt, da es an Pflegekräften mangelt. Nicht nur in Vorarlberger Altenheimen fehlt qualifiziertes Personal. Das Phänomen ist weder neu noch auf Österreich beschränkt, der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn überlegt, Pflegekräfte aus dem Kosovo und aus Mexiko anzuwerben. Die Situation wird sich in der nächsten Zeit nicht entspannen. Bis 2030, hat das Wifo errechnet, werden rund 24.000 Schwestern und Pfleger fehlen, ein Drittel des geschätzten Bedarfs.

Die Gründe sind vielfältig und längst bekannt: Der Beruf, vor allem in der Altenpflege, und dort liegt das gravierendste Problem, ist psychisch wie physisch anstrengend. Wer je gesehen hat, wie eine Pflegeperson einen 75 Kilo schweren Menschen vom Bett in den Rollstuhl hievt, dem ist klar, dass man eine solche Tätigkeit nicht lange ausüben kann. Die Quasi-Akkordarbeit in der mobilen Pflege, wo die einzelnen Leistungen im Minutentakt zu erbringen sind, vernichtet auch den größten Idealismus. Die Fluktuation ist entsprechend hoch.

Eine konkrete Personalbedarfsrechnung gibt es nicht. Das mag sich demnächst ändern, denn das Gesundheitsberuferegister ist befüllt, wenngleich noch keine Gesamtzahlen vorliegen. Doch wenn dem Ende des Jahres so ist, wäre der nächste Schritt eine Bedarfsrechnung mit entsprechender Anpassung der Ausbildungsplätze.

Im Zuge des Wahlkampfs präsentierten die Parteien auch Pflegekonzepte. Darin geht es, wenig überraschend, in erster Linie um die aktuellen und potenziellen Pflegebedürftigen und die Finanzierung. Die Volkspartei will eine „Pflege-daheim-Garantie“ einführen. Wobei das mit der Garantie natürlich so eine Sache ist. Die meisten der angeführten Maßnahmen bzw. Zielvorgaben wie Qualitätssicherung, Unterstützung pflegender Angehöriger oder neue Wohn- und Betreuungssysteme und die Stärkung von Prävention und Rehabilitation finden sich bereits im letzten Regierungsprogramm. Neu ist die Ankündigung einer Pflegeversicherung, finanziert über AUVA-Beiträge, und im Bereich der Ausbildung die Pflegelehre, von der die meisten Experten jedoch abraten.

Auch die SPÖ verspricht in ihrem Konzept nichts weniger als eine Garantie, allerdings eine staatliche Pflegegarantie, will heißen: Der Staat übernimmt alle Kosten für mobile und stationäre Pflege, Basis dafür soll ein Pflegegarantiefonds werden. Die Grünen beschäftigen sich in ihrem Konzept neben der Qualitätssicherung der 24-Stunden-Betreuung mit neuen Aufgaben der Gesundheits- und Krankenpflege im Gesundheitswesen, etwa, dass Pflegefachpersonen verstärkt in den Bereichen Gesundheitsförderung und Prävention tätig sein sollen. Damit soll verhindert oder wenigstens hinausgezögert werden, dass Menschen überhaupt pflegebedürftig werden. Die FPÖ, die, wie es zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe aussieht, wahrscheinlich nicht in Regierungsverantwortung kommt, will das Pflegegeld um 50 Prozent erhöhen, finanziert durch den Abbau von Akutbetten.

Die amtierende Gesundheitsministerin Brigitte Zarfl will im November die Ergebnisse laufender Studien im Bereich Finanzierung und Personalbedarf präsentieren. Abgesehen davon sind konkrete Lösungen gefragt. Die handelnden Personen rechnen damit, dass die Koalitionsverhandlungen sich bis ins neue Jahr ziehen werden.

Und selbst dann ist die Pflege immer noch Ländersache.

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
10/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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