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Synchronizing Healthcare

Ethisches Verhalten in der Krankenhaus-Gesellschaft: Ethik versus Ökonomie?

Die Idee zu diesem Beitrag entstand aus der gemeinsamen Wahrnehmung einer zunehmenden Flut von Interventionen und Beschwerden, mit der sich Health Professionals konfrontiert sehen. Im Vergleich zu anderen Ländern, wie z.B. des nordeuropäischen Raumes, wo die Akzeptanz für eine Regulierung von Zugängen zu Gesundheitseinrichtungen und die Allokation von Ressourcen eher größer ist, scheint sich in Österreich eine ICH-Gesellschaft zu etablieren, die das Gesundheits- und Sozialsystem oft als Selbstbedienungsladen begreift. So kommt es immer öfter zu einem Anspruchsverhalten in Form von Interventionen und Beschwerden, um sich über Rahmenbedingungen der staatlich finanzierten Versorgung hinwegzusetzen; nicht selten werden dafür Personen des öffentlichen Lebens instrumentalisiert oder vorhandene Strukturen wie die der Patienten-Ombudschaft über Gebühr strapaziert. Vor allem kommen die Ärzte und Gesundheitsberufe in Gewissenskonflikte.

04. Dezember 2019
Gerd Hartinger & Brigitte Hermann
SCHAFFLER VERLAG, QUALITAS: 03/19
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Beispiel: Die Gattin eines geriatrischen Patienten will nicht akzeptieren, dass eine Aufnahme in den LKF-finanzierten AG/R-Bereich nicht zielführend ist, da der Zustand des Patienten bei Multimorbidität und Demenzerkrankung die Einschlusskriterien nicht erfüllt. Sie beschäftigt sowohl das Behandlungsteam der Langzeitstation durch ständiges Fordern nach mehr Physiotherapie und anderen remobilisierenden Maßnahmen, beschwert sich wiederholt bei der Abteilungsleitung, beim ärztlichen Leiter, der Pflegedienstleitung und auch bei der Geschäftsführung. Obwohl alle Mitarbeiter sehr bemüht sind ihr zu erklären, dass ein Aufenthalt auf der Fonds-finanzierten AG/R-Station nicht zielführend ist, da ihr Gatte aufgrund seiner kognitiven und körperlichen Defizite nicht in der Lage ist, das Therapieangebot dort zu nutzen und das AG/R-Bett von anderen Patienten (Hunderte auf der Warteliste) dringender gebraucht wird, ist sie der Meinung, ungerecht behandelt zu werden, und droht mit Weitergabe dieses „Skandales“ an die Medien sowie an befreundete Politiker. – Kein Einzelfall mehr.

Eine Bevorzugung dieser häufig regelüberschreitenden Personen widerspricht dem ethischen Grundprinzip der Gerechtigkeit und stellt somit ein organisationsethisches Problem dar. Immerhin kommt es durch die Beschäftigung mit den „lauten Schreiern“ zu einer Benachteiligung der „leisen Rücksichtsvollen und Regelkonformen“.

Mitarbeiter von Krankenhäusern und Pflegeheimen sind mit der medizinisch-pflegerischen Betreuung ihrer Patienten/Bewohner bereits mehr als ausgelastet, was sich in Anbetracht des sich abzeichnenden Personalmangels in den nächsten Jahren noch verschärfen wird. Von vielen Mitarbeitern wird die Angehörigenarbeit sowie die Bearbeitung von Sonderwünschen und Verhalten als zunehmende Überforderung wahrgenommen, die zu Ängsten und Burn-out-Symptomen führen kann. Überforderte Mitarbeiter können allerdings keine optimale Patienten-/Bewohnerbetreuung leisten, womit ein weiterer ethischer Aspekt des Problems sichtbar wird.

Der vermehrt als unangemessen empfundene Druck führt zu Krankenstandstagen und hoher Personalfluktuation, dies hat wiederum ökonomische Auswirkungen auf eine Krankenanstalt. Vor dem Hintergrund des Personalmangels am Arbeitsmarkt kann diese Situation sogar bedrohliche Ausmaße annehmen, da die Personalakquise zunehmend schwieriger wird. In manchen Regionen Österreichs ist kaum mehr qualifiziertes Pflegepersonal verfügbar und die Betten stehen daher leer.

Aus der Verantwortung für unsere Patienten/Bewohner und Mitarbeiter und für die Gesellschaft im Gesamten sollten wir dieser um sich greifenden Unkultur des Intervenierens und „auf sein Recht Pochens“ Einhalt gebieten. Mit diesem Artikel möchten wir ein Zeichen setzen und alle Leser einladen, sich an dieser längst fälligen Diskussion zur medizinisch-ökonomischen Verantwortung zu beteiligen. Alle sind herzlich eingeladen, sich an einer „Gegenströmung“ aktiv zu beteiligen und Impulse für einen gesellschaftlichen Wandel – für mehr Miteinander, Mitgefühl, Achtsamkeit, Wertschätzung und die Dinge gemeinsam zum Positiven gestalten – zum Vorteil aller zu initiieren.

Schaffler Verlag

Zeitschrift
Qualitas

Ausgabe
03/2019

Verlag
Schaffler Verlag

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