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Synchronizing Healthcare

„Es geht um Leben“

Ende vergangenen Jahres stellte die damalige Gesund­heits­ministerin ihre Absicht eines Masterplans Pflege vor. Bis Ende 2019 sollten konkrete Maß­nahmen vorgelegt werden. Was aus dem Vorhaben wird, ist nach dem Ende der türkis-blauen Regierung ungewiss. Handlungs­bedarf besteht im Bereich Lang­zeitpflege jedenfalls.

21. Juli 2019
Christian F. Freisleben
Schaffler Verlag, ÖKZ: 60. JG (2019) 06-07
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Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / deyangeorgiev

Es ist gut, dass über wichtige Themen im Betreuungs- und Pflege­bereich nach­gedacht wird“, meint Wilma Steinbacher, Vorsitzende von Pro Senectute und Direk­torin der Alten­betreuungs­schule des Landes Ober­österreich. Für die 24-Stunden-Betreuung sieht sie dringenden Handlungs­bedarf, etwa in Hinblick auf die Qualität der hier agierenden Agenturen. „Es müsste ver­pflich­tende Schulungen für die Betreuenden geben und klare, einheit­liche Qualitäts­kriterien und -standards für Agenturen“, so Steinbacher.

Ein deutlich strukturierteres Vorgehen bei der Unter­stützung pflegender Angehöriger wäre ebenfalls wichtig: Sollte „Pflege mobil vor stationär“ weiterhin das Ziel sein, dann braucht es eine personen­zentrierte Unter­stützung. Nicht die Betroffenen richten sich nach den Angeboten, sondern die Betreuung richtet sich nach den indivi­duellen Bedürf­nissen. So sollten Fach­kräfte vor Ort in den Haus­halten ein Assessment vornehmen, wo einerseits die Ressourcen und anderer­seits der indivi­duelle Betreuungs- und Pflege­bedarf abgeklärt werden können. Schließlich ginge es nicht nur um Pflege, „es geht um Leben“, meint Steinbacher.

Mut für zukunftsorientierte Konzepte

Bei den Langzeitpflegeeinrichtungen bräuchte es den Mut für mehr zukunfts­orientierte Konzepte: „Weg von den formalen, struk­turellen Gegeben­heiten, hin zu deutlich mehr Flexi­bilität für indivi­duelle Umsetzungs­möglich­keiten von Betreuungs- und Pflege­maßnahmen. Heime müssten ihre Kompe­tenzen deutlich selbst­bewusster einbringen und vor allem auch dazu beitragen, dass Menschen so lange wie möglich im häus­lichen Bereich verbleiben können.“ Also inte­grierte Betreuung ermög­lichen, wie Angebote zur Kurz­zeit­pflege, Schulungen für Ange­hörige, mobiles Wund­management usw. Und Organi­sations­lernen und -wandel ermög­lichen, wo Mitarbeiter, Nutzer und (pflegende) Angehörige auf lokaler Ebene mitein­bezogen werden.

Um – wie es im Vorhabensbericht des Masterplans Pflege heißt – „Ent­schei­dungs­grundlagen für eine lang­fristige und nach­haltige Finan­zierung“ zu erlangen, wurde eine Studie in Auftrag gegeben. Jürgen Holzinger, Obmann des Vereins Chronisch­Krank Öster­reich, bekam aus dem Minis­terium nur spärliche Infor­mationen über die von der Uni­versität Wien umgesetzte Studie. Klar war nur, dass eine Gruppe aus Stake­holdern aus dem Gesund­heits- und Sozial­bereich gemeinsam an diesen Fragen arbeitete; was nun daraus wird, welche Erkennt­nisse tat­sächlich genutzt werden, kann niemand sagen. Holzinger verweist darauf, dass es von ver­schiedensten Trägern wie Caritas und Volkshilfe sehr detaillierte Vorschläge gibt.

Auch er sieht den Bereich der 24-Stunden-Betreuung als vordring­liches Handlungs­feld: „Durch die Abschaf­fung des Pflege­regresses wollen mehr Menschen in einer Lang­zeit­pflege­einrichtung betreut werden, einfach auch, weil es dort sozusagen kostenlos ist.“ Bei der 24-Stunden-Betreuung sei der Zuschuss der öffent­lichen Hand viel zu niedrig. „Im Licht des oft ausge­sprochenen Mottos ‚ambulant vor stationär‘ ist das absurd und wider­spricht diesem Ansatz“, kritisiert Holzinger. Ähnliches gelte für das Pflege­geld: Eine Erhöhung um ein Prozent der obersten Stufen sei quasi eine – viel zu geringe – Umweg­finanzierung der Heime.

„Nötig wäre – wenn die Menschen wirklich zu Hause betreut werden sollen –, die untersten drei Pflegegeld­stufen angesichts des Wert­verlusts der letzten Jahre endlich zu valo­risieren.“ Das würde eine Erhöhung von zumindest 30 Prozent bedeuten. Und dann bräuchte es eine jährliche Index­anpassung.

Die diplomierte Pflegekraft Alexandra Prinz beschäftigte sich in ihrer Master­arbeit1 intensiv mit der Finan­zierung der ambulanten Pflege. Sie fordert eine Erhöhung aller Pflege­stufen um 50 Prozent. Weiters nötig sei, sowohl Ärzte als auch Pflege­kräfte „für ihre so wichtigen Haus­besuche adäquat zu bezahlen“. Momentan bekämen sie Bagatell­beträge, was eine frei­berufliche Tätigkeit in der mobilen Pflege nahezu unmöglich machen würde. „Verdient eine Pflege­kraft, wie es oft der Fall ist, nur elf Euro in der Stunde, ist das jedenfalls keine Moti­vation, in der mobilen Pflege tätig zu werden.“ Holzinger ergänzt, dass schon in wenigen Jahren zumindest 15.000 zusätz­liche, „adäquat bezahlte“ Pflege­kräfte pro Jahr notwendig sein werden, um tat­sächlich „Daheim statt im Heim“ umzusetzen.

Einem Umstieg von Geld- auf Sach­leistungen im Pflege­bereich, wie in den letzten Wochen intensiv diskutiert, kann Holzinger nichts abgewinnen: „Das ist eine Form von Ent­mündigung. Sach­leistungen können im besten Fall eine Ergänzung sein. Jede Person soll indivi­duelle Möglich­keiten haben, sich jene Leis­tungen zuzu­kaufen, die sie benötigt.“ Auch die Geronto­login Wilma Steinbacher meint, dass es hier deutlich indivi­duellere Lösungen braucht. Aller­dings sagt sie, dass das ausbe­zahlte Geld teils für andere Zwecke verwendet werde, teils zu wenig sei, teils seien Pflegende und Ange­hörige mit diversen Betreuungs- und Pflege­maß­nahmen bzw. -handlungen über­fordert und „für die Pflege­bedürfvtigen braucht es mehr Wahlmöglichkeit“.

Harmonisierung der Leistungen

Aus Holzingers Sicht „besonders wichtig ist, dass es zu einer Harmoni­sierung der Leistungen in den Bundes­ländern kommt. Es darf nicht vom Wohnort abhängig sein, welche Leistungen einer Person zur Verfügung stehen.“ Der Pflege­fonds – ein zu zwei Drittel vom Bund und einem Drittel von Ländern und Gemeinden finan­zierter Zweck­zuschuss an die Länder zur Sicherung und zum bedarfs­gerechten Aus- und Aufbau des Betreuungs- und Pflege­dienst­leistungs­angebotes in der Langzeit­pflege – müsse zu einem „gewichtigen Steuerungs­instrument“ weiter­entwickelt werden. Dabei gehe es auch darum, die Qualität möglichst viel­fältiger und indivi­duell ausge­richteter Betreuungs- und Unter­stützungs­möglich­keiten auszubauen. Die SPÖ fordert in diesem Zusammen­hang einen mit sechs Milliarden dotierten Pflege­garantie­fonds, der gemeinsam von Bund und Ländern gefüllt wird.

Im Zuge der Diskussion um die Finan­zierung von Pflege wird auch immer wieder die Option einer Pflege­ver­sicherung diskutiert. „Die erste Säule der Finan­zierung der Pflege muss die öffent­liche Hand sein“, sagt Vereins­obmann Jürgen Holzinger dazu. Wichtig sei aber, über ver­schiedene Möglich­keiten aufzu­klären, für den Fall eines temporären oder dauer­haften Pflege­bedarfs vorzu­sorgen, also über verschiedene Formen von Versicherungen.

Alexandra Prinz findet, die Pflege­tätigkeit von Ange­hörigen und nahe­stehenden Menschen müsse auch auf pekuniärer Ebene etwas wert sein. In der Schweiz etwa stehen pflegende Angehörige in einem von der öffent­lichen Hand finan­zierten Ange­stellten­verhältnis, um die Betreuung mit ent­sprechender Qualität sicher­zustellen. Der bis 2021 sicher­gestellte Pflege­fonds würde dafür jedoch nicht ausreichen.

Modulare Ausbildung

Und dann gibt es noch den Mangel an Fachkräften zu bewältigen. „Zum einen müsste es in Bezug auf Nostri­fikationen deutliche Erleich­terungen für Personen geben, die aus anderen Ländern kommen“, schlägt Wilma Steinbacher vor und kann sich zusätzlich spezifische Nach­schulungen und Ergänzungs­aus­bildungen bzw. begleitete Praktika vorstellen. Aus­bildungen im Pflege­bereich sollten ihrer Meinung nach überhaupt deutlich modularer gestaltet sein, so wie es an der Alten­betreuungs­schule in Linz immer stärker umgesetzt wird. Bedeutsam seien dabei die Förderung des selbst­ständigen Lernens sowie eine Weiter­ent­wicklung der Praktikums­begleitung.

Auch für Daniela Palk vom Diakonie­werk greifen die momentan vor­liegenden Konzepte zu kurz: „Es braucht ein Aufbrechen der Logik, dass es nur ein entweder mobil oder stationär gibt.“ Pflege­geld­bezieher könnten künftig die Möglich­keit bekommen, mit dem Pflege­geld einen sach­leistungs­bezogenen Autonomie­betrag zu erwerben, der durch einen Zuschuss durch die öffent­liche Hand mehr wert ist als das Pflege­geld an sich. Damit könnten nicht nur ver­schiedene – natürlich akkredi­tierte – Leistungen zugekauft werden, sondern auch in einer Region bisher fehlende Angebote aufgebaut werden. Gleich­zeitig könnten sich Langzeit­pflege­ein­richtungen so neu positio­nieren und ebenso einen Verbleib zu Hause durch verschiedene Leistungen unter­stützen. Zu dieser Idee laufen aktuell Gespräche mit dem Land Ober­öster­reich und dem Sozialministerium.

Literatur:

1

Prinz A (2015): Organisationsentwicklung zur Professionalisierung der extramuralen Pflege – eine qualitative Untersuchung

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
06-07/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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