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Synchronizing Healthcare

Entwicklungsbedürftig

Theoretisch sollte die Hospiz- und Palliativversorgung in Österreich schon ganz anders aussehen. Und in der Theorie sind sich auch alle einig. Praktisch wird es noch eine Weile dauern, um seit Jahren vorhandene Konzepte umzusetzen.

01. Februar 2020
Christian F. Freisleben
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 12
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Niemand käme auf die Idee, für die Versorgung eines Beinbruchs – etwa für einen Gips – in Österreich um Spenden zu bitten“, kritisierte Caritas-Präsident Michael Landau Ende des Vorjahres. „Die Hospiz- und Palliativversorgung muss in Österreich so selbstverständlich werden wie die reguläre medizinische und pflegerische Versorgung.“ Im stationären Hospiz- und Palliativbereich liegt der Versorgungsgrad bei 38 Prozent, im mobilen bei 79 Prozent, knapp die Hälfte der Palliativstationen ist regelfinanziert. 150 Millionen Euro werden in diesem Feld momentan im Jahr aufgewendet, 40 Prozent davon sind Spenden – vor allem für extramurale Angebote. 240 Millionen Euro jährlich wären für eine flächendeckende Versorgung nötig, 0,6 Prozent des jährlichen Gesundheitsbudgets.

Kaum noch Bewegung

Im Juni 2014 wurde im Parlament einstimmig die Einsetzung einer Enquete-Kommission zum Thema Würde am Ende des Lebens beschlossen, neun Monate später ebenso von allen Parteien ein Positionspapier abgesegnet, mit sehr klaren Maßnahmen.1 „Umgesetzt wurde davon in den letzten Jahren allerdings wenig“, kritisiert Johann Baumgartner, Vizepräsident des Dachverbandes Hospiz Österreich. Es habe einige Schritte in Richtung Überführung in eine Regelfinanzierung gegeben, das Bewusstsein in den Ländern für notwendige Änderungen habe sich deutlich verbessert, sagt er. Im Jahr 2017 wurde die 15a-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern erneuert und damit sind 18 Millionen Euro zusätzlich für die Länder vorgesehen, wenn dieses Geld für den Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung verwendet wird, wobei die Länder ein weiteres Drittel des Gesamtvolumens beisteuern müssten. „Dies erwies sich allerdings als Hemmschuh, die Länder fragten: Was passiert nach den fünf Jahren Förderung? Bleiben wir dann auf den Gesamtkosten sitzen? Daher gab es hier kaum noch Bewegung“, analysiert Baumgartner.

Statt eines Bundeskoordinators, wie in den Empfehlungen der Enquete-Kommission festgehalten, wurde 2015 ein Hospiz- und Palliativforum gegründet, dessen Geschäftsführer Baumgartner ist. Im Forum arbeiten Gesundheits- bzw. Sozial- und Finanzministerium mit, der Hauptverband der Sozialversicherungsträger, die Länder, der Seniorenrat sowie Organisationen aus dem Bereich der Hospiz- und Palliativversorgung wie Hospiz Österreich oder die Österreichische Palliativgesellschaft. „Eigentlich hat dieses Forum einen sehr klaren Auftrag: Vorarbeiten für die Einführung einer Regelfinanzierung der Palliativ- und Hospizversorgung für Erwachsene und Kinder durchzuführen“, sagt Baumgartner. Beauftragt wurde bereits eine Projektstudie Regelfinanzierung, Erhebungen dazu führt die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) durch.

In den Bundesländern wird zusammengetragen, was die einzelnen Abteilungen für Gesundheit und Soziales in dieser Hinsicht tun und wie verschiedene Maßnahmen in der Hospiz- und Palliativversorgung derzeit finanziert werden. Ebenso abgefragt wird, wie sich die Stakeholder die Regelfinanzierung vorstellen. Alles Informationen, die allerdings schon mehrmals in unterschiedlicher Form gesammelt wurden.

Für Herwig Ostermann, Geschäftsführer der GÖG, ist es sinnvoll, einen aktuellen Überblick zu gewinnen, „damit die sowohl hinsichtlich Auf- und Ausbau von Infrastruktur als auch in Bezug auf die laufenden Versorgungskosten sehr unterschiedlichen Finanzierungsmodelle der Länder in einer einheitlichen Finanzierungslogik erfasst werden können“. Ostermann bezeichnet jedenfalls den Beschluss für die 18 Millionen als „wichtigen Erfolg“. Im Rahmen des Projekts HOSPAL2 setzt die GÖG darüber hinaus seit rund zehn Jahren ein Monitoring um, aus dem sich sowohl Impulse für den Prozess der Zielsteuerung ergeben würden als auch für die kommenden 15a-Verhandlungen und die darin enthaltenen Maßnahmen zum Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung.

Die Projektstudie der GÖG soll im April 2020 abgeschlossen sein, dann werden „Kernparameter für eine Regelfinanzierung“, wie es Baumgartner formuliert, vorliegen. Schon in der Zielsteuerung der Länder würden, wie Baumgartner betont, solche Themen behandelt. Gleichzeitig soll in den Ländern berechnet werden, wie viele Mittel für den Vollausbau fehlen. In der Zwischenzeit wird mit Eifer darüber diskutiert, ob der Schwarze Peter bei Bund, Ländern oder Gesundheits- und Sozialbereich liegt. Eine Diskussion, die eigentlich durch die Zielsteuerung der Vergangenheit angehören sollte. „Es gab und gibt nach wie vor Verzögerungen“, bedauert Baumgartner, wobei 2020 wieder neue Verhandlungen zu den 15a-Vereinbarungen anstehen, die eine Chance zum Handeln bieten würden. Immer noch meine so mancher, weniger Geld in die Hospiz- und Palliativversorgung investieren zu müssen, sobald die Grundversorgung besser ist – aus Baumgartners Sicht eine Rechnung, die nicht aufgehen kann. Selbst wenn bis 2022 eine Regelfinanzierung festgeschrieben werde, „bedeutet das nicht automatisch einen Vollausbau bis 2025“, sagt Baumgartner. Hier bräuchte es noch einige andere Rahmenbedingungen, wobei einige Stakeholder inzwischen im Zusammenhang mit dem Vollausbau von 2030 sprechen würden. Ostermann will jedenfalls die Finanzierung immer wieder zum Thema machen, „auch die Öffentlichkeit sollte hier einen gewissen Druck ausüben. Wobei schon zu sagen ist, dass die vorhandene abgestufte Betreuung nicht Nichts ist, sondern für viele Menschen eine gute Versorgung in der letzten Lebensphase sicherstellt.“

Keine einheitliche Tagsatzfinanzierung

Eine der wichtigsten Maßnahmen wäre eine Einigung auf eine einheitliche Tagsatzfinanzierung für stationäre Hospize – hier stehen einige Projekte schon seit Längerem in der Warteschleife, wobei diese Einrichtungen Krankenhäuser deutlich entlasten würden. Unbedingt müsse der Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung im Programm der neuen Regierung vorkommen. Bei einem stationären Hospiz in der Steiermark liegen jetzt schon vier Mal so viele Anmeldungen vor, als Plätze verfügbar sind. Diese Situation wird durch die Abschaffung des Pflegeregresses vorangetrieben. „Dadurch hat sich die Zugangsschwelle für Palliativpatienten in Pflegeheimen erhöht“, analysiert Baumgartner. Vonseiten der Diakonie wurde darauf hingewiesen, dass es für die Palliative Care in der Begleitung von Menschen mit Behinderung kaum konkrete Projekte und einen starken Bedarf an Weiterbildung gibt.

Erweiterung mobiler Angebote

Unverzichtbar für einen Vollausbau ist auch die Erweiterung der Angebote von mobilen Palliativ- und Hospizteams, vor allem für die Versorgung von Kindern. In einigen Bundesländern gibt es Teams, die nichts weiter als eine Basisfinanzierung haben und deshalb von Spenden abhängig sind. In Wien hat das Angebot von Momo heuer erstmals eine Teilförderung erhalten. Andere Angebote sind weiterhin ausschließlich spendenfinanziert. Gleichzeitig bräuchte es stationäre Kinder-Hospize, die nur bundesländerübergreifend realisierbar sind und für die es kaum eine Lobby gibt. So begrüßenswert die gerade im Aufbau befindliche Versorgung für Kinderrehabilitation ist, die nach Jahrzehnten intensiver Diskussion endlich auf den Weg gebracht wurde – „für Kinderpalliativmedizin ist dies nicht ausgelegt und es wird die Versorgungssituation diesbezüglich nicht verbessern“, betont Baumgartner. Ebenso notwendig sind Maßnahmen in der Aus- und Fortbildung der Gesundheitsberufe. „Viel Luft nach oben in der Hospiz- und Palliativversorgung gibt es auch im Heimbereich“, betont Baumgartner. Es gebe zwar vorbildhafte Projekte, genauso aber immer wieder überfordertes Personal. Insgesamt ist das Feld der palliativen Geriatrie auch in Bezug auf mobile Angebote noch stark entwicklungsbedürftig.

Der Stellenwert von Palliative Care hat sich durchaus verbessert – es gibt viele Kongresse und Bildungsmaßnahmen. Gleichzeitig muss in Krankenhäusern noch immer erklärt werden, was die Anliegen, die Angebote und Möglichkeiten von Palliative Care sind. Wie intensiv das gelebt wird, welche hausinternen Bildungsangebote es gibt, hängt stark vom Engagement Einzelner ab und ist in Österreich bis heute nicht institutionalisiert.

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
12/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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