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Synchronizing Healthcare

Engpass

908 Arzneimittel waren laut Apothekerkammer am 30. August letzten Jahres in Österreich nicht lieferbar. 556 davon auch im Oktober noch nicht. Diese Zahl zu ergründen ist gar nicht so einfach. Gemäß §34 Arzneimittelbetriebsordnung aus dem Jahr 2009 ist derzeit nur die Meldung einer Vertriebseinschränkung aufgrund eines Qualitätsmangels verpflichtend, und zwar durch den Zulassungsinhaber. Ob die Unternehmen Lieferengpässe aus anderen Gründen an das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) melden, bleibt ihnen überlassen. Und die – unvollständige – Liste mit den nicht verfügbaren Medikamenten ist auf der BASG-Website gut versteckt.

26. Januar 2020
Elisabeth Tschachler
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 12
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Dass wichtige Arzneimittel fehlen, wird häufiger. Neu ist das Problem nicht. Bereits im Jänner 2013 schrieb der Linzer Krankenhausapotheker Thomas Langebner in der ÖKZ: „Lieferengpässe bei Medikamenten gehören mittlerweile zum Alltag in Krankenhäusern“ und beklagte einen Mangel an frühzeitiger, qualifizierter Information. Geschehen ist seither nicht viel. Den Dingen wurde ihr Lauf gelassen und den Unternehmen ihr Argument dafür, dass sie ihre Waren nicht liefern können: Die Preise würden vonseiten der Einkäufer zu sehr gedrückt, deshalb müsse bei der Produktion strengstens kalkuliert werden.

Ähnlich wie bei T-Shirts wurde die Herstellung großteils in Länder ausgelagert, wo die Arbeitskräfte billig sind. Und auf Kapazitäten und Qualität nicht so genau geschaut wird. Während eine schief genähte Naht bei einem Ruderleiberl höchstens den Käufer oder die Käuferin ärgert, haben Qualitätsmängel und damit verbundene Lieferstopps bei Arzneimitteln ganz andere Folgen. Für Patienten dramatische, wenn es zu einem regelrechten Versorgungsengpass kommt. Für das Personal im Gesundheitswesen – allen voran für Pharmazeuten – einen mitunter enormen zusätzlichen Zeitaufwand, um möglichen Alternativen hinterher zu telefonieren. Auch den Krankenversicherungen entsteht zusätzliche administrative Arbeit. Abgesehen von Präparaten mit mangelhafter Qualität (die auch aus europäischen Produktionsstätten kommen kann) sind es vor allem die nicht so profitablen älteren Medikamente, häufig Generika, die öfter mal knapp werden. Rechtzeitig für Nachschub zu sorgen, ist für die Zulassungsinhaber nicht lukrativ. Das können Arzneimittel zur Behandlung der akuten lymphatische Leukämie, der häufigsten Krebsart im Kindes- und Jugendalter, sein, ebenso wie Herpesmittel, Blutdruckmedikamente, Antiepileptika, Antibiotika und neuerdings auch Impfstoffe. Unangenehm, wenn Gesundheitspolitiker gleichzeitig versuchen, gegen die Impfmüdigkeit in der Bevölkerung anzukämpfen.

Das Argument, wegen des Verhandlungsgeschicks von Sozialversicherungsmitarbeitern und kaufmännischen Krankenhausdirektoren billig herstellen zu müssen, steht der aktuellen Meldung gegenüber, dass etliche pharmazeutische Großunternehmen ihre Gewinnerwartung für heuer nach oben korrigiert haben. Und auch in den USA, nicht gerade im Ruf eines preiswerten und kostenbewussten Gesundheitssystems, gibt es Engpässe. Dort hat die Food and Drug Administration im Oktober einen Report über Ursachen und Lösungsmöglichkeiten veröffentlicht. Eine davon ist, die Preise für Generika hinaufzusetzen. Und was die Lieferschwierigkeiten aufgrund von Qualitätsmängeln betrifft, so schlägt die FDA vor, Hersteller für gute Qualität zu belohnen. Etwa so, als würde man das Salär eines Chirurgen erhöhen, wenn er gerade Schnitte setzt.

Die EMA bemüht sich derweil um eine EU-weit einheitliche Definition dessen, was ein Engpass ist und wann Zulassungsinhaber das einheitlich Definierte melden sollten. In Österreich gibt es zur Problemlösung eine Task Force, Runde Tische und einen Verordnungsentwurf des Sozialministeriums, der die Meldepflicht regeln soll.

Und so ist es den Herstellern und Vertreibern von zum Teil unverzichtbaren Waren gelungen, die Lösung ihres Lieferproblems auf ihre Kunden abzuwälzen.

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
12/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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