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Synchronizing Healthcare

Doctor in a pocket

Schrittzähler waren gestern, heute geht auch Zähneputzen nicht mehr ohne App und intelligenter Zahnbürste und sogar in Unterhosen und Windeln verstecken sich Sensoren, die unsere Körperaktivitäten, ja selbst die Urinabgabe aufzeichnen. Der Markt boomt.

08. März 2020
Michaela Endemann
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 61. JG (2020) 01-02
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ClipDealer / prykhodov

Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / prykhodov

Neben selbstfahrenden Autos war der Schwerpunkt der diesjährigen Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas auf Gesundheit gerichtet. Aus dem Bereich Health & Wellness waren 25 Prozent mehr Aussteller präsent als im Vorjahr. Produkte wie Smartwatches, die Einkanal-EKGs aufzeichnen, den Schlaf analysieren, um per Alarm Schlafapnoe zu verhindern, aber auch Virtual- und Artificial-RealityAnwendungen sowie Reha-Roboter und Serious Games waren genauso zu sehen wie Apps, die Urinstreifen analysieren, oder handliche Ultraschallgeräte, die per Handy-App zu bedienen sind, VR-Brillen zur Therapie von chronischen Schmerzen und sprechende Kühlschränke. Einen Überblick schafft Twitter mit den Hashtags #CES2020 und #CESHealth.

Josef Niebauer, Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Digitale Gesundheit und Prävention am Universitätsinstitut für Sportmedizin am Uniklinikum Salzburg, meint dazu: „Die Geschwindigkeit der Neuentwicklungen nimmt rasant zu. Mit ein Grund könnte sein, dass es viele Defizite in der realen Welt gibt und man nun versucht, diese Lücken über digitale Möglichkeiten zu schließen.“ Doch wohin führt die unendliche Anzahl an Gadgets und Apps? „Es stellt sich die Frage, ob all das, was da geforscht und entwickelt wird, überhaupt Relevanz hat. Nur weil ich etwas entdeckt hab‘, heißt das noch nicht, dass es irgendwen interessiert oder jemandem hilft“, meint Niebauer.

Unausgereifter Wildwuchs?

Tatsächlich sind viele Anwendungen unausgereift und fehlerhaft. „Wenn man wirklich ein gutes Produkt haben will und nicht nur Mogelpackungen verkaufen, dann werden die Hersteller den Nutzen und die Funktion nachweisen müssen, wie es bei Medizinprodukten ja bereits vorgegeben ist. Firmen werden sich an ihren Versprechungen messen lassen müssen“, so Niebauer. Er fordert eine umfangreiche Überprüfung auch für den Sport- und Wellnessbereich. Immerhin versorgte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde auf der CES Start-ups und Interessenten mit konkreten Informationen. Und auf Twitter mehren sich die Stimmen, die fordern, dass es jetzt um Outcome-Verbesserung, Demut gegenüber Patienten und Medizin, Patientensicherheit und Akzeptanz gehen solle.

Im Ludwig Boltzmann Institut für Digitale Gesundheit und Prävention will man sich auch Studiendesigns widmen. „Wenn eine App oder eine Smartwatch nur von 20- bis 30-Jährigen getestet wird, sagt das noch nichts über den Einsatz bei 70-Jährigen aus. Wir müssen verstärkt darauf achten, in dem Kollektiv zu testen, für das wir die App einsetzen wollen“, so Niebauer. Das LBI will daher zwischen Männern und Frauen unterscheiden, zwischen Jüngeren und Älteren und zwischen Gesunden und Patienten. „Wir geben alle neuen Technologien zunächst an ‚Patient Experts’ oder auch ‚Experts by experience‘, um sie im richtigen Zielkollektiv ausprobieren zu lassen. Zudem ist ‚Open Innovation in Science‘ unser Ansatz, sodass auch die Bedürfnisse der Zielgruppe aktiv aufgenommen werden bzw. auf Zielgruppen aufmerksam gemacht wird, die wir selbst vielleicht gar nicht gesehen hätten.“

Fehler im System?

„Wenn der Arzt sagt ‚Machen Sie mehr Bewegung‘, so haben Sie als Patient, der vielleicht noch nie Bewegung gemacht hat, keine weitere Betreuung und sind mit dieser Empfehlung völlig alleine gelassen.“ Niebauers Hoffnungen ruhen nun nicht nur auf modernen Technologien, sondern auch darauf, dass eine Infrastruktur von der Verschreibung über Dosierung, Anwendung und Kontrolle, ähnlich der Verschreibung eines Medikamentes, auch für Bewegung geschaffen wird. Erste Studien mit Herzpatienten in der ambulanten kardiologischen Rehabilitation laufen gerade am Universitätsinstitut für Sportmedizin des Uniklinikums Salzburg an, Studien mit anderen Patientengruppen, aber auch mit Gesunden sollen folgen. „Den Patienten wird z.B. ein sicherer und benutzerfreundlicher digitaler Gesundheitsassistent zur Verfügung gestellt, der das lokale Umfeld und die geographischen Gegebenheiten sowie die persönlichen Präferenzen und Motivationstrigger der Patienten berücksichtigt“, so Niebauer.

GEEKSPEAK

Hashtags auf Twitter suchen ohne Account: Auch ohne eigenen Account ist es möglich, auf Twitter zu suchen. Man ruft https://twitter.com/search auf und gibt den gewünschten Hashtag z.B. #cesHealth oder #ces2020 in die Suche ein.

Open Innovation: Der Begriff wurde vom US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Henry William Chesbrough geprägt und beschreibt die Öffnung des Innovationsprozesses von Unternehmen, um ein- und ausdringendes Wissen zu nutzen. So werden auch externe Fachleute gezielt in einen Entwicklungsprozess eingebunden, um deren Wissen zu nutzen.

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