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Synchronizing Healthcare

Digitale Bildung

Dass Menschen, die mit dem Internet groß geworden sind, problemlos damit umgehen können, ist eine Wunschvorstellung. Vor allem Pflegekräfte sind oft unsicher.

08. Dezember 2019
Christian F. Freisleben
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 11
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ClipDealer / Rob_Stark

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Bildrechte: ClipDealer / Rob_Stark

Es heißt, dass Menschen, die zu einer Zeit aufgewachsen sind, in der digitale Endgeräte bereits fixer Teil des Alltags waren, als sogenannte Digital Natives den Umgang mit Handys, Tablets, Computern und allen dazugehörigen Softwareprogrammen quasi im Blut haben. Dass jemand Zugriff auf einen Laptop hat, bedeutet jedoch keineswegs automatisch, dass er oder sie über alle Funktionen und Einsatzmöglichkeiten Bescheid weiß oder sich dabei sogar eigener Kompetenzen sicher ist.

Dazu ein Beispiel: Eine Weiterbildung, in der viele Pflegekräfte anwesend sind. Sie sollen in Gruppen eine kleine schriftliche Arbeit verfassen, was sich nur außerhalb der Präsenzzeiten umsetzen lässt und Grundfertigkeiten im Gebrauch eines Rechners voraussetzt. „Was ist eine Cloud?“, fragt ein Teilnehmer. Nach der Erklärung breitet sich Ratlosigkeit aus. Denn viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben vielleicht eine E-Mail-Adresse, nutzen diese aber nur in Ausnahmefällen oder „schon seit mindestens drei Jahren nicht mehr“. Eine Aussage, die öfter fällt: „Ich fühle mich sehr unsicher im Umgang mit diesen digitalen Dingen, wenn ich etwas am PC auf der Station mache, brauche ich oft die Hilfe von wem anderen.“ Einige Teilnehmerinnen nehmen auch das Wort „Angst“ in den Mund, Angst, etwas falsch zu machen, Angst, dass Daten verloren gehen können, Angst vor Überwachung und noch größerem Druck am Arbeitsplatz …

In einer aktuellen Studie der Deutschen Angestellten-Akademie-Stiftung1 wird betont, dass es Pflegekräften angesichts fortschreitender Digitalisierung „in der Ausbildung, im Studium und in den Fort- und Weiterbildungsangeboten ermöglicht werden muss, sich eine profunde ‚Digital Health Literacy‘ anzueignen und diese zu vertiefen“. Dieser Fachbegriff wird in der Studie übersetzt mit der „Fähigkeit in Bezug auf den Umgang mit digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen sowie das Verständnis und kritische Reflektieren gesellschaftlich relevanter Themen aus dem Technologiebereich“. Die damit (wieder-) gewonnene Selbstwirksamkeit würde dann ermöglichen, die Potenziale digitaler Kommunikationsmöglichkeiten und Anwendungen im Pflegealltag zu nutzen. Betont wird in der Studie, dass die Förderung solcher Kompetenzen schon spätestens seit der Jahrtausendwende als fixer Teil sowohl von schulischer Grundausbildung eingefordert wird als auch von fachspezifischen Qualifikationen etwa in Fachhochschulen, aber auch bei Weiterbildungen. Das bedeutet: Bevor darüber diskutiert wird, welche Rolle etwa Robotik in der Pflege spielen könnte oder ob Pflegekräfte Informationen mittels Augmented-Reality-Brillen eingeblendet bekommen, muss der Umgang mit digitalen Endgeräten klar sein.

Digital Health Literacy

Der Deutsche Bildungsrat für Pflegeberufe (DBR) forderte 2017 die Einbettung der konsequenten Förderung von Medienkompetenzen in der Ausbildung ein.2 Sowohl Lernende als auch Lehrende müssten sich intensiv „mit einem sinnvollen, effizienten und verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien“ auseinandersetzen, auch im Rahmen der Pflegepraxis. Dies würde ebenso einen Einsatz digitaler Medien im Unterricht und bei Prüfungen bedeuten, wobei immer auf eine didaktisch und methodisch reflektierte Weise Wert gelegt werden solle. Schon in der Ausbildung müssten umfassende Möglichkeiten geboten werden, u.a. mit digitalen Tools, Plattformen, Endgeräten, medizintechnischen Geräten usw. zu experimentiere sowie kollaborativ an Dateien – also auch Pflegedokumentation – zu arbeiten.

Reflektierte Nutzung

Wichtig zu bedenken sei, dass digitale Kommunikationsmöglichkeiten auch im privaten Alltag von Pflegekräften eine Rolle spielen können und es daher nicht nur für die Zeit am Arbeitsplatz – egal ob intra- oder extramural – um die Unterstützung einer „selbstbestimmten und aktiven Teilhabe an digitalen Medien“ gehen müsse. Zudem würden sich Pflegekräfte auch als mögliche Produzenten von digitalen Inhalten wahrnehmen. Sie können also deutlich mehr als lesen, hören und ansehen, sie können Informationen teilen, kommentieren und – auch gemeinsam mit anderen – erstellen. Hier geht es also ebenso um einen möglichst breiten Ansatz, um Data Literacy zu fördern: etwa die Fähigkeit, Informationsquellen nicht nur zu finden, sondern auch auf ihre Verlässlichkeit analysieren zu können.

Weiters geht es laut DBR um die Kompetenz, Studiendesigns hinterfragen und gefundene Informationen kategorisieren und für andere Personen verständlich aufbereiten zu können. Und dann eben auch selbst Informationen beizusteuern, die genauso auf umfassender Recherche basieren wie auf der reflektierten Nutzung von Erfahrungen aus dem Berufsalltag. Teilhabe bedeute, heißt es in der DBR-Studie, eigene Werthaltungen bewusst wahrzunehmen, zu hinterfragen und in der Interaktion mit Kollegen und anderen Berufsgruppen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Außerdem sollten Pflegekräfte dabei unterstützt werden, mögliche Auswirkungen des Einsatzes digitaler Kommunikationsmöglichkeiten auf gesellschaftlicher Ebene zu analysieren, dabei seien wichtige Aspekte etwa Persönlichkeits- und Urheberrechte, der Schutz hochsensibler Informationen und die Frage, wer darauf auf welche Weise Zugriff hat. Dazu müssen freilich die Aus- und Weiterbildungsstellen entsprechend ausgerüstet sein, gleichzeitig bräuchte es umfassende Unterstützung und laufende Weiterbildung für die Lehrenden.

Eigen- und Mitverantwortung auf allen Ebenen

Diesen Forderungen schließt sich die deutsche Gesellschaft für Informatik an, die unter dem Titel Leitlinie Pflege 4.0 Handlungsempfehlungen mit Stakeholdern aus Pflegepraxis, Berufsverbänden und Wissenschaft entwickelt hat.3 Gefordert wird dort darüber hinaus ein Weiterentwickeln von Führungs- und Personalmanagementkonzepten. Denn ein wesentliches Element von Pflege 4.0 sei, Eigen- und Mitverantwortung auf allen Ebenen in einem Krankenhaus, aber auch im mobilen Bereich konsequent zu fördern. Dies müsse als Prozess des lebensbegleitenden Lernens angelegt sein, nicht nur als einmalige Maßnahme.

Pflegekräfte müssten an den nötigen Veränderungsprozessen beteiligt werden, diese in einer diskursiven Form mitgestalten können. Auf der organisatorischen Ebene wichtig wäre daher ebenso die Einrichtung einer Servicestelle, „die in Bezug auf die Konzeption des Auf- bzw. Ausbaus zielorientierter IT-Infrastruktur und -Ausstattung berät, die Einbindung von Medienkonzepten unterstützt und für zwischenzeitlich auftretende Probleme zuständig ist“. Wobei diese Stelle auch für mehrere Krankenhäuser tätig sein könnte, ihre Leistungen auch für den niedergelassenen Bereich öffnen sollte bzw. mit Gemeinden und Bezirken zusammenarbeiten könnte.

Arbeitsbedingungen und Bildungsangebote

Die Gesellschaft für Informatik fordert zudem eine interdisziplinäre Erforschung zum Thema Erwerb und Weiterentwicklung von digitalen Kompetenzen im Bereich der Pflege ein sowie die Erforschung der Auswirkung der Implementierung verschiedener Endgeräte, Software, Leitlinien, Nutzung von Online-Ressourcen und -plattformen. Dies dürfe nicht einfach der Verantwortung einzelner Stakeholder wie etwa Fachhochschulen überlassen werden. All diese Maßnahmen müssten mit einer Erhöhung der Attraktivität der Arbeitsbedingungen für alle Pflegeberufe einhergehen.

In Österreich gibt es inzwischen einige Bildungsangebote, die versuchen, die erwähnten Forderungen umzusetzen. An der Tiroler Privatuniversität UMIT etwa können Studierende des Masterstudiengangs Pflegewissenschaften im vierten Semester Pflegeinformatik als Vertiefungsfach wählen. Weiters angeboten wird ein dreitägiger Zertifikatslehrgang Informationsmanagement und eHealth in der Pflege, der sich an Fach- und Führungskräfte in der Pflege richtet. An der FH St. Pölten bietet das Studium Digital Health Care in vielfacher Hinsicht Möglichkeiten, digitale Kompetenzen weiterzuentwickeln, wobei sich diese Ausbildung auf Masterniveau auch an MTD richtet. An der FH Campus Wien gibt es das Masterstudium Health Assisted Engineering, bei dem es darum geht, die Selbstständigkeit und Lebensqualität von Menschen mithilfe technischer Produkte, Applikationen und Dienstleistungen zu erhalten oder zu verbessern. An der FH Joanneum geht es im Bachelor-Studium Gesundheitsinformatik/E-Health um einen innovativen Mix aus Informatik, Wirtschaft, Recht, Gesundheit und Naturwissenschaften. Und an der Donau-Universität Krems richtet sich der Masterlehrgang Informationstechnologien im Gesundheitswesen an Fach- und Führungskräfte sowie an Entscheidungsträger in der Gesundheitspolitik.

Literatur:

1

DAA-Stiftung Bildung und Beruf (2017): Digitalisierung und Technisierung der Pflege in Deutschland. Aktuelle Trends und ihre Folgewirkungen auf Arbeitsorganisation, Beschäftigung und Qualifizierung.

2

Deutscher Rat für Pflegeberufe (2017): Strategien zur Förderung digitalerMedienkompetenz in der Pflegebildung.

3

Gesellschaft für Informatik (2017): Leitlinien Pflege 4.0. Handlungsempfehlungen für die Entwicklung und den Erwerb digitaler Kompetenzen in Pflegeberufen.

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Bildung & Karriere 2019 (Jahrgang 60)

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