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Synchronizing Healthcare

Die Medizin muss sich neu erfinden

Thomas Druyen forscht am Institut für Zukunfts­psychologie und Zukunfts­management zum Thema Avatare in der Medizin. Im Gespräch mit der ÖKZ erzählt er von der Faszination Avatar und wie sich unsere Welt dadurch verändern könnte.

16. Oktober 2019
Bettina Benesch
Schaffler Verlag, ÖKZ: 60. JG (2019) 08-09
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ClipDealer / SeanPrior

Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / SeanPrior

Sie beschäftigen sich seit einigen Jahren wissenschaftlich mit dem Thema Avatare. Welche Möglichkeiten eröffnet die Technologie in der Welt der Medizin?

Thomas Druyen: Die Möglichkeit, in einem virtuellen Krankenhaus oder einem Smart Hospital Gespräche mit Patienten, mit besorgten Eltern, mit Pflegekräften oder Assistenzärzten zu simulieren, bedeutet erleichterte Kompetenzvermehrung. Sie können Personen zuschalten, egal wo sie sind. Auch zur Erleichterung medizinischer Ausbildung dient diese Technologie, denn ein Know-how-Sharing ist auf diesem Wege viel leichter möglich. Nicht zuletzt kann jeder Arzt oder jede Krankenschwester im virtuellen Raum mit externen Patienten oder Besorgten reden, ohne dass sie persönlich in die Praxis oder ins Krankenhaus kommen müssen.

Was sind die konkreten Vorteile, die ein Avatar für die Patienten und das Gesundheitswesen haben kann?

Druyen: Das ist ein weites Feld. Daher möchte ich nur über zukunftspsychologische oder sozialpsychologische Anwendungen sprechen. Und in diesem Zusammenhang gibt es keinen Zweifel, dass seelische Not, Überforderung, Angst und Orientierungs­losigkeit mithilfe der Vertrautheit in virtuellen Räumen kompensiert werden können.

Eine zukunftspsychologische Nutzung der Avatar-Technologie ist immer nach vorne gerichtet. Wir arbeiten präventiv und antizipativ. In der Beschäftigung mit der Zukunft und verschiedenen möglichen Optionen stärken wir die aktive Widerstandskraft und die Flexibilität, mit Überraschungen umzugehen. Lebenssituationen, die wir im Kopf mehrfach durchgespielt haben, sind im Ernstfall besser zu gestalten. Dieses geistige Probehandeln trägt auch zur Stressreduktion bei.

Der Avatar ist mein Zwilling. Er ist 24 Stunden mit dem Internet verbunden. Er forscht unentwegt nach Themen und Neuerungen, die meine Arbeit betreffen. Er weiß, was ich lesen muss. Er kennt meinen Gesundheitszustand, authentisch und in Echtzeit. Er weiß, wer wann Geburtstag hat und hat alle meine jemals geschriebenen E-Mails im Kopf. Er kennt meine Arbeitsverträge, meine Termine und Pläne. Er wird zur rechten und linken Hand, um all das Wissen zu ordnen und mir adäquat zur Verfügung zu stellen, das ich schon längst nicht mehr überblicken, verstehen und erahnen kann. Er ist mit Sicherheit mein Gesundheitsberater und wird mir helfen, endlich präventiv zu sein.

Wird die Avatar-Technologie in der Privatwirtschaft oder von Regierungen bereits genutzt?

Druyen: Na klar, auch wenn uns als breitem Publikum diese Neuerungen noch teilweise utopisch erscheinen, sind sie im Silicon Valley, bei Startups in Tel Aviv oder bei anderen digital Eingeweihten längst vertraut und Bestandteil des alltäglichen Arbeitens. Ein Konzernchef, der in fünfzig Ländern tätig ist und regelmäßig seine Repräsentanten treffen muss, für den ist diese Technologie ein wahrer Segen. Anstatt fünfzig oder hundert Mal zu fliegen, setzt er sich seine virtuelle Brille auf, im Pyjama oder im Büro, und spricht im virtuellen Besprechungsraum jeweils einzeln oder mit Kollegen die anstehenden Themen durch. Vor allem in Universitäten wird diese Technik immer mehr eingesetzt. Wir lösen uns von der geographischen Notwendigkeit. Das heißt, ich lebe in New York und studiere trotzdem in Wien.

Wie können wir uns in rechtlicher Hinsicht auf die neue Technologie vorbereiten?

Druyen: Die Frage ist, ob die Rechtswissenschaft weiterhin nur auf neue Entwicklungen reagiert oder selbst spekulativ und experimentell tätig wird. Wir brauchen bald ein präventives Rechtssystem, das sich konkret mit Möglichkeiten und Utopien auseinandersetzt, und nicht immer nur wartet, bis es etwas Neues zu regeln gibt. Das ist nämlich die Krankheit unserer Zeit. Im Verhältnis zur exponentiellen Technologie kommt die konventionelle Wirklichkeit immer zu spät. Wir müssen uns alle beschleunigen. Und die Medizin ist der ideale Ort für Voraussicht, Früherkennung und professionellen Mut.

Was braucht es Ihrer Meinung nach für eine gute Entwicklung in der Zukunft?

Druyen: Aus meiner Sicht beginnt jede Gesundheitsversorgung heutzutage bei der emotionalen und psychischen Vorsorge. In Zeiten radikaler Veränderungen beobachten wir defizitäre Verwerfungen im menschlichen Verständnis. Wir blicken nicht mehr durch. Das macht uns krank. Insofern glaube ich, dass sich die gesamte Medizin im Umgang mit ihren Patienten, mit den Krankenkassen, mit den Ärzten, mit sich selbst und ihrem System bezüglich zukünftiger Funktionalität neu erfinden muss. Wenn wir nicht lernen, in Prozessen zu denken, Gegensätze zu überwinden und Vorteile dem Gemeinwohl zuzuführen, gibt es ein böses Erwachen. Wir erleben ja gerade im Bereich der Politik, wie sich ein System durch Inkompetenz, Rückwärtsgewandtheit und Ignoranz selbst beerdigt. Noch ist Zeit, einem selbstgeschaffenen Paradies wieder einen Schritt näher zu kommen. Leider sind 80 Prozent der Menschheit bisher davon ausgenommen.

Was die Menschheit bisher erreicht hat, ist unglaublich und grandios. Künstliche Intelligenz und Robotik sind Ergebnisse menschlichen Denkens und humaner Schöpferkraft. Die Errungenschaften der Menschheit stehen aber nur denjenigen zur Verfügung, die sie sich auch leisten können. Insofern ist unser ethisches System nicht in gleicher Weise gewachsen wie zum Beispiel unsere technische Kompetenz. Das führt zu großer Ungerechtigkeit und sollte dringend kompensiert werden. Die Vermögensunterschiede und die Einkommensunterschiede sind global und innerhalb der einzelnen Länder so groß, dass nur noch schwer von Gemeinschaften gesprochen werden kann.

Schaffler Verlag

Zeitschrift
ÖKZ EXTRA

Ausgabe
MedTech & MEDICA 2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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