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Synchronizing Healthcare

Der Weg zu Spiritual Care

Seelsorger im Krankenhaus helfen Patienten im Genesungsprozess und unterstützen Ärzte und Pflegekräfte bei der Bewältigung eines oft herausfordernden Berufsalltags.

27. Februar 2020
Christian F. Freisleben
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 61. JG (2020) 01-02
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Bildrechte: ClipDealer / CandyBoxImages

Spiritual Care ist in den letzten Jahren zu einer wissenschaftlichen Disziplin geworden“, sagt Michael Fischer, Professor an der Universität für Gesundheitswissenschaften UMIT in Tirol. Per Definition an der Schnittstelle von Medizin, Theologie und Krankenhausseelsorge, wird Spiritual Care an mehreren medizinischen Fakultäten gelehrt. Der Begriff wurde in den 1970er-Jahren in den USA und Kanada geprägt. Bei einer Konferenz 2002 in Finnland wurde „Spiritual and Religious Care“ als europäischer Standard für Krankenhausseelsorge definiert, ist also nicht ausschließlich auf den Bereich der Palliativmedizin beschränkt, wie manchmal angedeutet. Spiritual Care versteht sich als interdisziplinärer Ansatz, der einen fixen, gleichgestellten Platz mit allen anderen Berufsfeldern in einem Spital haben sollte. „Wichtig ist zunächst, Krankenhausseelsorge und das Krankenhaus mit all seinen Berufsgruppen nicht als zwei voneinander unabhängige Bereiche zu betrachten – erstere will ein integrativer Teil der Versorgung von Patientinnen und Patienten in einem umfassenden Sinn sein und ist gleichzeitig für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da“, analysiert Sigrid Müller, Inhaberin des Lehrstuhls der Universität Wien für Theologische Ethik am Institut für Systematische Theologie und Ethik und stellvertretende Institutsvorständin am Institut für Ethik und Recht in der Medizin.

Existenzielle Fragen

Krankheit und Genesungsprozesse hätten immer eine seelische bzw. spirituelle Ebene, auch bei Menschen, die sich selbst als Agnostiker verstehen. Während eines Krankenhausaufenthaltes würden immer auch mehr oder weniger heftig existenzielle Fragen auftauchen, würde es um den Umgang mit einem ‚aus-der-Bahn-geworfen-Sein‘ gehen. „Gesundung hat viel mit einer inneren Haltung zu tun, wie Menschen mit aktuellen Lebensherausforderungen umgehen“, so Müller. Auch die moderne Medizin ist sich der Wechselwirkung von Körper und Psyche im Menschen bewusst. So dürfe die emotionale Situation eines Patienten nicht einfach ignoriert werden, bei allem nötigen Fokus auf eine akute Behandlung.

„Im Krankenhausalltag ist der ständige finanzielle Druck spürbar“, meint Müller. Oft hätten die Beschäftigten den Eindruck, dass Gespräche mit den oder ein einfaches Da-Sein für die Patienten keinen Wert hätten oder dass dafür keinerlei Zeit sei. Aber auch eine scheinbar kleine Verletzung kann für einen Menschen eine Lebenswende bedeuten, einen radikalen Umbruch, der nun aktiv zu gestalten ist. So geht es etwa immer wieder darum, Antworten auf Fragen zu finden, die sich so bislang noch nie gestellt haben. Wobei es laut Müller nicht das Ziel von Spiritual Care sei, von einer bestimmten Haltung oder gar Glaubensrichtung zu überzeugen, sondern zuzuhören und ein diskursives Gespräch zu führen und so die Menschen zu begleiten, die mit einem Problem ringen oder Orientierung suchen. „Spiritual Care ist schon längst mehr, als dass ein Priester kommt und Gebete spricht“, unterstreicht Müller. Es gehe eben darum, Patientinnen und Patienten und ebenso medizinisches und pflegerisches Personal dabei zu unterstützen, selbstbestimmte, gut bedachte Entscheidungen zu treffen. Durch die Möglichkeit des Nachfragens und die zur Verfügung gestellte Zeit habe Spiritual Care auch eine hohe Bedeutung dafür, dass die im modernen Erwachsenenschutzgesetz vorausgesetzte Health Literacy und die Patientenautonomie praktiziert werden kann.

Ganzheitlicher Umgang

„Eine Krankenhausleitung sollte sich die Frage stellen, ob sie sich nicht so etwas wie Spiritual Care leisten müsste – sowohl in Hinblick auf einen ganzheitlichen Umgang mit Krankheit und Gesundheit als auch als wichtiges Element von positiven, entlastenden und stärkenden Rahmenbedingungen an diesem oft fordernden Arbeitsplatz.“ Krankenhausseelsorge im klassischen, konfessionellen Sinn kann für manche Patienten wichtig sein. „Spiritual Care ist jedoch eine Basiskompetenz, die jeder Mensch und gerade auch jeder Vertreter eines Gesundheitsberufes in sich trägt, die es gilt, immer wieder weiter zu entwickeln.“ Denn, wie Müller betont, in Ausnahmesituationen brechen neben existenziellen Fragen starke Emotionen, alte und neue seelische Wunden auf und sind immer ein Teil des gesamten Prozesses zwischen Aufnahme und Entlassung in einem Krankenhaus. Der Umgang damit sei ein integrativer Teil jeder Begegnung mit Patientinnen und Patienten, deren nahestehenden Menschen und ebenso mit Kolleginnen und Kollegen.

Wichtig sei, die Krankenhausseelsorge und Spiritual Care bei kritischen Fällen in Teambesprechungen einzubinden, um schwierige Situationen gut gestalten zu helfen. Mitglieder des Spiritual-Care-Teams sollten auch an interdisziplinären Weiterbildungen teilnehmen, um so die Kommunikation zwischen den Berufsgruppen zu unterstützen. Eine wichtige Rolle kann die Seelsorge bzw. Spiritual Care auch bei Ethikkonzilen spielen und generell, wenn es um Fragen der Gesprächsführung geht oder wenn gemeinsam mit Patientinnen und Patienten und deren nahestehenden Personen schwierige Entscheidungen zu treffen sind.

Verankerung auf Organisationsebene

„In Deutschland ist Seelsorge oft viel stärker integrativer Teil des Krankenhausbetriebs“, berichtet Müller, die sich in Tübingen habilitiert hat. Eine Ausweitung des Aufgabenprofils für Seelsorger als Ethik-Expertinnen und -experten sei sinnvoll und notwendig, brauche aber entsprechend personelle und finanzielle Ressourcen. Zudem müsste die Ausbildung der Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorger weiterentwickelt werden: Neben einer vertieften ethischen Ausbildung bräuchte es mehr medizinisches Basiswissen. Darüber hinaus wichtig wären in den Ausbildungen mehr gemeinsame Elemente für Mediziner, Seelsorger und Pflegepersonal, so Müller: „Medizin, Pflege, Ethik und Seelsorge bzw. Spiritual Care müssen zusammenfinden.“ Zur Definition von Spiritual Care gehört die Verankerung auf Organisationsebene, und zwar nicht nur in Krankenhäusern, die von Orden getragen werden, wie etwa die Spitäler der heimischen Vinzenz Gruppe, wo es eigene Stellen dafür gibt.

UMIT-Professor Michael Fischer ergänzt zur Ausbildung von Seelsorgern, dass diese nicht nur in der Lage sein sollten, sowohl Patienten als auch Mitarbeitende unabhängig von ihrer Weltanschauung zu begleiten, sondern sie „sollten zudem bestimmte unternehmerische Aufgaben erfüllen können, wie die Bearbeitung ethischer Fragen oder die Mitgestaltung einer christlichen Unternehmenskultur“. Für Fischer macht es keinen Sinn, Spiritual Care aus ökonomischer Sicht zu betrachten. Es gebe zwar gesundheitsökonomische Forschungen, die darauf hinweisen, dass sich Seelsorge für ein Krankenhaus finanziell positiv auswirkt. Nicht nur werde der Gesundungsprozess unterstützt, es entstehe eine zusätzliche Ebene des Rückhalts für Angehörige sowie wie schon angesprochen ein zusätzlicher Baustein für die Psychohygiene der Mitarbeiter. Für ihn ist „Spiritual Care ein unentbehrlicher Teil der Patientenversorgung, unabhängig davon, ob sie sich finanziell auszahlt oder nicht. Der Mensch ist ein ganzheitliches Wesen und Krankheit berührt mehr als nur seine körperliche Dimension.“

Bereichernde Rituale

Freilich genügt es nicht, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Krankenhauses auf die Angebote der Seelsorge hinzuweisen, vielmehr müssten sie ermuntert werden, diese allein und in Teams in Anspruch zu nehmen, kultur- und religionsübergreifend. Eine Frage dabei könne etwa sein, wie jeder Einzelne Spiritual Care für sich definieren, leben, weiterentwickeln will. Ein wichtiger Aspekt ist, wie Religionen und Lebensanschauungen übergreifende Rituale gestaltet werden können, sowohl um mit herausfordernden Situationen umzugehen, als auch als integrativer, Energie gebender Teil des Alltags, ohne konkreten Anlass. „Solche Rituale können für alle bereichernd sein, egal wie sie zu Glaube oder Kirche stehen“, betont Müller. Gleichzeitig könnten dabei immer wieder Patientinnen und Patienten mitgedacht werden, die diesen Aspekt von Behandlung dann ebenso aktiv mitgestalten könnten. So sei es immer wieder zu erleben, dass selbst Menschen, die schon jahrelang keine Kirche mehr von innen gesehen haben, in bestimmten Situationen andere bitten, für sie zu beten, weil so die Hoffnung und der Glaube der anderen die eigene Hoffnung unterstützen kann.

Schaffler Verlag

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
01-02/2020 (Jahrgang 61)

Verlag
Schaffler Verlag

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