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Synchronizing Healthcare

Dackel auf Rezept

Social Prescribing, seit den 1990er-Jahren in Großbritannien praktiziert, wird als Interventionsansatz bei Patientinnen und Patienten mit nicht-medizinischen, aber gesundheitsrelevanten Bedürfnissen und Belastungen nun auch in Österreich überlegt.

03. März 2020
Éva Rásky, Sylvia Groth
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 61. JG (2020) 01-02
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ClipDealer / cookelma

Bildinhalt: Dackel

Bildrechte: ClipDealer / cookelma

Ein befreundeter Hausarzt in Berlin verschrieb schon vor vielen Jahren einsamen älteren Frauen und Männern Dackel. Seine Erklärung: „Ein Hund erfüllt den Wunsch nach Nähe und Ansprache, sorgt zudem für Bewegung und ermöglicht Kontakte mit anderen Hundebesitzerinnen und -besitzern. Das ist für viele Patientinnen und Patienten sinnvoller als ein Medikament einzunehmen.“1

Ärztinnen und Ärzte sind gewohnt, Patientinnen und Patienten Arzneimittel zu verschreiben oder sie an andere Health Professionals weiter zu verweisen. Zunehmend setzt sich aber die Erkenntnis durch, dass soziale Faktoren wie Bildung, Einkommen, soziale Unterstützung das Gesundheits- und Risikoverhalten von Individuen bestimmen und damit ihre Gesundheit beeinflussen. Soziale Ungleichheit kann so zu gesundheitlicher Ungleichheit führen.2 Häufig reichen daher medizinische Interventionen alleine nicht aus oder sind wenig sinnvoll, vor allem da die in der Krankenversorgung tätigen Gesundheitsfachpersonen diese Gesundheitsdeterminanten nur unzureichend adressieren.

Soziale Hintergründe werden miteinbezogen

Aus dieser Überlegung heraus stellen Ärztinnen und Ärzte in Großbritannien ihren Patientinnen und Patienten im Bedarfsfall ein Rezept für Aktivität aus, sie betreiben „social prescribing“. Sie überweisen Patientinnen und Patienten zu einem Lotsen/einer Lotsin (auch als Verbindungsarbeiter, Link Worker, Social Prescriber, Well-being Coordinator, Navigator oder Facilitator bezeichnet). Soziale Hintergründe der Patientinnen und Patienten werden dadurch miteinbezogen und die bestehenden medizinischen Therapiemöglichkeiten so um unterstützende gesundheitsförderliche Maßnahmen erweitert. Der Lotse/die Lotsin hat dabei die Aufgabe, mit entsprechender Feldkenntnis gemeinsam mit der Patientin/dem Patienten die passenden Aktivitätsangebote in Wohnnähe zu benennen und den ersten Kontakt mit den Leistungsanbietern herzustellen.3,4 In der Regel sind deren Träger Nicht-Regierungsorganisationen wie Freiwilligen-, Gemeinschafts- und Sozialunternehmen. Angeboten werden physikalische Aktivitäten, Ernährungs-, Sozial- und Schuldner-, Arbeits- oder Wohnberatung, Gemeinschaftsaktivitäten wie Seniorentanzen, Wandergruppen, Nachbarschaftsnetzwerke, kulturelle Aktivitäten.

Genesung mit Kartenspiel

Die Ärztin diagnostiziert bei einem Patienten, dessen Frau vor längerer Zeit verstorben ist, eine depressive Störung. Sie bespricht mit ihm unterschiedliche Therapiemöglichkeiten und überweist den Patienten mit seinem Einverständnis schließlich zu einer Lotsin. Diese lotet in einem Gespräch die Präferenzen des Patienten in Hinblick auf gemeinschaftsbildende Aktivitäten zur Bewältigung der Einsamkeit aus. Sinn und Gemeinschaft zu erleben ermöglichen ihm, da er früher Handwerker war und mit seiner Frau gerne Karten gespielt hat, in Wohnnähe an einer Kartenrunde teilzunehmen und im Repair Café auszuhelfen. Die Lotsin begleitet ihn zur ersten Kontaktaufnahme.

Wissenschaftliche Basis und praktische Anwendung

In Großbritannien setzt das nationale Gesundheitssystem (NHS) auf diesen neuartigen Zugang des „social prescribing“. In vielen Praxen in Großbritannien wird bereits nach diesem Konzept gearbeitet. Es knüpft an alte Traditionen der Diätetik an, in der sich Ärzte mit der geregelten Lebensweise auseinandersetzten, und der neuen Sichtweise der Beeinflussung der Gesundheit durch soziale Determinanten.

Noch ist allerdings offen, wie der Nutzen und Schaden dieser Vorgehensweise ist. Um die Evidenzlage zu verbessern, schlagen Autoren von Metaanalysen vor, dass in Zukunft Autorinnen und Autoren vorab Ziele für ihre Studien definieren, die vorhandenen Evidenzen, die für einzelne gesundheitsförderliche Interventionen ja bereits vorliegen, sowie die Nutzerzielgruppen angeben.5,6 Es muss auch das Studiendesign zu Beginn bekannt sein sowie welche Methoden und welche Störfaktoren möglich sind und das zu erwartende Outcome definiert werden. Nur so könnten unterschiedliche Studienergebnisse in Metaanalysen verarbeitet werden, sodass Aussagen zur Wirksamkeit einzelner Aktivitäten für die jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer gemacht werden können.

Trotz dieser wissenschaftlichen Unsicherheiten geht die Gesundheitspolitik in Großbritannien davon aus, dass die auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten zugeschnittenen Aktivitätsangebote gesundheitsfördernd wirken. Die Erkenntnis, die aus dem Expert Patient Programme/EPP gewonnen wurde, ist, dass vor allen Patientinnen und Patienten mit psychischen Gesundheitsproblemen, mit mehreren chronischen Erkrankungen, die einsam sind, dysfunktionale Beziehungen haben und die mit der Krankenversorgung unzufrieden sind, durch die Aktivierung der Selbstwirksamkeit profitieren können.7

Viele Nicht-Regierungsorganisationen, Frauengesundheitszentren, Nachbarschaftszentren, Kirchengemeinden und Volkshochschulen bieten seit Jahrzehnten gesundheitsförderliche Aktivitäten an. Braucht es erst Ärztinnen und Ärzte, die diese bestehenden Angebote auf Rezept verschreiben, damit die Aufmerksamkeit auf diesen Gesundheitsförderungsbereich gelenkt wird? Wird er vielleicht gerade dadurch in den Blickpunkt gelenkt und so wirksam, weil Ärztinnen und Ärzte diesen durch ihr Rezept anerkennen?

Umsetzungsmöglichkeiten in Österreich

In der derzeitigen Diskussion um fehlende Health Professionals und dem durch die demografischen und epidemiologischen Entwicklungen zu erwartenden Mehrbedarf an medizinischen Leistungen könnte die Einführung von „social prescribing“ langfristig Entlastungen für die Krankenversorgung bringen.

Voraussetzungen für das Gelingen wären Informationskampagnen, Schulungen der Ärztinnen und Ärzte, Qualifizierung der Lotsen, Festlegung von Qualitätskriterien für die durchführenden Einrichtungen und für deren Angebote sowie ein regelmäßig durchgeführtes Monitoring und die Veröffentlichung der Datenanalysen.

Die Mitarbeiter von Organisationen, die gesundheitsfördernde Interventionen durchführen, haben das Know-how über die Strukturen und Angebote zur Gesundheitsförderung in den Gemeinden und könnten jetzt schon als Lotsen fungieren, das heißt, im Sinne des „social prescribing“ qualifiziert zu möglichen Aktivitäten weiterverweisen. Gerade in Anbetracht der Diskussion um den Mangel an Health Professionals und der von Ärztinnen und Ärzten bekundeten Überlastung wäre es sinnvoll, gleich zu Beginn einer Umsetzung den Weiterverweis in die Einrichtungen zur Gesundheitsförderung auszulagern, die in den letzten Jahren ausgebaut wurden.

Das „social prescribing“ ist gut in Einklang zu bringen mit der verstärkten Beachtung der sozialen Determinanten der Gesundheit, dem politischen Anspruch, die gesundheitliche Ungleichheit zu reduzieren und die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu steigern. Aber auch mit den Bestrebungen, die primären Versorgungszentren in die Gesundheitsförderung einzubinden und der verstärkten Unterstützung von vulnerablen Bevölkerungsgruppen.8

In der Umsetzung gälte es, die Akzeptanz für dieses Vorgehen bei den zuweisenden Ärztinnen und Ärzten, aber auch in der Bevölkerung zu heben. Lotsen sollten nicht als Konkurrenz, sondern als Unterstützende gesehen werden, das heißt, Health Professionals wertschätzen diese Verbindungsarbeit, sehen sie als Qualitätssteigerung und wichtige Ergänzung der medizinischen Versorgung.

Qualitätssichernde Maßnahmen und die regelmäßige Berichterstattung von Ergebnissen ist hierfür erforderlich und sicherzustellen. Nur so kann die Adhärenz der Patienten und damit die Wirksamkeit der einzelnen Aktivitäten erreicht werden.

Initiativen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz könnten als erste Schritte für ein „social prescribing“ gesehen werden.9,10 Für eine erste Umsetzung bieten sich die neu zu etablierenden primären Gesundheitszentren wie auch Disease-Management-Programme an. Langfristig kann über „social prescribing“ und durch optimal auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmte Aktivitäten eine Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung erwartet werden. Scheuen wir uns nicht davor, Dackel zu verschreiben und verschrieben zu bekommen!

Literatur:

1

Mubanga M et al (2019): Dog ownership and survival after a major cardiovascular event. Circ Cardiovasc Qual Outcomes 12: 10. Internet: https://doi.org/10.1161/CIRCOUTCOMES.118.005.342 Zugriff: 12.12.2019

2

World Health Organization (2008): Closing the gap in a generation. Health equity through action on the social determinants. Geneva: World Health Organization. Internet: https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/43943/9789241563703_eng.pdf;jsessionid=B1E85E55DCF89A5736D6236B6CC1EE9D?sequence=1 Zugriff: 12.12.2019

3

Brandling J, House W (2009): Social prescribing in general practice: adding meaning to medicine. Brit J of General Practice 2009; June: 454–456. Internet: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2688060/pdf/bjgp59-454.pdf Zugriff: 12.12.2019

4

Gesundheit Österreich Ges.m.b.H./GöG (2019): Fact sheet social prescribing. Wien: GöG. Internet: https://www.goeg.at/sites/goeg.at/files/inline-files/Fact%20Sheet_Social%20Prescribing_2019.pdf Zugriff: 12.12.2019

5

Bickerdike L et al (2017): Social prescribing: less rhetoric and more reality. A systematic review of the evidence. BMJ Open 7:e013384. Internet: https://bmjopen.bmj.com/content/7/4/e013384 Zugriff: 12.12.2019

6

Pescheny JV et al (2019): The impact of social prescribing services on service users: a systematic review of the evidence. European Journal of Public Health 1–9. Internet: https://academic.oup.com/eurpub/advance-article/doi/10.1093/eurpub/ckz078/5519001 Zugriff: 12.12.2019

7

Brandling J, House W (2009): Social prescribing in general practice: adding meaning to medicine. British Journal of General Practice 59(563): 454–456. Internet: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2688060/ Zugriff: 12.12.2009

8

Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz/BMASGK (2019): Österreichischer Strukturplan Gesundheit. Wien: BMASGK, Seite 60/61 und 82. Internet: https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/1/0/1/CH3967/CMS1136983382893/oesg_2017_-_textband,_stand_27.09.2019.pdf Zugriff: 12.12.2019

9

Psychosoziale Medizin in der gemeindenahen Gesundheitsversorgung – ein Erfahrungsbericht. Psychosoziale Medizin 30: 52–56.

10

Rojatz D, Nowak P (2018): „Herzensbildung“ optimiert – Stärkung der Gesundheitskompetenzen kardiologischer Patientinnen und Patienten. Abschließender Evaluationsbericht, S.19. Wien: Gesundheit Österreich. Internet: https://jasmin.goeg.at/455/1/Herzensbildung_Projektbericht_final.pdf Zugriff: 12.12.2019

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