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Coronavirus - Internetriesen könnten Handydaten liefern

Die Internetriesen Facebook und Google sind US-Medienberichten zufolge im Gespräch mit der US-Regierung über die Verwendung persönlicher Nutzerdaten im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie. Eine Maßnahme sei beispielsweise das Sammeln der Standortdaten der Smartphones von US-Bürgern und deren anonyme Verwendung, um die Ausbreitung des Virus festzustellen und dringende medizinische Notwendigkeiten vorhersagen zu können, berichtete die "Washington Post".

20. März 2020
Philipp Streinz
APAMED
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ClipDealer / magann

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Bildrechte: ClipDealer / magann

Google-Sprecher Johnny Luu bestätigte der Zeitung, es würden "Wege geprüft, wie gesammelte, anonymisierte Standortdaten im Kampf gegen Covid-19 helfen können". Auf Anfragen der Nachrichtenagentur AFP reagierten die beiden Internetkonzerne zunächst nicht.

Die Nutzung persönlicher Daten ist in den USA nach mehreren Skandalen ein heikles Thema. Aber angesichts des tödlichen Virus stieg zuletzt der Druck auf die Internetkonzerne, ihre Kompetenzen im Kampf gegen die Pandemie zu nutzen. Rund 50 Wissenschaftler appellierten vergangene Woche in einem offenen Brief an die Unternehmen, zu handeln. "Großangelegte Bemühungen von Technologieplattformen könnten bei der Eindämmung der Pandemie ausschlaggebend sein und tausende, wenn nicht Millionen Leben retten", hieß es in dem Appell von Ärzten, Epidemiologen und Forschern.

Sie schlugen etwa vor, dass Onlinenetzwerke aufklärende Videos veröffentlichen, der Fahrdienstleister Uber Desinfektionsmittel an seine Fahrer verteilt und der Onlinehändler Amazon die Anzahl von Mundschutz und Alkohollösungen zur Desinfektion pro Kunde limitiert. Bei Apple und Google sei der Einbau sogenannter Tracking Tools in die Systeme denkbar, welche die Nutzer anonym aktivieren könnten, um herauszufinden, ob sie Kontakt zu Infizierten gehabt haben. Solche Nachverfolgungsmöglichkeiten hätten in China und Südkorea gut funktioniert.

In Deutschland hatte bereits das Robert-Koch-Institut (RKI) erklärt, mit anonymisierten Handydaten die Wirkung der massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Deutschland im Kampf gegen das Coronavirus prüfen zu wollen. Anhand der Daten lasse sich feststellen, ob die geforderten Maßnahmen auch eingehalten würden. Diese zeigten, ob die Mobilität der Bevölkerung nachgelassen habe. Die Deutsche Telekom stellt dem RKI kostenlos Daten zur Verfügung.

Österreich: Telekom-Daten deuten auf Wirksamkeit der Maßnahmen

Vom Telekomunternehmen A1 ausgewertete Kundendaten lassen darauf schließen, dass die Österreicher ihren Bewegungsradius schon Ende der Vorwoche stark eingeschränkt haben. Der Konzern stellte der Regierung anonymisierte Bewegungsdaten von Handy-Usern zur Verfügung. Sie zeigen, dass sich die Bewegungsprofile "sehr deutlich" (um 40 bis 50 Prozent) reduziert hätten, so eine A1-Sprecherin.

Auch im Bundeskanzleramt bestätigte man einen entsprechenden Bericht der "Kronen Zeitung". Auch dort versicherte ein Sprecher, dass keine individuellen Bewegungsprofile übermittelt worden seien. Vielmehr sei es um einen Vergleich der gesamten Bewegungen zwischen vorigen Samstag und dem Samstag davor gegangen. "Es geht um die Ströme und um die Frage, wie sich das binnen einer Woche verändert hat", betonte der Sprecher. Das sei gesetzeskonform und in der Datenschutzgrundverordnung geregelt. Außerdem habe A1 die Daten von sich aus angeboten.

Auch A1 betonte, dass sich anhand der Daten keinerlei Rückschlüsse auf den einzelnen Handy-Benutzer ziehen lassen. Jedes Handy bekomme eine für das Tracking automatisch zufällig generierte Nummer zugewiesen. All diese Nummern werden alle 24 Stunden frisch vergeben (also erneut anonymisiert). Damit ist es nicht einmal möglich, nachzuvollziehen, wohin sich die anonymisierte User über längere Zeiträume hinbewegen. "Man kann in keinster Art schauen, wo sich der Einzelne aufhält", versicherte die Sprecherin.

Es gehe ausschließlich darum, festzustellen, um wie viel die Bewegungen im öffentlichen Raum insgesamt abgenommen habe. Auch werden die Daten in "20er"-Schritten geliefert. Das heißt, ablesbar ist nur, ob sich "bis zu" 20 User bewegen (ab 21 Personen "bis zu 40", usw.). Damit kann aber nicht ausgesagt werden, dass etwa drei Personen "von A nach B gehen", so A1.

Möglich wäre es laut der Konzern-Sprecherin theoretisch auch, diese Daten "live" einzusehen. Man betreibe aber kein "Live-Tracking", betonte sie. Auch habe der Krisenstab der Regierung keinerlei Möglichkeit, auf die Daten selbst zuzugreifen: "Die Bundesregierung hat dieses Tool nicht bei sich. Sie haben keinen Zugang und es gibt keine Schnittstelle - es liegt alles bei A1."

In einer schriftlichen Stellungnahme wies der Konzern außerdem darauf hin, dass das Vorgehen langerprobt, "vollständig DSGVO-konform und TÜV geprüft" sei. Die Bewegungsanalysen bietet A1 gemeinsam mit Invenium, einem Spin Off der TU Graz, an. Im Normalfall wird die Technologie eingesetzt, um etwa zu sehen, woher Touristen kommen, die eine Sehenswürdigkeit besichtigen - und welche Sehenswürdigkeit danach angesteuert wird. Auch werde diese Technologie europaweit "von einer Vielzahl an Unternehmen angeboten und ist jahrelang erprobt. A1 stellt diese Analysen in Krisenzeiten relevanten staatlichen Stellen zum Wohle der Allgemeinheit zur Verfügung", so das Telekommunikationsunternehmen.

Die Bürgerrechtsorganisation epicenter.works will sich nun genauer ansehen, welche Daten weitergegeben und wie sie anonymisiert wurde. Denn auch die Aggregation von individuellen Daten biete nicht in jedem Fall eine verlässliche Anonymisierung, so Geschäftsführer Thomas Lohninger: "Wenn sie nicht richtig gemacht ist, kann sie immer noch einen Personenbezug erlauben." Prüfen will man auch, ob es eine Rechtsgrundlage für die Datenweitergabe gebe.

Das von Regierung und Parlament beschlossenen Corona-Maßnahmenpaket hat epicenter.works übrigens bereits analysiert und angesichts der "enormen Gefahr für das Leben großer Teile der Bevölkerung" als grundsätzlich verhältnismäßig eingestuft. "Problematisch" sei aber der große Ermessensspielraums der Polizei beim Vollzug der Ausgangsbeschränkungen. Hier bräuchte es aus Sicht der Organisation die im Regierungsprogramm angekündigte Beschwerdestelle gegen Misshandlungsvorwürfe.

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