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Synchronizing Healthcare

Buurtzorg goes Austria

Ein aus den Niederlanden kommendes Konzept der ambulanten Pflege hilft nicht nur Patienten, sondern auch den Pflegenden.

31. Mai 2020
Richard Hennessey
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 61. JG (2020) 03-04
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ClipDealer / bialasiewicz

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Buurtzorg (niederländisch: Nachbarschaftshilfe) ist der ambulante niederländische Pflegedienst, der die dortige Pflege mit einer perfekten Integration von IT, Ökonomie und selbstorganisierter Arbeitsweise revolutioniert hat.1 Die Entwicklung ist nicht in den Niederlanden stehengeblieben. Nun sind nach Deutschland und der Schweiz auch in Österreich Ansätze erkennbar, die darauf abzielen, die ambulante Pflege nach dem Vorbild Buurtzorgs auf- oder umzubauen.

Dringender Bedarf in Österreich

Gerade in Österreich wäre das dringend notwendig. Hierzulande nehmen im Vergleich zu anderen Ländern nur wenige Menschen professionelle ambulante Pflege in Anspruch. Wir liegen diesbezüglich in Westeuropa an vorletzter Stelle.2 Das führt dazu, dass ältere Menschen, die eigentlich keine spezialisierte stationäre Versorgung brauchen würden, in Akutspitälern behandelt werden. Österreich liegt hier im OECD-Vergleich deutlich an der Spitze. 35 Prozent aller Spitalsaufnahmen von Patienten, die älter als 65 Jahre sind, wären nicht notwendig. Das sind 25 Prozent der Spitalstage insgesamt.3

Die Auswirkungen eines wenig ausgebauten, hauptsächlich auf kompensatorische Pflege ausgerichteten ambulanten Pflegesektors sind dramatisch. So beträgt in Österreich der Anteil der Menschen über 65 Jahre, die in ihren Aktivitäten des täglichen Lebens stark eingeschränkt sind, 22,5 Prozent. Im Vergleich dazu beläuft er sich beispielsweise in Dänemark auf lediglich 9,3 Prozent.4 Dänemark hat es mit den gleichen Gesundheitsausgaben pro Kopf geschafft, seine Bevölkerung weitgehend selbstständig zu erhalten, Österreich leider nicht.5

Durch eine Vergrößerung des ambulanten Sektors, kombiniert mit einer selbstorganisierten Arbeitsweise, die sich auf das Ziel Selbstständigkeit ausrichtet, könnte einiges bewegt werden. Aus diesem Blickwinkel heraus sind Initiativen zu begrüßen, die in diese Richtung arbeiten wollen. Buurtzorg hat mehreren österreichischen Pflegeorganisationen sein Konzept angeboten. Manche haben es freudig begrüßt, haben es dann aber wieder fallen gelassen, weil die internen Widerstände zu groß waren. Nur in Niederösterreich fiel der Samen dank des Engagements eines Mannes auf fruchtbaren Boden.

Die Buurtzorg Cura Communitas in Niederösterreich

Dort wurde im Dezember 2018 Buurtzorg Cura Communitas durch den Mediziner Wolfgang Huber gegründet. Das sorgte für eine Überraschung in der oligopolistisch strukturierten Landschaft der mobilen Pflege in Niederösterreich.

Vorher war Wolfgang Huber für Personal, Finanzen und für den Behindertenbereich im Haus der Barmherzigkeit zuständig. Ihm fiel der krasse Gegensatz auf, dass das Haus trotz vieler Qualitätspreise bis zu 40 Prozent Personalfluktuation und hohe Krankenstände verzeichnete. Hinzu kam noch ein Pflegeskandal im zugehörigen Pflegeheim im niederösterreichischen Kirchstetten. Wolfgang Huber meinte gegenüber einem Kollegen, das könne nicht sein. Das sei etwas, an das man sich gewöhnen müsse, antwortete der Kollege. Huber wollte sich damit nicht abfinden. Von einer Kollegin hörte er, dass es in den Niederlanden ein innovatives Modell in der ambulanten Pflege namens Buurtzorg gäbe. Kurzerhand fuhr Huber nach Holland und schaute sich das Konzept an. Angetan von diesem Organisationsmodell kehrte er zurück. Mit seiner Begeisterung war er jedoch ziemlich allein und musste viel Überzeugungsarbeit leisten, bis sich etwas bewegte. Er begann, im Bereich der Arbeit mit Menschen mit Behinderung die selbstorganisierte Arbeitsweise einzuführen. Dieses Projekt läuft auch heute noch. Als er diese Art Organisation auf die Pflege ausdehnen wollte, gab es starken Widerstand im Haus der Barmherzigkeit. Daraufhin verließ er das Haus der Barmherzigkeit und gründete Buurtzorg Cura Communitas (Cuco). Mit vier diplomierten und sehr engagierten Pflegerinnen sowie einer Backoffice-Mitarbeiterin ist das der erste österreichische mobile Pflegedienst, der nach Buurtzorg-Prinzipien arbeitet. Cuco kooperiert mit dem Roten Kreuz und mit der Cura Domo (24-Stunden-Betreuung).

Erfahrung teilen

Vom Land Niederösterreich gibt es kein Geld. Die Patientinnen und Patienten zahlen aber nicht die im Vergleich zu anderen Pflegediensten höheren Preise, da hier anstelle des Landes Sozialinvestoren noch die notwendige Unterstützung leisten. Die selbstorganisierte Arbeitsweise ist eine positive Herausforderung für die Pflegerinnen. Die Arbeit kommt sehr gut an, die Nachfrage seitens der Patienten wäre vorhanden. Die Investoren sind dennoch im Moment noch eher zögerlich, die Unterstützung auszuweiten. Das setzt Grenzen, zusätzliche Investoren wären notwendig. Das Land Niederösterreich verhält sich abwartend.

Ein gutes Jahr ist seit der Gründung vergangen. Das Team arbeitet hervorragend und ist mit der selbstorganisierten Arbeitsweise vertraut. Die notwendige Infrastruktur ist nun aufgebaut. Der „Proof of Concept“ wurde geliefert. Jetzt wäre es nach Ansicht von Wolfgang Huber an der Zeit, mit Unterstützung der öffentlichen Hand ein Pilotprojekt zu starten, welches begleitend evaluiert wird. Er ist fest davon überzeugt, dass die Evaluation zeigen wird, dass auch in Österreich ein Arbeiten nach dem Buurtzorg-Modell möglich ist. Huber teilt gerne seine Erfahrung mit anderen Organisationen, die eine Initiative starten möchten.

Martin Hebenstreit, der Geschäftsführer von connexia – Gesellschaft für Gesundheit und Pflege des Landes Vorarlberg, ist sehr offen gegenüber dem Buurtzorg-Modell. Er fände es sinnvoll, auch in der Vorarlberger mobilen Pflege verstärkt nach Buurtzorg-Prinzipien zu arbeiten. Auf einen ersten Blick könnte man meinen, dass Vorarlberg mit seinem vorbildlichen ambulanten Pflegedienst sich keine Anleihen vom Buurtzorg-Modell zu holen bräuchte. Die Hauskrankenpflege ist sehr gut und gemeinnützig organisiert. 66 örtliche Hauskrankenvereine mit 62.000 Mitgliedern zeugen von einer soliden Verankerung in der Bevölkerung. 338 Pflegerinnen und Pfleger leisten einen flächendeckenden Beitrag zur Pflege von Menschen. Beachtlich ist, dass 84,6 Prozent der Pflegekräfte diplomiert sind.6 Ein Landesverband sorgt für die notwendige Einheit in der Vielfalt und ein gemeinschaftliches Auftreten nach außen. Bemerkenswert ist auch der hohe Eigenfinanzierungsgrad von 35,4 Prozent.7 Aber auf einen zweiten Blick gibt es auch für die Vorarlberger Hauskrankenpflege Lernfelder mit hohem Entwicklungspotenzial. Beispielsweise ist der Betriebs- und Verwaltungsaufwand mit 14,3 Prozent im Vergleich zu Durchschnittsorganisationen gut8 , aber im Vergleich mit Buurtzorg fast doppelt so hoch. Und auch der Dokumentationsaufwand erscheint laut Jahresbericht sehr groß.9 Ob die neu eingeführte EDV10 das integrierende, produktive Niveau der Buurtzorg-IT hat, kann hier mangels Daten nicht beurteilt werden.

Der Anteil aktivierender Pflege ist relativ gering, was sich schlecht verträgt mit dem Problem eines im internationalen Vergleich signifikant erhöhten Anteils einer hilfs- und pflegebedürftigen Bevölkerung in der Altersklasse 65 plus. Das stellt sich für Vorarlberg in fast gleichem Maße wie auf der Bundesebene. Und vor allem für dieses Problem bräuchte es ein Buurtzorg-Modell, welches die Selbstständigkeit der Klienten in den täglichen Arbeitsprozessen in den Mittelpunkt stellt und konsequent umsetzt. Das bedeutet: Auch die Vorarlberger ambulante Pflege könnte sich von Buurtzorg Ideen holen, wie die Hauskrankenpflege ihre Sekundärprozesse im Hinblick auf den Primärprozess „selbstständigkeitsfördernde Pflege“ optimiert. Zum Beispiel, indem der Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand über Selbstorganisationsprozesse und IT verringert wird und dadurch mehr Zeit für eine aktivierende Pflege bleibt. Die Voraussetzungen sind österreichweit wahrscheinlich die besten, zum Beispiel die gemeinnützig orientierte Organisationsform, die gute Verankerung in der Bevölkerung, der sehr hohe Anteil diplomierter Pflegekräfte sowie der Landesverband, der sehr gut in die Rolle eines Buurtzorg-Back-Offices mit schlanker Verwaltung und Coaching-Funktion schlüpfen könnte.

Resümee

Ein Ausbau der ambulanten Pflege in Österreich wäre dringend notwendig, um die stark erhöhten Hilfs- und Pflegebedürftigkeitsquoten der Altersklasse 65 plus zu senken und die teuren stationären Einrichtungen zu entlasten. Das betrifft sowohl den Umfang der mobilen Einrichtungen als auch deren qualitativer Wandel in Richtung einer selbstständigkeitsfördernden Pflege, die am besten selbstorganisiert geleistet werden kann. Besonders lobenswert ist das beherzte Engagement des Teams der Buurtzorg Cura Communitas in der verkrusteten mobilen Pflegelandschaft Niederösterreichs. In Bezug auf die Voraussetzungen zur Einführung einer selbstorganisierten mobilen Pflege wäre Vorarlberg ideal.

Literatur:

1

Hennessey R (2017): Pflege braucht kein Management. Das österreichischeGesundheitswesen – ÖKZ. Heft 12. S. 13 – 14

2

Famira U, Firgo M (2018): Aktuelle und künftige Versorgungsfunktion der mobilen Pflegeund Betreuungsdienste in Österreich. WIFO-Studie. S. 9

3

Pichlbauer E. (2018): Das österreichische Pflegesystem: Ein europäischer Sonderfall. Bertelsmann Stiftung (Hg.). S. 8

4

OECD (2019): Health at a Glance. S. 223

5

Pichlbauer E (2018): Das österreichische Pflegesystem: Ein europäischer Sonderfall. Bertelsmann Stiftung (Hg.). S. 19

6

Hauskrankenpflege (2018): Jahresbericht. S. 7

7

ebda. S. 9

8

ebda. S. 10

9

ebda. S. 7

10

ebda. S. 13

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
03-04/2020 (Jahrgang 61)

Verlag
Schaffler Verlag

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