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Synchronizing Healthcare

Bizarre Rotationen

Ein verwirrendes Politschauspiel rund um das Notarztsystem in Osttirol hielt im Sommer 2019 ganz Tirol auf Trab. Ein Kraftakt beendete vorerst den wiederaufgeflammten Luftkrieg der Hubschrauber-Retter und nun wird fieberhaft an einer Lösung gearbeitet. Mit den niedergelassenen Ärzten zählen ausgerechnet jene zu den Opfern, um deren Einsatz bundesweit mit rosigsten Worten gebuhlt wird.

10. Januar 2020
Alexandra Keller
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 11
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Bildinhalt: Hubschrauber in den Bergen

Bildrechte: ClipDealer / u.perreten

Wer in den Sommermonaten in der Gegend um Matrei einen Notfall hatte, wurde in den letzten Jahren von den Ärzten des Notarztverbandes Osttirol versorgt. 2011 hatten die niedergelassenen Notärzte der Osttiroler Talschaften diesen Verein gegründet und mit drei Einsatzgruppen das Iseltal, das Osttiroler Pustertal und das Defereggental betreut. Der ÖAMTC-Hubschrauber, der an der Grenze zu Kärnten, in Nikolsdorf, stationiert ist, fliegt viel in Kärnten und erledigt fast alle Interhospitalflüge für das Bezirkskrankenhaus Lienz. Das BKH organisiert den Notarztdienst für den Lienzer Talboden, die quasi vierte „notärztliche Teilregion“ des zwischen Kärnten und Südtirol gelegenen und von Nordtirol selbst nicht direkt erreichbaren Bezirkes.

Pilotregion Osttirol

Die Basis für das außergewöhnliche Notfallrettungssystem im bergigen Bezirk lieferte unter anderem eine Entschließung des Tiroler Landtages, in der eine „Pilotregion Osttirol“ proklamiert wurde, in welcher den niedergelassenen Ärzten theoretisch eine Hauptrolle zukam. „Vor allem soll die Attraktivität des Landarztberufes gesteigert werden“, hatte der Osttiroler Landtagsabgeordnete und Initiator der Entschließung, Josef Schett, nach der entscheidenden Landtagssitzung am 7. Mai 2015 festgehalten und betont: „Durch die Verbesserung des niedergelassenen Bereiches kann auch die Notarztambulanz im Bezirkskrankenhaus entlastet werden. Etabliert sich die Pilotregion in Osttirol, so könnte das Konzept in Zukunft auch in anderen Tiroler Regionen angewandt werden.“

Aber den großen Worten folgten kaum entsprechende Taten. Die Ärzte des Notarztverbandes sicherten neben der allgemeinmedizinischen auch die Notarztversorgung in ihren Talschaften, Letzteres jedoch lediglich auf Grundlage von Notarzt-Koordinationsverträgen mit dem Gemeindeverband BKH Lienz und ohne entsprechende rechtliche Absicherung. „Das Land Tirol hatte und hat keinen Vertrag mit dem Notarztverband. Bei diesem handelt es sich um einen freiwilligen Zusammenschluss von Notärzten außerhalb der vertraglichen Systeme. Das Land Tirol hat daher keinen Einfluss auf dessen weitere Zukunft“, stellt der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg auf ÖKZ-Anfrage fest und damit auch klar, dass die Mediziner diesbezüglich auf sich allein gestellt sind.

„Wir sind drei Jahre da, immer nur geduldet. Systeme, die nur geduldet sind, sind angreifbar und bis zu einem gewissen Grad nur politische Verhandlungsmasse. Das ist nicht die Planungssicherheit, die wir brauchen“, stellte Gernot Walder Anfang Juli 2019 im politischen Fernsehmagazin Report des ORF fest. Walder ist Allgemeinmediziner, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie, Infektologie und Tropenmedizin sowie Alpinarzt. Er koordiniert die Notarztversorgung und ist gleichsam das Gesicht des Notarztverbandes Osttirol, der mit der ORF-Sendung plötzlich in den Wohnzimmern der interessierten Österreicherinnen und Österreicher gelandet war. Weil das, was in Osttirol gerade passierte, weit über seine Grenzen hinaus strahlte.

Der Angriff, der wegen des vertragslosen Zustandes denkbar leicht war, erfolgte Ende Februar 2019. In einem Brief forderte der Notarzt-Verantwortliche des Bezirkes Lienz Landesrat Tilg auf, Walder die Koordinationsverantwortung für das Iseltal zu entziehen. Personelle Engpässe und der Umstand, dass Notärzte aus Deutschland, die vom Verband für Notarztdienste eingeteilt wurden, nicht in die österreichische Ärzteliste eingetragen waren, wurden beispielsweise als Gründe für den Handlungsbedarf genannt. Die Systemverantwortlichen in Nordtirol – Österreichische Ärztekammer und Land – waren sich überraschend rasch einig. Fast über Nacht wurde der Notarztverband Osttirol aus dem Iseltal geworfen und genauso schnell eine Alternative aus dem Hut gezaubert: Der Notarzthubschrauber Martin 4 des Salzburger Unternehmens Heli Austria, das seit 2007 einen Heli-Port in Matrei in Osttirol besitzt, wurde damit beauftragt, ab 1. Juli 2019 die notärztliche Versorgung im Iseltal in einem Kombisystem Boden-Luft zu übernehmen.

Protestschreiben von Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden waren die Folge, rund 5000 Unterschriften der betroffenen Patienten kamen hinzu. Die Sorge um die ärztliche Versorgung wuchs, war den Landärzten, die ihre Patienten tagtäglich in allen Not- und Lebenslagen begleiten, doch nicht nur eine Einkommensgrundlage abhandengekommen, sondern ihnen auch die grundsätzliche Anerkennung für ihre Arbeit verweigert worden.

Bekannte Machtmauer

Die derart aufgewühlte Bevölkerung stieß auf Granit. Ihnen stand eine nicht unbekannte Machtmauer gegenüber. „Einmal mehr tobt sich die ÖVP in Osttirol aus, der Bezirk gerät in Geiselhaft des ÖVP-Systems, es geht um Macht und Geld. Ein überforderter ÖVP-Landesrat Tilg und ein Osttirol-Kaiser Köll haben mit ihrem Deal eine funktionierende medizinische Versorgung mutwillig zerschlagen“, machte Markus Sint, Landtagsabgeordneter der Liste Fritz Tirol, Ende Juli 2019 seinem Unmut Luft. Dabei stellte er in den Raum, dass sich Andreas Köll, der Bürgermeister von Matrei, Obmann des Gemeindeverbandes Bezirkskrankenhaus Lienz und vieles mehr ist, einen Deal ausbedungen habe. Anlass dafür sei die Spitalsreform. „66 Betten nimmt Tilg dem Bezirkskrankenhaus, ein Drittel des Bettenabbaus für seine Tiroler Spitalsreform leistet der Bezirk Lienz. Köll als Obmann des Bezirkskrankenhauses hat eingewilligt und dafür von Tilg einen ganzjährig stationierten Notarzt-Hubschrauber in seiner Gemeinde Matrei verlangt“, hielt Sint fest.

Starker Tobak, dessen Rauch recht undurchsichtig ist. Köll selbst beschreibt den Vorwurf eines Deals als „absurd“. Die tirolweite Spitalsreform habe nicht das Geringste mit einem ganzjährig stationierten Hubschrauber in der Gemeinde Matrei zu tun, diese Stationierung habe überhaupt keine finanziellen Auswirkungen auf die Gemeinde und: „Das BKH Lienz hat durch die Tiroler Spitalsreform überhaupt nichts verloren, sondern sogar deutlich dazugewonnen.“

Roy Knaus, Chef der Heli Austria, dem drittgrößten Luftfahrtunternehmen Österreichs, zu dem die Heli Tirol und damit der Notarzthubschrauber Martin 4 in Matrei zählt, hält auf ÖKZ-Anfrage fest, dass ein ganzjähriger Notarztstützpunkt in Matrei in Osttirol „wirtschaftlich nicht interessant“ sei, es keine Vereinbarung mit der Gemeinde gäbe, und sagt: „Wir finden aber, dass man als Unternehmen die Verpflichtung hat, auch strukturschwache Regionen zu unterstützen und nicht nur in der Region mit der höchsten Bevölkerungsdichte oder entsprechendem Tourismusaufkommen tätig sein kann.“ Und Landesrat Tilg erklärt auf die scharfe Kritik: „Die bisher im Zusammenhang mit der Notarztversorgung im Oberen Iseltal gesetzten Maßnahmen waren aufgrund der dortigen Entwicklungen kurzfristig erforderlich.“

Für den Landtagsabgeordneten Sint ist die Situation desaströs. „Statt eines Vorzeigemodells regiert jetzt die teuerste Form der Patientenversorgung.“ Sein Hinweis darauf, dass hier ein funktionierendes System zerstört wurde, um es durch ein teures zu ersetzen, erinnerte frappant an jene Worte, welche die bislang größte Krise des Tiroler Rettungswesens begleitet hatten: Als das Land Tirol sich vor über zehn Jahren dazu entschloss, das Rettungssystem auf neue Beine zu stellen und das gesamte Rettungswesen des Landes international auszuschreiben, war nicht nur die Zukunft der für den Rettungsdienst verantwortlichen, mit Freiwilligen arbeitenden Organisationen in Gefahr geraten. Damit konfrontiert, hatten sie sich zur Tiroler Rettungsdienst GmbH zusammengeschlossen und letztlich den Zuschlag erhalten. Vieles musste dafür auf eigentümliche Weise hingebogen werden, etwa um Interessenten aus dem Ausland fernzuhalten oder die Finanzierung zu garantieren. 2020 endet der Vertrag mit der Tiroler Rettungsdienst GmbH und erst im März 2019 durfte den Verantwortlichen ein Stein vom Herzen fallen, als auf Grundlage eines EUGH-Urteils bekanntgegeben werden konnte, dass die bodengebundene Notfallrettung und der qualifizierte Krankentransport nicht neuerlich ausgeschrieben werden müssen. Die Flugrettung war damals ausgespart worden. Für sie hatte das Land eine andere Lösung gefunden. Eine, die mit der Sommerstationierung des Rettungshubschraubers in Matrei mehr als brüchig geworden war.

Lukratives Geschäft

Flugrettung ist vor allem in tourismusintensiven Regionen ein lukratives Geschäft und in Tirol waren und sind die Unternehmen Christophorus Flugrettungsverein (ÖAMTC), ARA, SHS, Schenk Air, Wucher Helicopter, Heli Ambulance Team und Heli Tirol darum bemüht, Stücke vom millionenschweren Kuchen zu bekommen. Im Jahr 2018 wurden 8606 Notarzteinsätze durch die in Tirol stationierten Notarzthubschrauber geleistet. Eine Rettungsflugminute kostet 90 Euro und wird – Daumen mal pi – davon ausgegangen, dass so ein Rettungsflug etwa 15 Minuten dauert, ergäbe das eine Kuchengröße von rund 11,6 Millionen Euro. Vielleicht sind es mehr, vielleicht weniger, doch die Summe darf zumindest als Anhaltspunkt dienen.

Ein erster veritabler Luftkrieg war der Lösung vorausgegangen, die bis zuletzt die Hubschrauberzahl im Zaum gehalten hatte. Das Damoklesschwert einer internationalen Ausschreibung vor Augen, waren die Helikopterunternehmer unter Federführung des Landes Tirol in einer sogenannten freiwilligen Selbstbeschränkung übereingekommen, ganzjährig mit neun und im Winter mit weiteren sieben Notarzthubschraubern zu fliegen. Eine Direktverrechnungsvereinbarung wurde abgeschlossen, ansonsten besteht keinerlei Vertragsverhältnis der Notarzthubschrauber-Betreiber mit dem Land Tirol. Der neue, im Juli 2019 mit der Notarztversorgung des Iseltals beauftragte Hubschrauber des Unternehmens Heli Tirol wirbelte die brüchige Vereinbarung, die sich stets um die Zahlen 9 (Notarzthubschrauber ganzjährig) und 7 (zusätzliche Hubschrauber im Winter) dreht, durcheinander.

Während die von Knaus gestellten Notärzte im Iseltal Dienst taten, fingen die Mitbewerber der nunmehr gewachsenen Knaus’schen Rettungs-Flotte in Nordtirol an, zu rotieren. Der ÖAMTC stationierte beispielsweise plötzlich seinen Hubschrauber Alpin 2 in Sölden. Das Ötztal wird im Sommer von zwei Hubschraubern der Heli Tirol versorgt, dessen Chef sich „not amused“ über den gelben Fehdehandschuh zeigte.

Schwere Reanimation

Der Luftkrieg drohte neuerlich zu eskalieren und Ende August 2019 wurde in Innsbruck die Reißleine gezogen. An einem runden Tisch trafen sich die Heli-Unternehmer mit den Landesräten Tilg und der für das Luftfahrtrecht im Land zuständigen Ingrid Felipe. „Ja, es waren am Anfang ein bissl verhärtete Fronten, aber wir haben uns durch das Gespräch annähern können und gemeinsame Lösungen besprochen. Das ist immer gut, weil durchs Reden kommen die Leut z’ samm“, hielt Felipe nach dem Gespräch fest, das den Urzustand im Tiroler Rettungshimmel wiederherstellte. „Wir bleiben bei der bestehenden Zahl 9 plus 7“, so Felipe.

Daraus ergab sich zwangsläufig, dass die Tage für den fix in Matrei stationierten Rettungshubschrauber gezählt waren und das Notarztsystem fürs Iseltal neu organisiert werden muss. „Die Organisation des Notarztsystems übernimmt im Auftrag des Landes Tirol künftig die Rote Kreuz Tirol gemeinnützige Rettungsdienst GmbH in Kooperation mit dem Roten Kreuz Osttirol in Zusammenarbeit mit den regional ansässigen Notärzten und den Hubschrauberbetreibern. Ziel ist die nachhaltige Sicherstellung der notärztlichen Versorgung im Bereich Oberes Iseltal“, erklärt Landesrat Tilg. 515.000 Euro muss das Land dafür lockermachen. Bürgermeister Köll beharrt derweil auf seiner Forderung nach einem ganzjährig stationierten Rettungshubschrauber in Matrei. Den mehr oder weniger hubschrauberlosen Zustand bezeichnet er als „inakzeptabel“. Und der Notarztverband Osttirol? „Mit uns wurde seit Mai 2019 nicht mehr gesprochen“, sagte Gernot Walder Anfang September 2019 gegenüber der ÖKZ. Vielleicht hat sich das in der Zwischenzeit geändert, doch dürfte es schwer werden, die niedergelassenen Ärzte zurück ins Boot zu holen. Sie wurden geopfert. Warum, weiß niemand.

Schaffler Verlag

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
11/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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