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Synchronizing Healthcare

Angebote ohne Nutzung

Die ergotherapeutische psychiatrische Rehabilitation hätte zahlreiche gute Angebote für psychisch kranke Menschen. Viele davon können aber nicht genutzt werden – aus den schon mehr als sattsam bekannten Gründen.

11. November 2019
Gabriele Vasak
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 10
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ClipDealer / claudiaotte

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Bildrechte: ClipDealer / claudiaotte

Psychiatrische Patienten sind oft ein bisschen „anders“ als andere Patienten, und sie haben auch mit anderen Herausforderungen zu kämpfen. Noch immer gelten etwa schizophrene oder bipolare Menschen in der Gesellschaft als „gefährlich“, und solche, die von Depression oder Burnout betroffen sind, werden andererseits oft belächelt und nicht ernst genommen. Ganz abgesehen davon handelt es sich bei psychiatrischen Patienten sehr oft um Personen, die finanziell sehr schlecht gestellt sind und auch nur über unzureichende Zugänge zu Leistungen des Gesundheitssystems verfügen. All das spielt auch in der ergotherapeutischen Rehabilitation eine Rolle. „Wir stellen immer wieder fest, dass diese Menschen mit Stigmatisierung einerseits und Ausgrenzung von sozialer Teilhabe andererseits kämpfen. Das macht den Zugang zu unseren Angeboten nicht gerade einfacher“, sagt die Präsidentin von Ergotherapie Austria, dem Bundesverband der Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten Österreichs, Marion Hackl. „Das Problem der Zugänglichkeit zu unseren therapeutischen Angeboten stellt sich auf allen Ebenen. Es geht aber nicht nur darum, wie der Patient in das System hineinkommt, sondern auch darum, wie er es – gut versorgt – wieder verlassen kann. Psychiatrische Rehabilitation ist auch immer noch mit der Angst verbunden, nicht mehr aus dem System herauszukommen.“

Zu wenig Kassenplätze

Die Präsidentin von Ergotherapie Austria bemerkt auch, dass psychiatrisches Klientel fast durchgehend eines ist, das keine Möglichkeit hat, bei Therapien in den Privat- oder Wahltherapiebereich auszuweichen, sondern darauf angewiesen ist, von der Sozialversicherung oder anderen Trägern bezahlte, für sie also kostenfreie Therapien in Anspruch zu nehmen.

Die Crux ist allerdings, dass es – erraten – zu wenige Kassenplätze für ergotherapeutische Rehabilitation gibt (siehe auch ÖKZ 8-9, 2019). Zwar sind viele Ergotherapeuten auch in freier Praxis tätig, aber nur wenige psychiatrische Patienten finden den Weg zu ihnen. „Es ist immer noch nicht ausreichend bekannt, welche Möglichkeiten der ergotherapeutischen psychiatrischen Rehabilitation es gibt. Vor allem der ambulante Bereich ist kaum bekannt“, sagt auch die seit zehn Jahren in freier Praxis tätige Ergotherapeutin Helga Vitecek-Kandolf, die auf die Arbeit mit psychiatrischen Patienten spezialisiert ist. Und: „Nicht wenige dieser Patienten haben bereits ihre negativen Erfahrungen mit den Institutionen gemacht, aber vielen fällt es schwer, sich zu einem Neustart zu motivieren.“

Gute Angebote, die oft nicht genützt werden können

Dabei gäbe es gerade in der Ergotherapie gute und wichtige Angebote für diese Menschen. Denn wenn etwa funktionelle Syndrome in der stationären oder ambulanten kurativ-medizinischen Versorgung nicht ausreichend behandelt werden können und sich die Krankenstände häufen, droht in vielen Fällen der Verlust des Arbeitsplatzes. Hier wird auch ergotherapeutische Rehabilitation notwendig, damit erkrankte Menschen ein gutes physisches, mentales und soziales Funktionsniveau wiedererlangen können. Ergotherapie kann ihnen Hilfestellungen zur Änderung ihres Lebens mit mehr Unabhängigkeit geben, denn der Rehabilitationsprozess umfasst ein breites Spektrum von elementaren und allgemeinen rehabilitativen Maßnahmen und Handlungen bis hin zu speziellen, individuell zielorientierten Vorgehensweisen. „Ganz wichtig für diese Menschen ist die den Personen angepasste (Wieder-)Erarbeitung von alltagsrelevanten Handlungsabläufen. Es geht darum, in diesen Grundfertigkeiten wieder so etwas wie eine Routine zu etablieren, die dann auch dazu verwendet werden kann, den Tag so zu strukturieren, dass er einen persönlichen Wert für den oder die Betreffende hat. Darüber hinaus wollen wir auch Raum geben für kleine, angenehme Aktivitäten wie etwa einen Kaffeehausbesuch, und wir wollen die Möglichkeit schaffen, dass diese Menschen auch kleineren Verpflichtungen wieder nachgehen können, sodass sie wieder in die Gesellschaft integriert sind“, sagt Helga Vitecek-Kandolf.

Das sind schöne Ziele, doch man kann sich auch vorstellen, dass sie nicht so einfach zu erreichen sind und dass das oft auch viel Zeit in Anspruch nimmt. Damit sind wir auch schon beim nächsten Problem der ergotherapeutischen psychiatrischen Rehabilitation. „Natürlich gibt es Fälle und Situationen, in denen die von der Kasse bezahlten zehn Einheiten ausreichend sind, aber in der Regel dauert es länger, bis ein psychiatrischer Patient wieder fit für die Welt ist“, so die Ergotherapeutin Vitecek-Kandolf. Auch was einzelne Einheiten betrifft, so sind die sechzig Minuten oft nicht ausreichend, um das durchzuführen, was notwendig wäre. Und: „Psychiatrische Krankheitsbilder äußern sich bei jedem Patienten ein bisschen anders und wirken sich auch unterschiedlich aus“, sagt Helga Vitecek-Kandolf. „Es ist eben nicht so wie nach einem Unfall und einer Operation, sondern wir sprechen hier von chronischen Prozessen, die sich individuell entwickelt haben. Das erfordert grundsätzlich auch eine gute therapeutische Beziehung zum Ergotherapeuten, denn er oder sie muss den Klienten verstehen und unterstützen können. Es geht darum, diese Menschen zu empowern, denn sie haben ein Anrecht darauf.“

Der Faktor Zeit

Auch Marion Hackl sieht den Faktor Zeitmangel als ein Hauptproblem der ergotherapeutischen psychiatrischen Rehabilitation. „Zeit ist in vielen Bereichen von Therapie wichtig, hier aber noch wichtiger. Pro Kalenderjahr werden aber von den Kassen nur maximal 20 Einheiten pro Jahr und pro Tag nur eine Stunde Ergotherapie bezahlt. Das ist für das, was wir optimalerweise tun sollten, zu wenig. Schon allein ein therapeutischer Ausgang nimmt oft mehrere Stunden in Anspruch.“ Die Präsidentin von Ergotherapie Austria sieht hier auch die eigene Berufsgruppe in der Pflicht, sich Überlegungen zu machen und gangbare Modelle zu erarbeiten, aber sie fordert auch von den Sozialversicherungsträgern mehr Flexibilität – etwa bei den Abrechnungen. „Gerade psychiatrisches Klientel neigt oft dazu, Termine kurzfristig abzusagen oder gar nicht einzuhalten. Das bedeutet für Ergotherapeuten in freier Praxis ein hohes Risiko und einen nicht kalkulierbaren Verdienstentgang.“

Einer guten ergotherapeutischen Versorgung von Patienten in diesem Bereich steht also einmal mehr die nicht ausreichende Finanzierung derartiger Leistungen entgegen. Und: Wie so oft existieren auch hier ganz unterschiedliche finanzielle Regelungen in den einzelnen Bundesländern. So gibt es etwa nicht einmal überall die Möglichkeit, Ergotherapie auf Krankenschein in Anspruch zu nehmen. Versuche, mit den Sozialversicherungsträgern einen österreichweit einheitlichen Abschluss von Kassenverträgen zu erzielen und speziell für psychiatrische Patienten mehr Kassenplätze zu schaffen, gab es, aber derzeit ist aufgrund der politischen Situation im Land alles zum Stillstand gekommen: „Im Moment sind wir in Warteposition, denn es ist ja noch nicht klar, in welche Richtung die Kassenreform letztendlich gehen wird“, sagt Marion Hackl. „Wir brauchen bundesweit mehr Möglichkeiten, um diese Patienten besser versorgen zu können. Man weiß ja, dass diese Menschen bei guter therapeutischer Begleitung durchaus wieder in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft eingliederbar sind. Es bringt genau gar nichts, wenn man sie sich wegdenkt und hofft, ihre Probleme werden sich von allein regeln.“

Unversorgte Angehörige

Was die Präsidentin von Ergotherapie Austria sich noch wünschen würde, wenn Wünschen denn helfen könnte, wäre die Finanzierung von Freizeitgestaltungsangeboten und ebenso die Finanzierung der Begleitung von Angehörigen, die oft sehr intensiv in die Geschichte ihres psychisch erkrankten Familienmitglieds involviert sind: „Wir bekommen nur Krankenbehandlung finanziert. Strukturierte Freizeitangebote und eine Begleitung von Angehörigen wären aber sehr wichtig, denn da liegen entscheidende Ressourcen, aber in diesem Bereich herrscht noch große Baustelle.“

Helga Vitecek-Kandolf wiederum wünscht sich eine bessere Einbindung von Ergotherapeuten in diesbezügliche gesundheitspolitische Entscheidungen und im Sinne psychiatrischer Patienten mehr niederschwellige Angebote ohne große Verpflichtungen für die Klienten, denn: „Es gibt so viele Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen oder Störungen, die sich intensiv darum bemühen, ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Wir Ergotherapeuten wollen dabei mithelfen, dass möglichst viele das auch schaffen.“

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
10/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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