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Synchronizing Healthcare

Alles digital?

Bericht von der 20. Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin

27. Juli 2019
Iris Hinneburg
Schaffler Verlag, Qualitas: 02/2019
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Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / ginasanders

Künstliche Intelligenz zur Unter­stützung von medizi­nischen Entschei­dungen, elektro­nische Patienten-Akten, Gesund­heits-Apps: Immer mehr digitale Techno­logien drängen in die Gesund­heits­ver­sorgung. Was bedeutet das für eine patienten­zentrierte und evidenz­basierte Medizin (EbM)? Wo liegen Potenziale und Heraus­for­derungen, auch im Bereich der Methodik? Diese und weitere Fragen wurden auf dem dies­jährigen EbM-Kongress in Berlin diskutiert.

20 Jahre EbM-Kongress: Für das Deutsche Netzwerk Evidenz­basierte Medizin (DNEbM) war das kein Anlass für nostal­gisches Schwelgen in der Vergan­genheit – vielmehr ging der Blick weit nach vorne. Unter dem Kongress-Motto „EbM und digitale Trans­formation in der Medizin“ widmeten sich die Veran­staltungen den aktuellen und bevor­stehenden Verän­derungen im Gesund­heits­system durch die Möglich­keiten der Digitali­sierung. Ein Thema, das offen­sichtlich viele umtreibt: Darauf lassen die knapp 500 Besuche­rinnen und Besucher des Kongresses schließen.

Verheißung in der Onkologie?

Im ersten Hauptvortrag stellte Benedikt Brors vom Nationalen Centrum für Tumor­erkran­kungen (NCT) in Heidelberg Ansätze für personali­sierte onko­logische Therapie­empfeh­lungen auf der Basis genetischer Analysen vor. Dazu läuft derzeit am NCT die MASTER-Studie: Für ausge­wählte Patienten­gruppen werden die im Tumor­material gefundenen genetischen Verän­derungen mit Ziel­strukturen zugelas­sener Wirk­stoffe verglichen und daraus Therapie­ansätze abgeleitet. Aller­dings werden die Arznei­mittel in der Regel außerhalb der zugelas­senen Indika­tionen angewendet, syste­matische Auswer­tungen des Therapie­erfolgs stehen ebenfalls noch aus. Auch erfolgen in der MASTER-Studie keine randomi­sierten Ver­gleiche, etwa mit „best supportive care“.

Wo bleibt die Ethik?

Christiane Woopen von der Uni­versität Köln beleuchtete in ihrem Vortrag die ethischen Aspekte der digitalen Trans­formation. So hat der euro­päische Ethikrat, dem Woopen vorsitzt, 2018 in seiner Stellung­nahme zum Einsatz künst­licher Intelligenz gefordert, dass die Digitali­sierung in allen Bereichen der Gesell­schaft grund­legende Prinzipien wie Menschen­würde, Patienten­autonomie und Daten­schutz berück­sichtigen muss. Im sensiblen Bereich der Gesund­heits­ver­sorgung muss das nach Woopen im besonderen Maß gelten.

Kampf der Kulturen

Grundlegende Unterschiede zwischen den bewährten Prinzi­pien der EbM und den Heils­ver­sprechen von „Big Data“, also der Analyse großer Daten­mengen, skizzierte Gerd Antes, ehemaliger Direktor von Cochrane Deutsch­land, im Gespräch mit der öster­rei­chischen Journa­listin Andrea Fried. EbM bevorzugt prospektive Daten, während „Big Data“ sich auf retro­spektive Analysen stützt. Auch werde oft vergessen, dass ohne zugrunde­liegende Theorie die Datenflut bedeu­tungslos bleiben muss, denn mit bloßen Korrela­tionen ließen sich keine validen Kausal­zusammen­hänge ableiten. Antes plädierte für eine Techno­logie­folgen-Abschätzung im Hinblick auf Nutzen, Risiken und Kosten – aller­dings findet bisher keine konse­quente Qualitäts­bewertung von digitalen Techno­logien in der Gesundheitsversorgung statt.

Dünne Datenlage

Wie Urs-Vito Albrecht von der Medizi­nischen Hoch­schule Hannover ausführte, versprechen Gesund­heits-Apps viel­fältigen Nutzen. In einigen Fällen sind sie als Medizin­produkte einzu­stufen, wobei die genaue Abgrenzung häufig schwierig ist. Das Spektrum der Anwen­dungen ist sehr breit und reicht von einfacher Dokumen­tation oder Aufbe­wahrung von Gesund­heits­daten bis hin zu Diagnose und Therapie­steuerung. Aller­dings ist die Studien­lage für Gesund­heits-Apps derzeit noch äußerst dünn. Das müsse sich ändern, wenn die mobilen Anwen­dungen zukünftig auf Dauer in der Gesund­heits­ver­sorgung einge­setzt werden sollen und dann auch eine Nutzen­bewertung nötig werde. Ein mögliches Framework zur Bewertung von e-Health-Anwen­dungen hat das britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE) im Dezember 2018 veröffentlicht.

Präziser, aber nicht besser?

John Ioannidis von der Stanford Uni­versity analy­sierte in seiner Keynote zum Abschluss des Kongresses die vermeint­lichen Ver­heißungen der Präzisions­medizin im Hinblick auf maß­geschnei­derte Therapien. Aller­dings sei vieles davon Hype und viele der vermeint­lichen Innova­tionen mit Analysen großer Daten­mengen spielten sich außer­halb des Publi­kations­systems mit Peer-Review-Ver­fahren ab. Damit entzögen sie sich der wissen­schaft­lichen Qualitäts­kontrolle. Dass Daten­auswer­tungen für immer kleinere Gruppen zwangs­läufig zu einer besseren Therapie führen, bezweifelte Ioannidis mit Blick auf systema­tische Unter­suchungen zur Effekt­modifi­kation durch geschlechts­spezi­fische Unter­schiede. Auch würden Studien zur Therapie­steuerung anhand von gene­tischen Biomarkern derzeit haupt­sächlich als nicht-randomi­sierte Unter­suchungen durch­geführt, was verläss­liche Schluss­folge­rungen erschwert. Und nicht alle Arznei­mittel, die anhand von gene­tischen Informa­tionen entwickelt wurden, führen tat­sächlich zu großen Verbes­serungen für Patientinnen und Patienten.

Vielfältiges Programm

Das Hauptthema des Kongresses und andere EbM-relevante Frage­stellungen wurden in weiteren Vorträgen, Symposien und Workshops diskutiert. Flankiert wurde der Kongress durch das ZEFQ-Symposium, das die Schnitt­stelle von Evidenz und Quali­täts- und Risiko­manage­ment beleuchtete. Rund 30 Studie­rende der Gesund­heits­berufe nutzten im Vor­programm den inter­profes­sionellen Tag rund um Literatur­recherche und Evidenz­bewertung, der in Koope­ration mit dem Ärzt­lichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) stattfand. Am letzten Kongress­tag richtete der Fach­bereich Patien­ten­infor­mation und -betei­ligung gemeinsam mit dem Arbeits­kreis Frauen­gesundheit einen Fachtag „Infor­mierte Verhütung“ mit rund 170 Teilneh­merinnen und Teilnehmern aus.

Preise und Ehrungen

Die Mitgliederversammlung des DNEbM wählte Gerd Antes zum Ehren­mitglied und würdigte damit seine besonderen Verdienste um den Verein und die Etablie­rung der evidenz­basierten Medizin in Deutschland. Der David-Sackett-Preis ging an eine Arbeits­gruppe um Birte Berger-Höger von der Uni­versität Hamburg für das Projekt „Speziali­sierte Pflege­fachkräfte zur Unter­stützung parti­zipativer Ent­schei­dungs­findung in der Onkologie“. Der dies­jährige Journa­listen­preis wurde an zwei Beiträge verliehen, die sich der dubiosen Industrie der Raub­verlage widmeten und damit ein Thema in die Öffent­lichkeit hoben, das der Wissen­schaft enormen Schaden zufügt. Der Preis wurde geteilt: Ausge­zeichnet wurden sowohl der WDR-Fernseh­beitrag „Betrug statt Spitzen­forschung – Wenn Wissen­schaftler schummeln“ von Peter Onneken und Daniele Jörg als auch der Beitrag „Das Schein­geschäft“, der von einem Autoren­team um Till Krause im Magazin der Süd­deutschen Zeitung ver­öffentlicht wurde.

Ausblick 2020

Im kommenden Jahr wird der EbM-Kongress zum ersten Mal in seiner Geschichte in der Schweiz stattfinden: Vom 13. bis 15. Februar 2020 soll es in Basel um die Heraus­forderung gehen, wie sich bessere Evidenz schaffen lässt.

Zeitschrift
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Ausgabe
02/2019

Verlag
Schaffler

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