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Synchronizing Healthcare

Ablenkung total - Gehirn im digitalen Dauerstress

Henriette zögert, als sie in die winzige Kabine klettern soll. Wenig später sitzt die Zwei­jährige auf dem Schoß ihrer Mutter. Die Augen leuchten. Vor ihr steht ein Bild­schirm, ein Film läuft. Plötzlich horcht sie auf. Etwas summt, ähnlich wie ein Handy. Was Henriette nicht weiß: Eine Spezial­kamera für Eye-Tracking zeichnet ihre Augen­bewegungen und die Pupillengröße auf.

15. Juli 2019
Philipp Streinz
CGM / APAMED
Dieser Artkel wurde 45 mal gelesen.

Bildinhalt: Kind mit Tablet

Bildrechte: ClipDealer / danr13

Henriette sitzt im Zentrum eines Versuchs im Kinder­labor in Magdeburg. Es geht um Aufmerk­samkeit, Ablenkung und den Aufbau des Gehirns. Es geht um aktuelle Forschung - auch zum Einfluss der digitalen Dauer­bespielung. Außerhalb der Kabine wandern die Blicke von Profes­sorin Nicole Wetzel zwischen mehreren Moni­toren hin und her. Zu ihr werden die Daten von Test­personen drinnen über­tragen. Weiße Bluse, dunkles Sakko, Jeans, so sitzt die 45-Jährige in dem Labor am Leibniz-Institut für Neuro­biologie. Sie möchte ergründen, wie sich Aufmerk­samkeit, Lernen und das Gedächtnis von Kindern und Jugend­lichen entwickeln.

Ein heißes Thema in Zeiten, in denen viele Kids ihre Finger kaum vom Handy lassen können. In Zeiten, in denen Kranken­kassen vor Internet­sucht und Social-Media-Abhän­gigkeit warnen. Zwar forschen die Magde­burger ursprünglich allgemein zur Hirn­aktivität beim Lernen und Erinnern und nicht zur Medien­wirkung. Doch Wetzels Aufmerk­sam­keits­versuche sind ein Baustein in dem Mosaik von Studien weltweit, die die Arbeit der Zellen im Gehirn ergründen.

Welche Spuren hinterlässt die Dauer­präsenz von Smart­phones in unseren Köpfen? Gibt es defor­mierte Twitter- oder Facebook-Gehirne, wie manche Pessimisten warnen?

"Grundsätzlich ist es so, dass wir noch relativ wenig darüber wissen, wie digitale Medien das Gehirn und seine Aktivität verändern", sagt Nicole Wetzel. Die Expertin lächelt ansteckend freundlich. "Dass sie es verändern, ist keine Frage. Denn alles, was wir erleben, was wir lernen, egal ob wir ein Buch lesen oder eine Sandburg bauen, verändert unser Gehirn. Die Frage ist nicht ob, sondern wie genau."

Bei Versuchen kontrolliert ihr Team die Augen - wie bei Henriette. Die Pupillen reagieren nicht nur auf Licht, sondern auch auf kognitive Prozesse. "Wenn wir etwas Über­raschendes hören, weiten sich unsere Pupillen", erläutert die For­scherin. Eigent­lich sollen die Test­personen eine Aufgabe erfüllen. Wenn zwischen­durch ein Handy klingelt, können die Forscher mit ihren Eye-Trackern erkennen, dass jemand von seinem eigent­lichen Ziel abgelenkt wird.

Eine weitere Messmethode setzt bei den elek­trischen Strömen im Gehirn an. Dafür bekommen die Probanden Hauben mit Elek­troden für ein EEG auf den Kopf gezogen. Die Mess-Kappen zeichnen auf, welche Bezirke im Kopf in Schwung kommen, wenn ein Reiz eintrifft. Bestimmte Muster erlauben den Forschern Rück­schlüsse, wie abgelenkt jemand ist.

"Wenn ein Störgeräusch einge­spielt wird, reagieren die Kinder meist langsamer oder machen mehr Fehler", sagt Wetzel. "Und je jünger die Kinder sind, desto mehr sind sie beein­trächtigt in ihrer Leistung."

Nun ist unser Denkapparat keine Fest­platte, auf der man nur speichert und abruft, sondern ein empfind­liches, hoch­gradig wandel­bares Organ. Das Hirn reagiert schnell auf Ein­flüsse von außen, es ändert seine Ver­netzungen. Experten sprechen von Plastizität.

"Man kann sich das vereinfacht so wie ein Wege­netz vorstellen: Am Anfang, bei einem Klein­kind, sind viele Wege angelegt", erläutert Wetzel. "Und die Wege, die die Kinder häufig nutzen, die werden zu großen, breiten Straßen ausgebaut, wo der Verkehr schnell fließt." Wenig genutzte Wege verkümmern - ihr Ausbau wird später im Leben mühsamer. "Wenn ich jeden Tag viele Male mein Handy hervorziehe, wird das irgend­wann auch so eine breite Straße - um im Bild zu bleiben."

Wenn Menschen in jungen Jahren schnell abgelenkt sind von Handy-Nach­richten und Piep­tönen, wenn sie Stör­einflüsse schwer kontrol­lieren können, wird so das tiefe Verstehen behindert? "Da ist noch vieles offen und zu erforschen", sagt Wetzel. Forscher würden sehr unter­schiedliche Ergebnisse vermelden: Aufmerk­samkeit kann mit bestimmten Computer­spielen trainiert werden. Einerseits. "Anderer­seits wird über Zusammen­hänge zwischen über­mäßigem Medien­konsum und beein­trächtigter Aufmerk­samkeit berichtet."

Noch ist die Digitalisierung in vollem Gange. Der Smart­phone-Boom etwa läuft erst seit etwas über zehn Jahren - zu kurz für große Lang­zeit-Studien. Trotz­dem: Menschen nutzen vermehrt Navi­gations­apps statt Straßen­karten, Tablets statt Bücher, Einpark-Hilfen im Auto und sprechende Assis­tenten zu Hause. Oft deuten sich Zusammen­hänge an, aber ob ein Geschehen wirklich Ursache eines Wandels im Kopf ist, bleibt häufig erstmal unklar.

In Großbritannien veröffentlichte die Gesund­heits­organi­sation RSPH einen Report zu sozialen Netz­werken und der Gesund­heit junger Menschen. Ein wichtiger Punkt: Das Handy am Bett, das Checken, um nachts nichts zu verpassen, kann den Schlaf massiv stören. Einer von fünf Jugend­lichen kontrol­liere nachts seine Netz­werke. Für den Aufbau des jungen Gehirns jedoch ist viel Schlaf essen­ziell, wie die Studien­macher betonen.

In den USA machte der Psychologe Adrian F. Ward bei zwei Versuchen, die er 2017 mit Kollegen präsen­tierte, spannende Ent­deckungen: Allein die Nähe des eigenen Smart­phones reicht danach aus, dass Menschen bei Test­fragen schlechter abschneiden. Liegt das Gerät in einem anderen Raum, denken Probanden mehr und antworten korrekter. Ward schluss­folgert, dass ein nahes Handy uns so in Beschlag nimmt, dass Ressour­cen im Gehirn besetzt werden. Das Arbeits­gedächt­nis in den Stirn­lappen der Groß­hirn­rinde, im Präfron­talen Cortex, etwa. Es kann dann weniger in anderen Feldern leisten. Wir brauchen es unter anderem, um Sätze zu ver­stehen. Beim logischen Denken ist es ebenfalls aktiv.

Dass digitale Techniken in diesem wichtigen Hirnteil Spuren hinter­lassen, berichten auch die Experten vom Leibniz-Institut für Wissens­medien in Tübingen. Unter­gebracht in einem imposanten Gelb­klinker­bau, mit Blick auf die mittel­alter­liche Innen­stadt, erforschen rund 90 IWM-Wissen­schaftler, wie Computer, Tablets und Internet Lernen und Lehren ver­bessern können. Sie nutzen - ähnlich wie die Magde­burger - auch Eye-Tracking und EEG-Hauben.

"Digitale Medien sind per se weder gut noch böse", stellt Psycho­logie-Profes­sorin Ulrike Cress klar. "Sie haben bestimmte Eigen­schaften, die das Denken beein­flussen. Wir analy­sieren, wie wir Medien besser nutzen, um Lern­prozesse zu erleich­tern. Und wie wir negative Effekte vermeiden, etwa - bezogen auf das Internet - die Über­lastung des Gehirns durch zu viele Informationen.

Arbeitsgruppenleiter Peter Gerjets hat zum Stichwort Überlastung ein Beispiel parat: "Lesen und Lernen im Internet ist anders als im Buch", sagt der 54-Jährige. "Das liegt daran, dass digitale Texte andere Funktionalitäten enthalten als analoge, gedruckte Texte."

Grundsätzlich gilt, dass Lesen, anders als Sehen und Sprechen, nicht biologisch angeboren ist, sondern erlernt wird. Das heißt, dass das Gehirn die breiten Lese-Straßen, die Netzwerk-Verbindungen der Zellen, erst anlegt. Wobei ein Mensch beim Lesen Hochleistungen vollbringt: Das Gehirn muss blitzschnell Zusammenhänge bilden, unsinnige Wort-Bedeutungen unterdrücken und vieles mehr.

In Versuchen ließen die Tübinger ihre Test­personen Wikipedia-ähnliche Texte, die Links zum Weiter­klicken enthielten, zum Lernen nutzen. Und im Vergleich dazu Texte ohne Verlin­kungen. Das Ergebnis: Links bedeuten Ablenkung. "Schaut man auf das gleiche Wort, wenn es als Link markiert ist, wird die Pupille messbar größer, ein Indikator für kognitive Belastung." Das Gehirn springt an, und zwar das Arbeits­gedächtnis. Dabei werden offenbar Ressourcen benötigt, die auch zum Lernen wichtig sind. Das Lern-Ergebnis kann sinken.

"Das Spannende ist: Links lenken sogar dann ab, wenn sie nicht aufge­macht werden - nur weil sie vorhanden sind", berichtet Professor Gerjets weiter. "Sogar wenn wir Test­personen sagen, sie sollen die Links nicht anklicken, sondern sich nur auf ihr Lernziel konzen­trieren, können wir zeigen, dass die Lern­leistung sinkt." Die Erklärung: Der Link kann einen Impuls im Kopf auslösen, den Wunsch auf die neue Netz­seite zu springen. Den muss das Gehirn unter­drücken. "Und auch ein Unter­drücken belastet das Arbeits­gedächtnis."

Ablenkung, Unterdrücken von Impulsen, Lernen - alles fordert seinen Teil der begrenzten Ressourcen. Wie der Zusammen­hang genau ist und wie sich das lang­fristig im Kopf nieder­schlägt? Peter Gerjets' Antwort: Da muss man weiter­forschen.

Ähnliche Reaktionen der Über­forderung vermuten die Fach­leute, wenn man sich zu komplexen, meinungs­lastigen Themen im Internet schlau­machen will. "Denken Sie an das Thema Impf­schutz, was da alles durchs Netz schwirrt, auch Fake News", sagt der Psycho­loge Gerjets. Man finde zwar viele Infos. Aber, und das wäre ein Mammut­job, man müsste die Quellen auf Glaub­würdig­keit prüfen und ver­gleichen - ebenfalls eine Aufgabe fürs Arbeits­gedächtnis. "Dann schaltet das Gehirn irgend­wann in einen Stopp-Modus." Bei Internet­recherchen werden oft nur die ersten paar Links aufgerufen - dann wird abgebrochen.

Trotz solcher Alarmsignale hat der Familien­vater keine Bedenken, das eigene Kind per App beim Sprach­erwerb zu fördern. Und beide, er und IWM-Direktorin Cress, sind sich einig: "Über­forderung und Ablen­kungs­potenzial sind keine Argumente gegen ein Medium an sich, sondern gegen die unge­steuerte Nutzung."

Drastischer hört sich die Analyse von Maryanne Wolf an. Die Kogni­tions- und Literatur­wissen­schaft­lerin aus Los Angeles hat sich voll aufs Thema Lesen spezia­lisiert. Genauer, auf Unter­schiede zwischen Papier und Bild­schirm. Sie greift Erfah­rungen auf, die viele Menschen kennen: Wer regel­mäßig über Stunden am Bild­schirm liest, dem fällt es häufig schwerer als früher, lange Strecken auf Papier konzen­triert zu meistern. Inten­sives Lesen wird plötzlich zum Stress.

Buchautorin Wolf ("Schnelles Lesen, lang­sames Lesen") analy­siert, dass man digital in der Regel über weite Teile hinweg huscht. Man klopft den Text auf Schlüssel­wörter ab, über­fliegt den Rest. Dieses ober­flächliche Scannen sei auf Geschwin­dig­keit angelegt. Das tiefe Ein­tauchen ins Geschrie­bene dagegen werde eher vom Papier gefördert.

Passend dazu können Forscher zeigen, dass lange Infor­mations­texte aus Büchern und von Papier im Gehirn besser erinnert werden, als wenn sie aus dem Netz gefischt wurden. Wolf warnt, dass sich das Gehirn durch die neuen digi­talen Lese­gewohn­heiten insgesamt daran gewöhnen könnte, flach und unge­duldig zu denken. Sie sieht die Gefahr, dass Menschen so einen Teil ihrer Fähig­keit zur Analyse komplexer Fragen verlieren. Ein Risiko auch fürs Mit­denken in der Politik, für Wahlen und Demo­kratie. Aber bewiesen, räumt Wolf ein, ist das noch nicht.

In eine ähnlich mahnende Richtung zielt die "Stavanger-Erklärung" von Anfang 2019. Maryanne Wolf hat sie unter­zeichnet, genau wie Yvonne Kammerer vom Tübinger IWM. Darin fordern mehr als 130 Experten, das analoge Lesen weiter­hin zu fördern. Parallel sollten Schüler und Studenten lernen, auch am Bild­schirm ver­ständnis­orientiert zu lesen. Und sie appel­lieren: Forscht weiter zu diesen Themen!

"Es gibt Hinweise, dass bei Zeit­druck das digitale Lesen von Sach­texten im Ver­gleich zum analogen nach­teilig ist - ohne Zeit­druck nicht so", sagt die 37-jährige Kammerer.

"Ich glaube, wir sind an einem kri­tischen Punkt", mahnt US-Autorin Wolf. Blindes Vertrauen in Technik sei ein Fehler. "Wir sollten beim Umschwenken zum digi­talen Lesen nicht so schnell vorwärts­gehen wie bisher. Wir sollten uns Zeit nehmen, die Vorteile digi­taler Medien zu erkunden, und gucken, wie wir die Nachteile umgehen."

Der Braunschweiger Professor Martin Korte spricht eben­falls von einem "Über­gangs­zustand". Als Pessimist mag der 54-jährige Neuro­biologe nicht gelten. Handys und Tablets machten junge Menschen nicht per se dümmer als ihre Eltern - seien es die zwei­jährige Henriette oder heutige Teenager. Das Gehirn besitze eine alte Grund­struktur. "Wir haben kein Twitter-Gehirn, und wir haben auch kein Facebook-Gehirn. Wir haben die Gehirne von einer Horde von Stein­zeit­menschen, die gewohnt sind, um eine Höhle herum zu leben", sagt er. "Das wird sich sicher nicht so schnell ändern. Wir werden sicher bestimmte neue Techniken und Kompe­tenzen erlernen und dafür andere verlieren."

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