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Datum: Donnerstag, 16. Juli 2015

Artikel: Schaffler Verlag, Qualitas: 02/15 / Sigrid Pilz

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Der Supercomputer

Weitgehend unbeachtet in der österreichischen Diskussion zur Gesundheitsreform und zur künftigen Rolle von Ärzteschaft und Pflege, bereitet sich in den USA eine technologische Entwicklung vor, die dazu angetan ist, vieles an Gewissheiten und Autoritäten in der Medizin gründlich ins Wanken zu bringen.

Ein großer Computerkonzern hat in den vergangenen Jahrzehnten ein kognitives System entwickelt, das unter anderem dazu pro­grammiert wurde, Gespräche mit Medizinern zu führen und sie bei Diagnose und Therapie zu unterstützen. Beeindruckend ist die Kompetenz des Supercomputers, Fließtexte zu interpretieren und aus allen ihm zugänglichen Studien, Krankengeschichten und wissenschaftlichen Beiträgen eigenständig Schlüsse zu ziehen und dadurch ständig weiter zu lernen.

Er bietet dem ärztlichen Gesprächspartner Vorschläge für Diagnose und Therapie mit umfassender Begründung und genauer Kalku­lation der Wahrscheinlichkeiten an, die für die eine oder für die andere Interpretation sprechen. Er verfolgt seinerseits das Gespräch, das der Arzt mit dem Patienten führt und mischt sich ein, wenn er der Ansicht ist, der Arzt hätte eine wichtige Frage­stellung oder eine in der Krankengeschichte verfügbare Information übersehen. Im Gegensatz zum menschlichen Arzt ermüdet er beim Studium der vielen verfügbaren Dokumente aus dem World Wide Web niemals und er kann die Ergebnisse so abspeichern, dass er sie nicht vergisst. Er ist nicht durch eine bestimmte medizinische „Schule“ oder andere Interpretationsrahmen in der unvoreingenommenen Bewertung gehindert. Machtkämpfe mit Kollegen lassen ihn gänzlich kalt.

Die wichtigste Frage aus Patientensicht ist die nach dem Nutzen für die Behandlung. Gegenwärtig wird der Einsatz des Super­computers bei Brustkrebspatientinnen in den USA erprobt. Sollten sich zufriedenstellende Resultate abzeichnen, wird es sicherlich auch von Patientenseite Interesse an einer Ausweitung der Einsatzmöglichkeiten geben. Im Sinne des Patient Em­power­ment wäre es wünschenswert, den Mensch-Maschine-Dialog nicht auf die Mediziner zu beschränken, sondern auch eine direkte Kommuni­kations­ebene mit den Patienten zu etablieren. Die entsprechenden sprachlichen und inhaltlichen Tools müssten dafür wohl erst entwickelt werden.

Die Autorin hatte die Gelegenheit, eine Präsentation dieses Supercomputers mitzuerleben und an einer Podiumsdiskussion zum Thema teilzunehmen. Interessanterweise hielten sich einige österreichische Repräsentanten vorrangig mit der Frage auf, ob wir die Entwicklung eines selbstlernenden kognitiven Systems für eine gute und richtige hielten. Die Antwort ist ungefähr so relevant, wie ein Bekenntnis pro oder contra Internet. Viel wichtiger wird es statt dessen sein, sich diesen neuen Möglichkeiten zu stellen und sich vorrangig mit den Auswirkungen auf die Arzt-Patienten-Beziehung zu beschäftigen, die diese neue graue Eminenz im Medizinbetrieb zweifellos haben wird. Es ist von großer Wichtigkeit, darauf zu achten, dass alle relevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse für das lernende kognitive System zur Verfügung stehen. Wichtige Beurteilungsgrundlagen sollen nicht aus kommerziellen Gründen über eine manipulierte Auswahl des Contents ausgeklammert werden. Unabhängigkeit und Transparenz sind unverzichtbar für die Glaubwürdigkeit.

Abschließend kommentierte der Ärztekammerfunktionär im Rahmen der Podiumsdiskussion die künftigen Herausforderungen durch den maschinellen Kollegen:

Unterm Strich wird es aber auch weiterhin meine ärztliche Entscheidung bleiben, welche Diagnose ich stelle und was ich verordnen will.

Dagegen ist im Grunde nichts zu sagen, mit einer Einschränkung: Sollte sich die ärztlich-fachliche Beurteilung sehr von den Empfehlungen des Supercomputers unterscheiden, wird der menschliche Kollege gezwungen sein, seine Vorschläge medizinisch nachvollziehbar zu begründen.

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  Ausgabe: 02/2015/14. JG
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