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Datum: Montag, 13. März 2017

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ EXTRA: 58. JG (2017) Hygiene / Michaela Endemann

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Mikroorganismen leben auch gut auf Oberflächen

Zur Beseitigung von Keimen braucht es zu allererst einen Plan, wie bei der Reinigung und Desinfektion vorzugehen ist.

MRSA war gestern, Multiresistente Gramnegative Bakterien (MRGN) sind die neuen Ziele in Sachen Spitalshygiene. In diesem Zusammenhang werden in den Medien zu wenig und schlecht ausgebildetes Personal genannt1, und in Deutschland wird auch wieder einmal zu einem Zehn-Punkte-Plan gerufen.2 Da und dort kommen Versuche, gleich die gesamte Klinik mit speziellen Oberflächen keimfrei halten zu wollen, wieder auf die Agenda.3

Klar ist, Keime werden nicht nur durch Hände übertragen, manche davon leben durchaus erfolgreich, oft auch monatelang, auf unbelebten Flächen und können dort, wo sie häufig in Kontakt mit Menschen kommen, übertragen werden. Das allein genügt, um ein erhöhtes Infektionsrisiko zumindest anzunehmen. Spitäler sind also aufgerufen, sich dieser Sachlage anzunehmen und dement­sprechend Vorsorge zu treffen.

In Ermangelung eigener österreichischer Richtlinien greifen Österreichs Spitäler auf die Empfehlungen des Robert Koch Instituts aus dem Jahr 2004 zurück. Diese Anforderungen an die Hygiene bei der Reinigung und Desinfektion von Flächen4 geben Hilfestellungen in der Risikobewertung von Flächen und Hinweise zu Reinigungsverfahren und Umsetzung in der betrieblichen Organisation.

Der Hygieneplan

Hans Hirschmann ist stellvertretender Leiter des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektionsvorsorge des Landeskrankenhauses Feldkirch und gibt Einblicke in seine Arbeit hinsichtlich keimarmer Oberflächen: Zuallererst, so Hirschmann, sei definiert worden, welche Bereiche in Frage kommen. Das sind u.a. alle patientennahen Oberflächen, Sanitärräume, Türgriffe, Fußböden, Wände und natürlich als Spezialfall der gesamte OP-Bereich. Danach sei eine Risikobewertung nach Wahrscheinlichkeiten des direkten Kontaktes und der Infektionsmöglichkeit erfolgt. Nach Abschluss dieser Phase wurden Hygienepläne für alle Bereiche, Abteilungen etc. ausgearbeitet, die Reinigungs- und/oder Desinfektionsanleitungen festhalten.

„In den Plänen steht konkret, welche Oberflächen wie, mit welchen Mitteln und von welchen Mitarbeitern gereinigt und/oder desinfiziert werden müssen“, sagt Hirschmann. Der Hygieneplan gibt auch Auskunft über die Häufigkeit der Reinigung und/oder der Desinfektion. „An Oberflächen, die häufig berührt werden und wo Keime übertragen werden könnten, ist es erforderlich, dass eine regelmäßige Reinigung zumindest zweimal täglich erfolgt.“ Alle anderen Flächen wie Fußboden, Nachtkästchen, Tische, Gang werden täglich gereinigt, oder in der Verwaltung z.B. wöchentlich“, erklärt Hirschmann. Er betont, dass nicht immer eine Desinfektion sinnvoll sei, oft genüge eine gründliche und regelmäßige Reinigung. Neben der routinemäßigen Reinigung/Desinfektion, die der Prophylaxe dient, ist noch die gezielte Reinigung/Desinfektion nach erkennbarer Kontamination, also auch einer Schlussreinigung/-desinfektion zu erwähnen z.B. bei einem Patientenwechsel: „Beispielsweise müssen Arbeitsflächen wie Vorbereitungsflächen für Medikamente oder Verbandswagen vor und nach Gebrauch gereinigt und desinfiziert werden, Badewannen nach jeder Benutzung“, erläutert Hirschmann.

Personalia

Doch der beste Hygieneplan ist nichts ohne das ausführende Personal, etwa für die routinemäßige Reinigung. Und das sei laut Patrick Scheck, Qualitätsauditor einer Gebäudereinigungsfirma, zu 80 Prozent in heimischen Spitälern über externe Reinigungsfirmen angekauft. „Die ÖNORM D2040 sorgt für genormte Inhalte der Basisausbildung unserer Mitarbeiter. Ohne den absolvierten Kurs kann ich das Personal gar nicht mehr im Spital einsetzen.“

Im Unterschied zur herkömmlichen Büroreinigung sei der Zeitaufwand größer, was per se schon eingeplant werde und auch „dass sich Mitarbeiter nicht erlauben können, etwas zu vergessen“. Gründliches und genaues Arbeiten sind Voraussetzungen für diesen Job, der auch im Kollektivvertrag ein höheres Gehalt vorsieht als Büroreinigung. Dies sorge zusätzlich dafür, dass sich die Fluktuation in Grenzen halte, so Scheck. „Als Zulieferfirma habe ich einen erhöhten Einschulungsaufwand, daher ist es in unserem Interesse, dass die Mitarbeiter gut arbeiten.“ (Zum Thema Reinigungspersonal siehe auch Beitrag „Teamwork“ in den verwandten Artikeln unter dem Beitrag.)

Im Spital seien seine Ansprechpartner Mitglieder des Hygieneteams oder des Facilitymanagements. Gemeinsam seien sie für die Qualität der Reinigung zuständig und im ständigen Kontakt. „Es ist bereits Standard, dass ein elektronisches Qualitäts­sicherungs­system eingesetzt wird, das lückenlos die Arbeit unserer Mitarbeiter kontrolliert. So können wir gegebenenfalls nachschulen und auftretende Probleme rechtzeitig erkennen“, sagt Scheck. Aber auch der Personalschutz wird ernstgenommen, kommen die Reinigungskräfte doch über Putztücher oder Wischmopps in Kontakt mit möglicherweise kontaminierten Oberflächen. Spezielle Moppsysteme, bei denen kein Auswringen mehr nötig ist und das Reinigungsmittel bereits in richtiger Dosis aufgebracht ist, sollen sicherstellen, dass die Reinigungskraft nur zum Wechseln des Mopps damit in direkten Kontakt kommt. „So wird auch gewährleistet, dass praktisch keine Keimverschleppung von z.B. Zimmer zu Zimmer stattfinden kann, denn der Mopp ist genau für eine bestimmte Tätigkeit z.B. ein Zimmer verwendbar und muss dann gewechselt werden.“

Türgriffe aus Kupfer

Ein Trend aus den USA ist bereits in Europa angekommen. So werden neben den schon bekannten Nanosilberbeschichtungen für z.B. Tastaturen jetzt auch Kupferlegierungen für häufig benutzte Gegenstände wie Türgriffe oder Schalter eingesetzt. Man argumentiert mit der nachweislich reduzierten Keimbelastung dieser Materialien. Doch die Beweislage ist dünn, geht es darum, auch beim Patienten Infektionen zu verringern. So gibt es zwar eine Studie5, die besagt, dass die Rate für nosokomiale Infektionen bei Patienten um ungefähr 40 Prozent sank, wenn diese in Räumen lagen, deren Türgriffe, Schalter etc. mit Kupfer beschichtet waren.

Jedoch weisen Kritiker auch darauf hin, dass sich dann das Personal und die Patienten in falscher Sicherheit wiegen könnten. Dazu heißt es in einer Stellungnahme der Sektion Klinische Antiseptik der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und der Desinfektionsmittel-Kommission des Verbunds für Angewandte Hygiene: „Nicht die imprägnierte Türklinke, das imprägnierte Bett oder gar die imprägnierte Sanitäranlage schützen vor Erregern nosokomialer Infektionen, sondern die Händehygiene steht im Mittelpunkt der Infektionsprävention. Das wird unterstützt durch die Desinfektion patientennaher, insbesondere handberührter Flächen, die korrekte Aufbereitung von Betten und Medizinprodukten, den rationalen Einsatz von Antibiotika sowie die Einhaltung der Hygienestandards bei allen pflegerischen und ärztlichen Maßnahmen einschließlich der Überwachung der Erregerausbreitung durch Screening und Surveillance.“

Hans Hirschmann vom Landeskrankenhaus Feldkirch hinterfragt auch die Empfehlungen des Robert Koch Instituts: „Würde man den Empfehlungen folgen, so müsste man z.B. jeden Tag Bett, Nachttisch, Sanitäranlagen eines Patienten nicht nur reinigen, sondern auch desinfizieren.“ Die seien ja, sobald diese Gegenstände gereinigt werden, sofort wieder mit denselben Mikroorganismen kontaminiert. „Wir in der Hygiene plädieren eher für eine Händedesinfektion vor und nach Patientenkontakt und, dass diese Hygienemaßnahmen tatsächlich auch durchgeführt werden. Das gesamte Personal sollte sensibilisiert werden, dass vor und nach Patientenkontakt, egal was vorher gemacht wurde, die Hände zu desinfizieren sind.“ Die Compliance in diesem Bereich ist, schenkt man einschlägigen Berichten Glauben, eher niedrig.6,7,8 „Natürlich braucht das Zeit, doch meiner Meinung nach ist das wesentlich nützlicher, als alle Oberflächen keimarm zu halten, mit welchen Methoden auch immer, und sich so in einer falschen Sicherheit zu wiegen.“

Reinigung

Beseitigung von Schmutz und Staub, um eine Besiedelung von Mikroorganismen zu verhindern. Man unterscheidet zwischen Trocken-, Feucht- und Nassreinigung. Eine Keimreduzierung bis zu 90 Prozent kann auch schon durch bloße Reinigung erzielt werden.

Desinfektion

Keimabtötung oder Inaktivierung von Mikroorganismen mit speziell dafür entwickelten chemischen Mitteln. Diese Mittel können bakterizid, also gegen Bakterien, fungizid (gegen Pilze), begrenzt viruzid (z.B. HIV, Hepatitis C) oder viruzid (z.B. gegen Noro-Viren) wirken.

Literatur:
1 Engel G (2017): Jede vierte Klinik ignoriert Hygieneempfehlungen. ARD Tagesschau, 12.1.2017. Zugang: www.tagesschau.de/wirtschaft/krankenhaeuser-hygiene-101.html, Zugriff 16.1.2017.
2 Kampf gegen Krankenhaus-Keime. ARD Tagesschau, 11.1.2017. Zugang: www.tagesschau.de/inland/plan-gegen-krankenhauskeime-101.html, Zugriff 16.1.2017.
3 600 Klinken gegen Keime. Asklepios Kliniken Hamburg. Zugang: www.asklepios.com/hamburg/harburg/qualitaet/sicherheit-uebersicht/projekt-kupferklinken/ Zugriff: 16.1.2017.
4 Christiansen B et al (2004): Anforderungen an die Hygiene bei der Reinigung und Desinfektion von Flächen. Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut (RKI). Bundesgesundheitsbl - Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz.47:51–61 DOI 10.1007/s00103-003-0752-9.
5 Keevil B (2011): New Insights into the Antimicrobial Mechanisms of Copper Touch Surfaces, Zugang: https://www.eurekalert.org/pub_releases/2011-07/uos-cri070111.php, Zugriff 16.1.2017.
6 Kramer A et al (2010): Stellenwert der antimikrobiellen Ausstattung von Objekten in der Infektionsprävention. Gemeinsame Stellungnahme der Sektion Klinische Antiseptik der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. (DGKH) und der Desinfektionsmittel-Kommission des Verbunds für Angewandte Hygiene e.V. (VAH) Hyg Med 35 [12].
7 Truscheit K (2012): Handgemacht und hausgemacht. Faz.net. Zugang: www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/krankenhaus-hygiene-handgemacht-und-hausgemacht-11886606.html. Zugriff 16.1.2017.
8 Vander K (2013): Händehygiene – Vortrag Aktion saubere Hände. Zugang: www.gesundheitsportal-steiermark.at/Documents/Einführungskurs/02_Händehygiene_Compliance.pdf Zugriff: 16.1.2017.


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