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Datum: Sonntag, 26. November 2017

Artikel: CGM / Philipp Streinz

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Hartz IV und Kürzungen:

Durchlöcherung des sozialen Netzes führt zu 10% mehr psychischen Problemen

Die weitere Durchlöcherung des unteren sozialen Netzes führt zu einer Abwärtsspirale, die schwierige soziale Situationen verschärft und verlängert. Besonders für die untere Mittelschicht. Die Streichungen der Wohnbeihilfe in England führten zu einem 10 prozentigen Anstieg von Erschöpfungsdepressionen bei Personen aus Niedrigeinkommenshaushalten wie aktuelle Studien der Universität Oxford1 zeigen.

Hartz IV für Österreich mit Abschaffung der Notstandshilfe und Kürzungen bei Arbeitssuchenden würde die Zahl der Personen in sozialer Not massiv erhöhen. 160.0002 Menschen werden in die Einkommensarmut getrieben. Alle diese Vorschläge führen dazu, dass soziale Unsicherheit bis weit in die unteren Mittelschichten hoch getrieben wird - und sich Gegenwart und Zukunft für Hunderttausende verbaut. Reformen wären sinnvoll, wenn sie versuchen würden, die Existenz und Chancen zu sichern, aber nicht Leute weiter in den Abgrund zu treiben, so die Armutskonferenz, das Netzwerk von über 40 Initiativen aus sozialen Organisationen, Selbsthilfeinitiativen, Wissenschaft, Bildungseinrichtungen und Armutsbetroffenen.

Chancentod für Kinder

Hartz IV hat Kinderarmut bis weit in die unteren Mittelschichten erhöht, zehntausenden Kindern die Gegenwart vergiftet - und die Zukunft verbaut. Empirische Langzeitstudien zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Familieneinkommen und Entwicklung des Kindeswohls (ISS-Studie zu Kinderarmut in Deutschland). Zentrale Faktoren für die Entwicklung von Kindern sind: Gesundheit, Anerkennung, Förderung - keine Beschämung und keine Existenzangst. Wir müssen uns vielmehr darum kümmern, die notwendigen Rahmenbedingungen für ein gesundes Aufwachsen zu gewährleisten, so die Armutskonferenz.

Missstände und desolate Wohnungen

Viele dieser Menschen werden dann gedrängt in billigere, oft feuchte, verschimmelte Wohnungen zu ziehen. In einigen Bundesländern sind die Menschen in Mindestsicherung gezwungen, die restlichen Wohnkosten aus den Leistungen, die eigentlich für den sonstigen Lebensbedarf vorgesehen sind, zu begleichen - oder Mietschulden anzuhäufen. Meistens ist das einzige wo man noch streichen kann die Ernährung. Und: Delogierungen kommen teurer, sowohl den Betroffenen als auch der Gesellschaft.

Altersarmut und Niedriglohnsektor

Die Abschaffung der Notstandshilfe würde auch einen Anstieg der Altersarmut - keine Pensionsversicherung mehr - mit sich bringen. Deutschland hatte in den letzten zehn Jahren den raschest wachsenden Niedriglohnsektor Europas. Der dadurch geschaffene Niedriglohnsektor übte starken Druck auf die gesamte Lohnentwicklung aus. Die Konsequenz: Die Löhne stiegen nicht angemessen und bleiben weit unter der Produktivität wie Inflation. Das hat dazu geführt, dass sich immer weniger Menschen das Leben leisten können. Die Mehrzahl der Leute im Niedriglohnsektor in Deutschland verfügt übrigens entgegen aller Vorurteile über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Prekäre Beschäftigung ist kein Sprungbrett in den sog. ersten Arbeitsmarkt. Nur 12% steigen in bessere Arbeitsverhältnisse um. Man fällt schnell hinein und kommt umso schwerer wieder heraus. Es entstehen vielmehr Drehtüreffekte vom schlechten Job zum schlechteren Job.

Literatur:
1Reductions in the United Kingdom's Government Housing Benefit and Symptoms of Depression in Low-Income Households, S. 421-429, Reeves, Clair, McKee and Stuckler
2Simulation of an application of the Hartz-IV reform in Austria, Michael Fuchs, Katarina Hollan, Katrin Gasior

Quelle: APAMED